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Zeitinsel Gubaidulina am Konzerthaus Dortmund

Auch vermeintliche „Irrwege“ führen ans Ziel

Das Konzerthaus Dortmund ehrt mit der „Zeitinsel Gubaidulina“ eine Meisterin ihres Fachs.

vonSören Ingwersen,

Es sind die suchenden, tastenden Töne, die sich aus der Stille heraus zu Motiven formen, mit denen Sofia Gubaidulina ihre eigene Musiksprache gefunden hat. Anklang hat sie damit lange Zeit nicht gefunden. Als die Tochter tatarisch-russischer Eltern ihrer ersten Schritte als freie Komponistin in Moskau macht, ist Josef Stalin erst wenige Jahre tot. Sowjetische Kulturfunktionäre bezeichnen ihre Musik als „pflichtvergessen“, nur einer spricht ihr Mut zu: Dmitri Schostakowitsch. Als Mitglied der Prüfungskommission, vor der sie ihren Abschluss macht, bestärkt er sie, ihren „Irrweg“ weiterzugehen. Das tat sie. Gubaidulina beschäftigte sich intensiv mit der Musik Johann Sebastian Bachs, die immer wieder als Referenz für ihre eigenen Werke herangezogen wird, aber auch mit Mahler, Strawinsky und Zwölftonmusik.

Sie schreibt Werke für großes Orchester und experimentiert in ihrer Kammermusik mit Instrumenten aus ihrer ehemaligen tatarischen Heimat. Seit Anfang der neunziger Jahre lebt die vielleicht bedeutendste russische Komponistin der Generation nach Schostakowitsch in Deutschland und hat hier vor etwas über einem Jahr ihren 90. Geburtstag gefeiert. Schon in der Saison 2020/21 wollte das Konzerthaus Dortmund Gubaidulina mit einer „Zeitinsel“-Reihe porträtieren, die jedoch aufgrund der Pandemie kurzfristig abgesagt werden musste. Vom 2. bis 5. Februar hat das Publikum nun die Möglichkeit, die bescheidene Grande Dame der zeitgenössischen Musik aus der Nähe zu erleben.

Die innere Wahrheit der Musik

In einem Salon spricht Intendant Raphael von Hoensbroech mit Gubaidulina über ihr Leben, ihre Werke und ihre ausgefallene Instrumentensammlung. Die fünf Konzerte, die am verlängerten Wochenende Kostproben aus dem umfangreichen Œuvre geben, sind in enger Absprache mit der Komponistin konzipiert. Künstler und Klangkörper wie das Porter Percussion Duo, Bajan-Spielerin Elsbeth Moser, Cellist Narek Hakhnazaryan, das Chorwerk Ruhr, das WDR Sinfonieorchester und ORF Radio-Symphonieorchester Wien kombinieren Werke der tiefgläubigen Tonschöpferin mit Musik von Bach, Schostakowitsch, Weinberg und anderen. „Ob ich modern bin oder nicht, ist mir gleichgültig. Wichtig ist mir die innere Wahrheit meiner Musik“, sagt Gubaidulina. Vier Tage lang wird die Zeitinsel von dieser Wahrheit umweht.

concerti-Tipp:

Zeitinsel Gubaidulina
2.2.–5.2.2023
Antoine Tamestit, Porter Percussion Duo, Chorwerk Ruhr u. a.
Konzerthaus Dortmund

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