Zum 90. Geburtstag von Sofia Gubaidulina

Sich selbst unter allen Umständen treu bleiben

Eine der faszinierendsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit feiert heute ihren 90. Geburtstag: die Komponistin Sofia Gubaidulina.

© Priska Ketterer

Sofia Gubaidulina

Sofia Gubaidulina

„Das war doch das Konzert mit dem Clown“, erinnert sich so mancher Zuhörer an den Besuch von Sofia Gubaidulina. Drei Tage war sie 2010 bei den Internationalen Weingartener Tagen für Neue Musik und hat tiefgreifende Eindrücke hinterlassen. „Sofia Gubaidulina gilt als Komponistin, deren Werk durch seine Intensität, Spiritualität und zutiefst persönliche Ausdrucksweise die Menschen bewegt. Vor allem in ihrer geistlichen Musik hat sie neue Horizonte jenseits der alltäglichen Zeiterfahrung erschlossen“, schwärmen die Veranstalter des Festivals. „Sie gilt als Ausnahmekomponistin der Neuen Musik, als bedeutendste russische Komponistin der Gegenwart und als nachdenkliche Person, deren spiritueller Horizont nicht bei der Musik endet.“

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In ihrem Werk „Verwandlung“ schafft Gubaidulina mit kammermusikalischen und minimalistischen Szenen eine traurige Form der Verwandlung. Sie steht stellvertretend für die Gesellschaft, die das Individuum absorbiert und eliminiert. Der Posaunist verwandelt sich in einen tragikomischen Clown – eine Tragik, die auch das Leben der Komponistin geprägt hat.

Ein Leben als freie Komponistin war im sozialistischen System ein schwieriges Vorhaben

Am 24. Oktober 1931 wurde sie in Tschistopol in der damaligen Tatarischen Sowjetrepublik geboren. Nach ihrem Studium am Moskauer Konservatorium 1963 lebte sie in der sowjetischen Hauptstadt als freie Komponistin. Ein schwieriges Vorhaben im sozialistischen System. Zudem wurde alles, was unter „Neuer Musik“ verstanden wurde, als westlich-dekadent verbannt. Mit Filmmusik verdiente sie mehr schlecht als recht ihr Geld. Immerhin hatte die Filmbranche den Vorteil, nicht der staatlichen Zensur zu unterliegen – anders als in der Musik.

So wurde ihr erster Sinfonie-Versuch vom Prüfungskomitee als „Irrweg“ bezeichnet. Doch es gab jemanden, der ihr Mut machte und ihr riet, ihren Weg, „so fehlgeleitet er auch ist“, fortzusetzen: Dmitri Schostakowitsch. Geehrt von dieser prominenten Ermutigung, zählt das Werk Schostakowitschs neben jenem Anton Weberns zu Gubaidulinas größten Einflüssen. Sie eignete sich die wesentlichen musikalischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wie erweiterte Tonalität, Aleatorik, Serialismus und elektronische Musik selbst an und verschmolz diese Einflüsse zu ihrer ganz eigenen Mischung.

Tiefgläubig: Sofia Gubaidulina

Ihre Werke sind gekennzeichnet von zarter Empfindsamkeit, einem feinsinnigen Wechsel zwischen Stille und Klang sowie der Einheit von Emotionalität und Intellekt. Die Symbolik der Zahlenverhältnisse, wie sie in Werken von Johann Sebastian Bach zu finden ist, hat eine ganz besondere Bedeutung für Gubaidulina. Durch einen tiefen christlichen Glauben fühlt sie sich dem Barockkomponisten verbunden. Auch das Kreuz ist für die gläubige Komponistin ein zentrales Motiv. Doch den politischen und kulturellen Käfig der Sowjetunion konnte sie nach wie vor nicht verlassen.

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Dann kamen die achtziger Jahre. Der Geiger Gidon Kremer war anlässlich des Moskauer Herbsts zu Besuch und bat sie während einer gemeinsamen Taxifahrt, ein Violinkonzert für ihn zu schreiben. 1981 war das Konzert mit dem Titel „Offertorium“ vollendet, Kremer Kremer trug ihr Werk in den Westen. Dank Michail Gorbatschows Perestroika durfte Gubaidulina das Land verlassen. Es folgten viele Reisen und letztendlich der Umzug nach Appen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg. Dort zieht sie abgeschieden und umgeben von Natur ihre Kompositionen heran. Denn sie vergleicht sich selbst mit einer Gärtnerin, die Musik und Werke züchte, vom stabilen Wurzelwerk bis hin zu überraschend neuen Ästen und Blättern. Diese musikalischen Blüten klingen mal wie eine eindringliche Warnung, mal wie ein verheißungsvolles Jenseitsversprechen.

Trotzdem dauerte es nach ihrem Umzug nach Deutschland 1992 eine Weile, bis sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war. Inzwischen gehört sie zu den großen Namen der zeitgenössischen Musik, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen und Trägerin des Ordens Pour le Mérite sowie des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Für die Musikwelt wurde sie zur greifbaren Persönlichkeit: Neugierig, gütig, offen und engagiert begeistert sie ihr Publikum, das erst durch ihre Musik versteht, was es wirklich heißt, sich selbst unter allen Umständen und trotz allen Entbehrungen treu zu bleiben.

Anne-Sophie Mutter ist Sofia Gubaidulinas zweites Violinkonzert „In Tempus Praesens“ von 2007 gewidmet. Erhalten Sie hier einen Einblick in die Entstehung des Werkes:

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