Porträt Lucas und Arthur Jussen

Nicht nachdenken!

Schon früh horchte die Klassikwelt auf, wenn Lucas und Arthur Jussen am Klavier saßen. Heute vermissen die beiden ihre kindliche Intuition – und spielen besser denn je

© Dirk Kikstra

Lucas und Arthur Jussen

Lucas und Arthur Jussen

Mit der Nationalhymne fing alles an. Lucas Jussen war gerade fünf, als die Niederlande bei der Fußball-WM 1998 bis ins Halbfinale aufstiegen und dann unglücklich im Elfmeterschießen gegen Brasilien ausschieden. „Vor dem Anpfiff wurde unsere Hymne „Het Wilhelmus“ gespielt. Diese Melodie wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen, und so begann ich, sie auf dem Klavier zu üben“, erinnert er sich. Auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Arthur war von den schwarzen und weißen Tasten fasziniert. Schnell fanden sie Gefallen am vierhändigen Klavierspiel und erlangten bereits im Jugendalter internationale Aufmerksamkeit. Mit dem Album „Jeux“ streifte 2013 das Duo endgültig sein Wunderkind-Image ab. Die CD mit französischer Klaviermusik findet bald ihre Fortsetzung: In diesem Frühjahr soll ein Live-Album mit Werken von Poulenc und Saint- Saëns erscheinen.

Zu Hause bei den Jussens drehte sich bereits alles um Musik, nachdem die Nationalhymne wie eine Initialzündung gewirkt hatte. „Unser Vater spielt Pauke im Rundfunkorchester Hilversum, unsere Mutter unterrichtet Querflöte.“ Rasch zeigte sich, dass Lucas und Arthur echte Naturtalente waren. Schon als Kinder durften sie vor der niederländischen Königin Beatrix auftreten und erhielten erste Auszeichnungen bei Wettbewerben.

© Dirk Kikstra

Lucas und Arthur Jussen

Lucas und Arthur Jussen

Zwei Pianisten, drei Klaviere

Aber gibt es nicht ab und zu Reibereien, wenn man als Geschwister ständig gemeinsam übt und auf die Bühne geht? „Natürlich haben wir auch mal Meinungsverschiedenheiten“, meint Lucas. „Kritik darf aber keiner von uns zu persönlich nehmen. In erster Linie geht es uns um die Musik. Bis jetzt haben wir es immer geschafft, größeren Streit zu vermeiden.“ Beide wohnen noch bei den Eltern in Hilversum. „Dort gibt es sogar drei Klaviere. Zwei stehen in einem Raum, damit wir gemeinsam proben können. Die meiste Zeit übt aber jeder für sich allein. Nur wenn wir beide optimal vorbereitet sind, macht es überhaupt Sinn, zusammenzuarbeiten.“

Zwischendurch ging Lucas in die USA, um Unterricht beim mittlerweile 93-jährigen Menahem Pressler zu nehmen. An der Musikhochschule Reina Sofía in Madrid studierte er dann bei Dmitri Bashkirov, während Arthur zu Hause die Schule beendete. Zuvor hatten die Brüder 2005 ein gemeinsames Jahr bei der Pianistin Maria João Pires in Portugal und Brasilien verbracht – da waren sie gerade einmal neun bzw. zwölf Jahre alt. „Sie spielt ganz aus ihrem Gefühl heraus“, schwärmt Lucas. „Wir haben sehr viel von ihr gelernt, allein schon dadurch, dass wir neben ihr sitzen und einfach zuhören durften. Es war eine Zeit, in der wir besonders aufnahmefähig waren.“

© Dirk Kikstra

Lucas und Arthur Jussen

Lucas und Arthur Jussen

Neben den Kompositionen von Schubert, Chopin und Beethoven brachte Pires ihnen auch die Werke Mozarts in ihren vielfältigen Facetten nahe. „Seine Musik haben wir von Anfang an häufig gespielt, er ist für unsere Entwicklung sehr wichtig gewesen“, sagt Lucas. Mozarts Doppelkonzert KV 365 führten die Brüder 2006 mit dem Netherlands Radio Chamber Philharmonic unter Jaap van Zweden auf, neun Jahre später folgte eine Aufnahme des Konzerts mit der Academy of St Martin in the Fields und dem inzwischen verstorbenen Dirigenten Sir Neville Marriner. „Diese CD war sein letztes Projekt, deshalb ist sie uns besonders wichtig.“ Das britische Magazin Gramophone rechnete das Album im vergangenen Jahr zu den 50 besten Mozart-Einspielungen, wo sich die CD einreiht in die Riege der Referenzaufnahmen von Alfred Brendel, Murray Perahia, Emil Gilels oder Martha Argerich.

„Mozarts Musik klingt ganz natürlich. Diese Leichtigkeit zu vermitteln ist jedoch schwierig“, meint Lucas, der sich wie Arthur wünscht, dass auch jüngere Hörer ihre Konzerte besuchen und sie „nicht nur für ein Publikum spielen, das mit klassischer Musik vertraut ist“. Weiter führt der 24-Jährige aus: „Je älter wir werden, desto mehr denken wir über alles nach. Bei Mozart bekommt man damit ein Problem. Kinder haben es da einfacher als Erwachsene, weil sie sich der Musik intuitiv nähern.“ Was für Hollands Nationalhymne gilt, gilt für Mozart allemal.

