Porträt Omer Meir Wellber

„Was sollte man auch sonst tun?“

Dank seines Talents und Förderern ist der Dirigent Omer Meir Wellber auf dem besten Wege, ein ganz Großer zu werden

© Matthias Creutziger/Semperoper

Zum Interview verabredet sich Omer Meir Wellber gern im Herzen jener Stadt, die er als Heimstätte für seine Weltreisen in Sachen Orchesterleitung auserkoren hat: am Neumarkt in Dresden. Hier ganz in der Nähe hat der Dirigent eine Wohnung: Steht er doch gleich mehrmals im Jahr am Pult der Staatskapelle, die er weniger pflichtgemäß als vielmehr mit echter Begeisterung zu den besten Orchestern der Welt zählt. Und er muss es wissen, denn Wellber – der sehr weit zurückliegende, aber durchaus nachvollziehbare deutsche Wurzeln hat – macht bei aller Weltgewandtheit aus seiner Sympathie für den individuellen Klang keinen Hehl. Vor allem dann nicht, wenn es um Werke geht, die ortsfeste Ensembles im Blut haben, wie der Kosmopolit meint: „Gerade Richard Strauss muss man hier nicht dirigieren, den lebt man. Ich höre geradezu das Erbe von Karl Böhm, der bei uns zu Hause einen prominenten Platz im Plattenschrank einnahm.“ Ganz ohne Worte finde da in Proben wie Aufführungen ein Dialog statt, der nur bei charakterstarken Klangkörpern wie der Staatskapelle möglich sei. „Zwar ist das Niveau der Orchester international gestiegen, aber die Identität geht verloren.“

Trotz seines beinahe noch jugendlichen Alters kann sich Wellber seine Engagements mittlerweile aussuchen – weltweit. Repertoireaufführungen macht er folglich nur dort, wo er mit den Orchestern vertraut ist. „In Dresden etwa reichen mir zwei Proben, wo ich anderswo zehn benötigen würde.“ Überhaupt hat der attraktive, sympathische Dirigent ganz klare Grundsätze, die er kaum einmal verlässt: Kommt eine Anfrage sehr langfristig, akzeptiert er ein Drittel neu einzustudierende Stücke – für das Übrige schöpft er aus seinem Repertoire. Und das ist weiß Gott riesig: Denn wofür andere Dirigenten in der Opern- wie in der sinfonischen Literatur ein ganzes Leben brauchen, da hat Wellber seine Programmlücken binnen kurzer Zeit gefüllt. Wie das geht? „Ich verfüge Gott sei Dank über ein immenses Gedächtnis, das während meines Studiums in Be’er Sheva geschult wurde.“

Bei Neuinszenierungen ist er im Probenprozess voll präsent

Aus eben diesem entsprechend genauen Partiturstudium erwächst auch die bezwingende Kraft seiner Interpretationen: „Ich halte mich möglichst genau an das, was in den Noten steht“, beschreibt Wellber selbst seine Arbeit zwar ganz nüchtern – „was sollte man auch sonst tun?“ Nur ergibt das eben kein Buchstabieren, sondern ein inneres Glühen, als stünden die Komponisten selbst am Pult! Wellber ist stets ihr Fürsprecher – auch in heiklen Fragen, die mit Regisseuren auszufechten sind. „Wenn ich nicht glücklich bin, sind es alle nicht, und wenn es nicht gut wird, gehe ich lieber“, sagt ohne falsche Bescheidenheit ein Dirigent, der auch schon mal auf die Bühne klettert, wenn es an Neuinszenierungen geht. „Ich versuche, von Anfang an sehr präsent zu sein, arbeite viel mit den Sängern und korrepetiere die Proben selbst. Dann haben wir für die Aufführungen eine nachgerade persönliche Beziehung aufgebaut.“

Eine ähnliche Anhänglichkeit führt den Künstler auch immer wieder in seine Heimat Israel zurück, wo er regelmäßig gastiert – nicht ohne Sorge über die Situation und Kritik an der politischen Führung, zugleich aber ganz Patriot. Denn trotz oder gerade wegen der Widersprüchlichkeiten des Krieges fände sich hier die „surrealistische Situation“, dass es bei nicht mal einer Million Einwohnern in der Hauptstadtregion eine riesige, öffentlich finanzierte Kulturszene gebe. „In Tel Aviv ist das Alltag, man flüchtet vor den realen Gefahren in die Genüsse der Kunst.“

CD-Tipp

Verdi: Aida
Arena di Verona

Hui He, Fabio Sartori, Roberto Taglia­vini, Orchestra dell'Arena di Verona, Omer Meir Wellber (Leitung), La Fura dels Baus (Inszenierung)
BelAir

Termine

Donnerstag, 20.02.2020 20:00 Uhr Gewandhaus Leipzig
Freitag, 21.02.2020 20:00 Uhr Gewandhaus Leipzig
Sonntag, 23.02.2020 11:00 Uhr Gewandhaus Leipzig
Sonntag, 22.03.2020 20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Erez Ofer & Nadine Contini, Omer Meir Wellber, Rundfunk-Sinfonieorchester …

Haydn: Sinfonien Nr. 44 e-Moll „Trauersinfonie“, Nr. 49 f-Moll „La passione“ & Nr. 102 B-Dur, Schnittke: Concerto grosso für zwei Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Streichorchester

Sonntag, 05.04.2020 19:00 Uhr Semperoper Dresden

Rachel Willis-Sørensen, Stepanka Pucalkova, Benjamin Bernheim, Gábor Bretz, …

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge (Auszüge in Bearbeitung von Otto, Tornyai & Milch-Sheriff), J. S. Bach/Webern: Ricercar a 6 aus dem „Musikalischen Opfer“ BWV 1079, Beethoven: Messe C-Dur op. 86

Montag, 06.04.2020 20:00 Uhr Semperoper Dresden

Rachel Willis-Sørensen, Stepanka Pucalkova, Benjamin Bernheim, Gábor Bretz, …

J. S. Bach: Die Kunst der Fuge (Auszüge in Bearbeitung von Otto, Tornyai & Milch-Sheriff), J. S. Bach/Webern: Ricercar a 6 aus dem „Musikalischen Opfer“ BWV 1079, Beethoven: Messe C-Dur op. 86

Sonntag, 24.05.2020 19:00 Uhr Heinrich-Lades-Halle Erlangen

Jan Vogler, BBC Philharmonic, Omer Meir Wellber

R. Strauss: Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28, Dvořák: Cellokonzert h-Moll op. 104, Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Dienstag, 26.05.2020 19:30 Uhr Kulturpalast Dresden
Freitag, 26.06.2020 19:00 Uhr Semperoper Dresden

Vier letzte Lieder

George Balanchine, Hans van Manen & David Dawson (Choreografie), Omer Meir Wellber (Leitung)

Sonntag, 28.06.2020 19:00 Uhr Semperoper Dresden

Vier letzte Lieder

George Balanchine, Hans van Manen & David Dawson (Choreografie), Omer Meir Wellber (Leitung)

Auch interessant

Opern-Kritik: Semperoper Dresden – Nabucco

Babylons König im Schatten

(Dresden, 5.6.2019) Domingo-Panne im sonst einhelligen „Nabucco“-Glück an der Semperoper. weiter

Interview Omer Meir Wellber

„Was im Graben passierte, war unglaublich!“

Dirigent Omer Meir Wellber über ungewöhnliche Opernproduktionen, seine Liebe zum Akkordeon und sein Engagement für soziale Projekte. weiter

Blind gehört mit Omer Meir Wellber

„Der ist ja so nett hier!“

Omer Meir Wellber hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er erfährt, wer dirigiert weiter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *