Porträt Jörg Halubek

Wie der Schüler eines Komponisten

Der Dirigent, Cembalist und Organist Jörg Halubek verwirklicht dank seiner besonderen Auffassung von historischer Aufführungspraxis hoch spannende Projekte.

© Marco Borggreve

Jörg Halubek

Jörg Halubek

Als Barockmusiker komme man an Bach nicht vorbei, erklärt Jörg Halubek, als er seine „Bach Organ Landscapes“ angesprochen wird. Mit diesem Projekt – der Einspielung des gesamten Bach’schen Orgelwerks – möchte er einen Blick in jene Orgellandschaften und Orgelbautraditionen ermöglichen, die für Bachs Musik eine wichtige Rolle spielten. Doch das ist nur ein Teil der „Landscapes“. Neben den Tonaufnahmen sollen auch Fotos und Videos auf einer eigens eingerichteten Webseite die historischen Instrumente und die Orte, in denen sie sich befinden, sicht- und erlebbar machen.

Doch der Dirigent, Cembalist und Organist kommt gleich auf die Barockoper zu sprechen, auf die (noch) unentdeckten Komponisten aus jener Zeit. In diesem Experimentierfeld fühle er sich zu Hause. Bereits in der Barockzeit hat man hierzulande die italienischen Rezitative ins Deutsche übersetzt. Diese auf Hamburg zurückzuführende Tradition, Halubeks persönlicher Forschungsschwerpunkt, möchte er wiederbeleben. „Die italienischen Rezitative sind ja selbst für Italiener schwer zu verstehen. Dadurch ist das handlungstreibende Element, das das Theater ja eigentlich ausmacht, außen vor und wird stattdessen oft Übertiteln oder auch verrückten Regieideen anvertraut.“

Dass Halubek für seine mannigfaltigen Projekte brennt, merkt man nicht nur am enormen Sprechtempo des Westfalen, sondern auch daran, dass er auf jede Antwort eine historisch fundierte Fußnote parat hat. Er denkt auch meist gesamtheitlich, möchte sich nicht auf das rein Musikalische beschränken, wenn es beispielsweise um Opernproduktionen (oder eben um die „Landscapes“) geht. „Mir ist schon wichtig, dass ich mir gleich am Anfang einer Produktion gemeinsam mit Regie, Bühnenbild und Kostüm überlege, was man denn eigentlich erzählen und wie man das erzählen möchte.“ Schließlich sei der Werkbegriff der Oper in der Barockzeit nicht abgeschlossen, man könne etwa auch mal eine Arie umstellen oder die Instrumentierung verändern. Auf die Frage, welchen Stellenwert für ihn die historisch korrekte Aufführungspraxis habe, folgt erst mal eine lange Pause, um dann erst einmal klarzustellen, dass es nicht sein künstlerisches Ziel sei, eine Rekonstruktion auf die Bühne zu bringen. „Ich versuche nicht, die Aufführung vom Soundsovielten nachzuempfinden. Dann bräuchte ich ja auch den entsprechenden Raum und das Publikum. Und müssten wir dann nicht auch Kerzenleuchter im Theaterraum installieren?“ Und schon kommt er auf einen Reisebericht zu sprechen, in dem ein Zeitgenosse über die Instrumentierung eine Händeloper mit zwei Cembali und einer Laute geschrieben hat. „Wie hätte Händel die Oper instrumentiert, wenn ihm ein größeres Budget zur Verfügung gestanden hätte?“ Seine interpretatorische Philosophie ist daher nicht, die historischen Dokumente als maßgebliche Referenzen anzusehen, sondern stattdessen „eine Lösung zu finden, die ein guter Schüler eines Komponisten gemacht hätte.“

© Marco Borggreve

Jörg Halubek

Jörg Halubek

Früher, als er an der Schola Cantorum Basiliensis studierte, seien seine Anschauungen „schon ein wenig militanter“ gewesen. Damals wollte er ganz genau wissen, wie welcher Triller zu welcher Zeit von welchem Komponisten an welchem Ort gespielt wurde. Diese musikhistorischen Erforschungen sind für ihn freilich ein wichtiges Fundament seiner Arbeit, doch sind sie nur der Ausgangspunkt seiner Interpretationen.

Mit eigenem Ensemble auf Erfolgskurs: Jörg Halubek

Halubeks Hingabe für die Alte Musik indes war, wenn man so will, gar nicht geplant, denn sein erklärtes Berufsziel war damals, Kantor zu werden. Während seines Studiums in Stuttgart und Basel hatte er denn auch eine C-Stelle, also eine nebenberufliche Kantorenstelle, inne. Heute ist er an der Stuttgarter Musikhochschule Professor für Historische Tasteninstrumente und leitet das 2008 von ihm gegründete Il Gusto Barocco, dessen Ursprünge auf Halubeks Zeit an der Schola Cantorum Basiliensis zurückgehen. Inzwischen kann das Alte-Musik-Ensemble auf eine Vielzahl an durchaus wegweisenden Projekten zurückblicken, etwa einen Monteverdi-Zyklus in Mannheim oder die Uraufführungen (!) zweier Barockopern: „Flavio Crispo“ von Johann David Heinichen und „Tisbe“ von Giuseppe Antonio Brescianello. Der Erfolg des Barockorchesters hat auch die Stadt Stuttgart auf den Plan gerufen, die seit 2020 das Ensemble institutionell fördert. Der erhoffte Konzertreigen in Baden-Württembergs Landeshauptstadt indes blieb zunächst aus bekannten Gründen aus. Doch nun kann endlich die „Festwoche Barock“ stattfinden mit der Opernproduktion „Muzio Scevola“, einer „Patchwork-Oper“, an der vier Barockkomponisten gearbeitet haben. Auch das „Landscapes“-Projekt findet hier ebenso seine Fortsetzung wie der Bach-Zyklus um das Zimmermannische Caffe-Hauß zu Leipzig. Denn an Bach kommt nun mal kein Barockmusiker vorbei.

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