Porträt Albrecht Mayer

Hirtengesänge für die Welt von heute

Albrecht Mayer ist seit über 20 Jahren Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Und einer der erfolgreichsten Musiker auf dem CD-Markt.

© Mat Hennek

Albrecht Mayer

Albrecht Mayer

Die Berliner Philharmoniker haben in jüngster Zeit herbe Verluste erlitten. 2011 verließ der tschechische Solo-Hornist Radek Baborák das Orchester, zum Ende der Saison 2012/13 verabschiedete sich der ebenfalls unersetzliche 1. Konzertmeister Guy Braunstein in die virtuose Selbstständigkeit. Man nimmt daher erleichtert zur Kenntnis, dass Albrecht Mayer keine zentrifugalen Absichten zu erkennen gibt. Er ist seit 1992 Solo-Oboist der Philharmoniker. Und will es bleiben, sagt er.

 

Mayer könnte gut auf dem freien Feld überleben, wofür Doppelrohr spielende Hirten ohnehin erfunden wurden. Aber er favorisiert die Doppelexistenz: hier die Solo-Karriere, dort das halbwegs sichere Revier eines Orchesters. Ihm ist klar, was er der Mitwirkung in einem solchen Ensemble menschlich und künstlerisch verdankt. Da die Berliner Philharmoniker einen extrem engen Proben- und Konzertplan haben, kann man sich das Belastungsdiagramm Mayers leicht ausmalen. Allzu bukolisch dürfte es in seinem Berufsleben als Orchester-Solist, Virtuose und seit einiger Zeit auch als Dirigent nicht zugehen; es ist die Freude an der Musik, die diesen Stress bewältigen hilft, spielend. Wäre er Fondsmanager, würde Mayer seine Träume schon längst einem Analytiker vortragen – als Oboist kann er sie sich erfüllen. Zum Beispiel auf dem Phonomarkt.

Vielseitig: Von Mozart bis Jingle Bells

Der Mann mit dem sagenhaft sanften und langen Atem besitzt nämlich einen Decca-Vertrag. Vorher veröffentlichte er bei der Deutschen Grammophon, bei EMI, Tudor und RCA. Solche Verträge sind heutzutage selten und werden immer seltener. Albrecht Mayers Erfolg hat viele Töchter, harte Arbeit gehört auch zu ihnen. „Plattenverträge fallen einem nicht in den Schoß“, sagt er. „Ich musste mir meinen Markt erkämpfen. Für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, bin ich dankbar. Aber das bringt auch viel Verantwortung mit sich.“ Soll heißen: die Alben müssen sich verkaufen, die Produzenten sind keine Idealisten.

Und sie verkaufen sich nicht schlecht. Sowohl Mayers Silberlinge des klassischen Oboen-Repertoires von Telemann und Mozart bis Strauss und Vaughan Williams als auch die Konzept-Alben wie „In Venedig“ oder „Bonjour Paris“ finden großen Anklang. Stoßrichtung und Strategie sind deutlich: gezielt wird aufs große Publikum, und wer einmal etwas Populäres mit Mayer kaufte, wird vielleicht auch etwas Elitäres, sogar Ausgefallenes von ihm hören wollen. Die beiden aktuellen Projekte folgen dieser Linie. In Kürze erscheint ein zusammen mit den King’s Singers aufgenommenes Winteralbum, auf dem sich Bearbeitungen von Greensleeves, Jingle Bells, Rapapampam, Schubert und viel Barock finden. Mayer schwärmt schon lange für dieses englische Herren-Sextett, findet keinen Superlativ, der übertrieben genug für sie wäre, bezeichnet die Zusammenarbeit als Gottesgeschenk. Danach werden dann wieder Randzonen erkundet, Stücke von Kozeluch und Fiala ausgegraben. Leider hat das 19. Jahrhundert kaum Spielbares für Holzbläser hinterlassen und Beethoven sein Oboenkonzert nicht beendet; trotzdem sei das Repertoire erfreulich groß, so Mayer. Und niveauvoll. „Ich wage die halsbrecherische These: Ludwig August Lebruns Oboenkonzerte d-Moll und g-Moll stehen mindestens auf einer Höhe mit Mozarts Oboenkonzert!“

Rennrad gegen Oboe

 

Es gibt also reichlich zu tun in den nächsten Jahren. Der zum Berliner, mindestens zum bekennenden Zehlendorfer gewordene Musiker aus Franken muss zusehen, dass seine Hobbies nicht auf der Strecke bleiben, das Rennrad nicht verrostet, der Kochlöffel nicht eintrocknet. Soll er alles machen oder bleiben lassen, solange nur dieser geschmeidig warme und zugleich bronzene Glanz seines Tones erhalten bleibt. Von den Freiluftmusikanten des alten Griechenland berichtet die Literatur ja wahre Wunderdinge. Aber großer Apoll, wenn Daphnis und all die klassischen Hirten annähernd so berückend gespielt haben wie Albrecht Mayer – wie konnte die Antike dann untergehen?!

CD-Tipp

Termine

Samstag, 18.02.2023 17:00 Uhr VERDO Kultur- und Tagungszentrum
Sonntag, 19.02.2023 20:00 Uhr Schlosstheater Celle

Albrecht Mayer, Theo Plath, Fabian Müller

Françaix: Trio, Boutry: Interférences I, Saint-Saëns: Oboensonate D-Dur op. 166 & Fagottsonate G-Dur op. 168, Ravel: Miroirs (Auszüge), Poulenc: Trio

Freitag, 24.02.2023 20:00 Uhr VERDO Kultur- und Tagungszentrum
Samstag, 25.02.2023 17:00 Uhr St. Johannis Hitzacker
Sonntag, 26.02.2023 17:00 Uhr VERDO Kultur- und Tagungszentrum
Sonntag, 19.03.2023 11:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Albrecht Mayer, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Peter Ruzicka

Schumann: Ouvertüre zu „Manfred“ op. 115, Ruzicka: Aulodie für Oboe und Orchester, Varèse: Arcana, Williams: Suite aus „Star Wars“

Montag, 20.03.2023 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Albrecht Mayer, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Peter Ruzicka

Schumann: Ouvertüre zu „Manfred“ op. 115, Ruzicka: Aulodie für Oboe und Orchester, Varèse: Arcana, Williams: Suite aus „Star Wars“

Sonntag, 23.04.2023 11:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

Albrecht Mayer, Staatsorchester Stuttgart, Alondra de la Parra

Prokofjew: Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 „Symphonie classique“, Elgar/Jacob: Soliloquy, Vaughan Williams: Oboenkonzert a-Moll, Márquez: Sinfonía Imposible

Montag, 24.04.2023 20:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

Albrecht Mayer, Staatsorchester Stuttgart, Alondra de la Parra

Prokofjew: Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 „Symphonie classique“, Elgar/Jacob: Soliloquy, Vaughan Williams: Oboenkonzert a-Moll, Márquez: Sinfonía Imposible

Mittwoch, 10.05.2023 19:00 Uhr Stadthalle Chemnitz

Albrecht Mayer, Robert-Schumann-Philharmonie, Guillermo García Calvo

Elgar: Soliloquy, Hidas: Oboenkonzert, Mahler: Sinfonie Nr. 7 e-Moll

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