CD-Tipp

Mozart: Konzerte für zwei Klaviere KV 242 & 356
Lucas und Arthur Jussen (Klavier)
Academy of St Martin in the Fields
Sir Neville Marriner (Leitung)
Deutsche Grammophon

Termine

Mittwoch, 25.03.2020 20:00 Uhr Reitstadel Neumarkt

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thompson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080 (Auszüge), Konzerte für zwei Klaviere und Streicher c-Moll BWV 1060 & C-Dur BWV 1061, Say: Night, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Donnerstag, 26.03.2020 20:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thompson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080, Konzerte für 2 Klaviere c-Moll BWV 1060 & C-Dur BWV 1061, Say: Night, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Freitag, 27.03.2020 20:00 Uhr Burghof Lörrach

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thompson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080, Konzerte für 2 Klaviere c-Moll BWV 1060 & C-Dur BWV 1061, Say: Night, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Samstag, 28.03.2020 19:30 Uhr Neue Aula der Universität Heidelberg
Sonntag, 29.03.2020 18:30 Uhr Philharmonie Essen

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thomson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080 (Auszüge), Konzert c-Moll für zwei Klaviere und Streicher BWV 1060 & Konzert C-Dur für zwei Klaviere und Streicher BWV 1061, Say: Night op. 68, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Dienstag, 31.03.2020 20:00 Uhr Tonhalle Düsseldorf

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thomson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080 (Auszüge), Konzert c-Moll für zwei Klaviere und Streicher BWV 1060 & Konzert C-Dur für zwei Klaviere und Streicher BWV 1061, Say: Night op. 68, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Mittwoch, 01.04.2020 20:00 Uhr Rudolf-Oetker-Halle Bielefeld

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta

Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080, Contrapunctus 1,2,4 & Konzert c-Moll BWV & Konzert C-Dur BWV 1061, Say: Night, Britten: Variationen über ein Thema von Bridge op. 10

Freitag, 03.04.2020 20:00 Uhr Kultur+Kongress Zentrum Rosenheim

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thompson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080 (Auszüge), Konzerte für zwei Klaviere und Streicher c-Moll BWV 1060 & C-Dur BWV 1061, Say: Night, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Sonntag, 19.04.2020 18:00 Uhr Schlosstheater Fulda

Lucas & Arthur Jussen, Amsterdam Sinfonietta, Candida Thompson

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080, Konzerte für 2 Klaviere c-Moll BWV 1060 & BWV 1061, Say: Night, Britten: Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10

Montag, 04.05.2020 20:00 Uhr Historische Stadthalle Wuppertal

Lucas & Arthur Jussen

Mozart: Sonate für Klavier zu 4 Händen D-Dur KV 381, Schubert: Fantasie f-Moll, Say: Night für Klavier zu vier Händen op. 68, Strawinsky: Le Sacre du Printemps für zwei Klaviere

Auch interessant

Fußball-WM Spezial: Interview Lucas und Arthur Jussen

„Im Tor steht Sokolov“

In unserem concerti-Spezial zur Fußball-WM 2018 lassen wir mehr oder weniger ballverrückte Künstler zu Wort kommen. Heute: Lucas und Arthur Jussen weiter

3 Fragen an ...

3 Fragen an … Katja Riemann

Die Schauspielerin und Sängerin ist auch in klassischen Konzerten als Sprecherin zu erleben weiter

Klassik-Charts April 2018

Die offiziellen Top 20 Klassik-Charts im April 2018

Erhebungszeitraum: 09.03.2018 - 12.04.2018 weiter

Rezensionen

Rezension Lucas & Arthur Jussen – Bach

Transzendent

Lucas & Arthur Jussen halten mit Werken Bachs für zwei Klaviere die Steinways vorbildlich im Zaum und differenzieren dafür ungemein fein. weiter

CD-Rezension Lucas und Arthur Jussen – Karneval der Tiere

Doppelter Zuschnitt

Die Jussen-Brüder spielen mit Verve und Finesse, jugendlich unbekümmert, mit Mut zum Risiko, aber ohne Übertreibungen weiter

Eine Antwort zu “Nicht nachdenken!”

  1. Joachim Köhnen 45128 Essen Hohenzollernstr. 51 sagt:

    Das Klavierkonzert dieser beiden jungen, hoffnungsvollen Talente aus den Niederlanden hat mich vollkommen fasziniert. Von dieser Leistung war ich hellauf begeistert.Ich werde die Konzerte dieser beiden jungen Virtuosen auch zukünftig gerne besuchen.Ich wünsche den Jungs von Herzen großen Erfolg.Man wird sicherlich noch oft und ganz viel von ihnen zu hören bekommen. Ich applaudiere an dieser Stelle nochmals zu dieser Spitzenleistung!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *