Porträt Trio Faust

Kopf und Körper

Im Triospiel suchen Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikov die ideale Balance – musikalisch wie menschlich

© Felix Broede

Isabelle Faust

Isabelle Faust

Draußen scheint die Sonne, drinnen wird geprobt. Schon den ganzen Tag sitzen Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov und Isabelle Faust in Queyras‘ Unterrichtszimmer an der Freiburger Musikhochschule, um sich intensiv mit Klaviertrios von Haydn, Beethoven und Schumann zu beschäftigen. Auf den Notenständern liegt Schumanns letztes Trio in g-Moll. Den markanten Aufschwung zu Beginn des zweiten Satzes kostet Isabelle Faust an der Violine mit vollem Vibrato aus. Jean-Guihen Queyras übernimmt die Geste zwei Takte später und steigert sie. Alexander Melnikov sitzt ganz ruhig, äußerlich fast teilnahmslos am Flügel und zaubert Farben und Stimmungen dazu. Man spürt die große Vertrautheit miteinander. Die Atmosphäre ist ernst und konzentriert. In den kurzen Unterhaltungen geht es um Feinheiten wie die Gestaltung eines Übergangs oder dynamische Abstufungen. Es gibt keinen Chef, der bestimmt. Man probiert einfach – und lässt sich von einer Variante überzeugen.

Ein eingespieltes Team

Auch wenn die Künstler gerade mit der Einspielung von zwei Beethoven-Klaviertrios ihre erste offizielle Trio-CD vorgelegt haben, arbeiten sie schon lange zusammen. „Jean-Guihen und ich kennen uns seit rund 25 Jahren. Und mit Sascha (Alexander Melnikov) habe ich bereits alle Violinsonaten von Beethoven aufgenommen“, sagt Isabelle Faust. 2004 waren die drei gemeinsam schon auf Isabelle Fausts Dvořák-CD zu hören, auf der die Geigerin das Violinkonzert mit dem Klaviertrio op. 65 kombinierte. Für Queyras, der mit seiner Familie in Freiburg wohnt und an der Musikhochschule unterrichtet, hat das Ensemble eine „ideale Balance zwischen Kopf und Körper. Ich mag unsere Arbeit am Klang, aber auch an der Konstruktion – das geht immer Hand in Hand. Wir schauen uns die Quellen an, sind aber letztendlich nicht dogmatisch.“

Musikalische Gemeinsamkeiten, charakterliche Unterschiede

Melnikov schätzt den besonderen Streicherklang der beiden. „Stilistisch durchaus unterschiedlich, aber sehr organisch. Und ich bin immer zu laut“, bemerkt er lachend. „Unser Trio ist für mich ein absoluter Glücksfall“, schwärmt auch die aus Esslingen stammende Isabelle Faust. „Wir empfinden sehr ähnlich, sind aber schon unterschiedliche Charaktere – sonst würde das auch schnell langweilig werden.“ Was die Ausnahmekünstler noch miteinander verbindet, ist ihre Erfahrung mit historischer Aufführungspraxis. Die Wahl des richtigen Instruments, bei den Streichern auch die Frage des Bogens und der passenden Saiten spielt für alle eine große Rolle.

Auch für das kommende Schumannprojekt war dieser Aspekt wichtig. Gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester sind die Künstler mit Robert Schumanns Konzerten für Violine, Klavier und Cello unter dem Dirigenten Pablo Heras-Casado auf einer Konzerttournee zu hören. Parallel dazu erarbeiten sie die drei Klaviertrios des Komponisten. Auf den bei harmonia mundi erscheinenden CDs wird dann je ein Konzert mit einem Klaviertrio kombiniert. Alexander Melnikov hat für das Projekt einen Érard-Flügel gewählt, der genügend Klangvolumen besitzt. Die beiden Streicher haben Darmsaiten auf ihre Instrumente aufgezogen. An der Musik Schumanns gefällt den Künstlern die Mischung aus emotionaler Tiefe und anspruchsvoller Konstruktion. „Schumann bringt uns zum Nachdenken“, sagt Alexander Melnikov. „Man ist sich nie ganz sicher. Es gibt so viele Anspielungen. Die Musik ist manches Mal so intim, dass man fast eine Scheu davor hat, so weit zu gehen wie der Komponist. Schumann vereint Extreme in sich – das ist ungeheuer faszinierend.“

CD-Tipp

Beethoven: Trios Nr. 6, 2 & 7 Alexander Melnikov (Fortepiano), Isabelle Faust (Violine), Jean-Guihen Queyras (Violoncello)
harmonia mundi

Termine

Freitag, 06.12.2019 20:00 Uhr Komische Oper Berlin

Nadja Mchantaf, Isabelle Faust, Marie-Elisabeth Hecker, Ainārs Rubiķis

Rimski-Korsakow: Suite aus der Oper „Schneeflöckchen“, Ravel: Scheherazade op. 41, Brahms: Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102

Sonntag, 12.01.2020 11:00 Uhr Bayerische Staatsoper
Montag, 13.01.2020 20:00 Uhr Bayerische Staatsoper
Dienstag, 14.01.2020 20:00 Uhr Bayerische Staatsoper
Samstag, 18.01.2020 19:30 Uhr Beethoven-Haus Bonn
Sonntag, 19.01.2020 19:30 Uhr Beethoven-Haus Bonn
Montag, 20.01.2020 19:30 Uhr Beethoven-Haus Bonn
Montag, 27.01.2020 19:30 Uhr Brucknerhaus Linz
Freitag, 28.02.2020 20:00 Uhr Prinzregententheater München

Isabelle Faust, Akademie für Alte Musik Berlin, Bernhard Forck

Werke von J. S. Bach & C. P. E. Bach

Sonntag, 01.03.2020 19:00 Uhr Philharmonie Essen

Isabelle Faust, Bernhard Forck, Xenia Löffler, Akademie für Alte Musik Berlin

J. S. Bach: Konzert d-Moll für zwei Violinen BWV 1043, Konzert c-Moll für Oboe, Violine und Streicher BWV 1060, Concerto g-Moll BWV 1056R, Triosonate Nr. 5 C-Dur BWV 529 & Concerto d-Moll BWV 1052R, C. P. E. Bach: Sinfonie C-Dur Wq 182 Nr. 3

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