Zum 70. Geburtstag von Enjott Schneider

Alles Leben ist krummlinicht

Er komponierte hunderte von Filmmusiken. Aber auch seine Opern, Orchester- und Chorwerke verzeichnen Erfolge. Am 25. Mai feiert Enjott Schneider seinen 70. Geburtstag.

© Mathias Vietmaier

Enjott Schneider

Enjott Schneider

Manche nennen ihn einen ‚Soundbastler‘, andere den ‚Komponisten der Globalisierung‘. In jedem Fall ist Enjott Schneider, der am 25. Mai seinen 70. Geburtstag feiert, ein Tonschöpfer mit Sendungsbewusstsein. Er würde mit seinem Lebenswerk, „so etwas wie einen Leuchtturm hinstellen wollen“, bekannte er 2004 im Forum von ARD-alpha, „einen Leuchtturm, der Zeichen setzt“. „Die ganze Welt“ strebe er an mit seiner Musik zu umfassen, wie einst der Universalgelehrte Alexander von Humboldt in seinem Werk „Kosmos“. Auf seiner Website heißt es wörtlich: „Enjott träumt von einem universalen Erfassen von Welt und Mensch“ und all ihrer Klangfarben.

„Cross Culture“ nennt er dieses Spiel mit Gesten, Rhythmen, Intervallen, Harmonien, Klangfarben, Stilen und Gattungen, das kein musikalisches Tabu kennt: Klassische Sinfonik steht neben Folklore, Swing oder Soul; Oper neben schriller Avantgarde. Ethno, Techno, Disko-, Türk-Pop oder Gregorianik – alles scheint in Schneiders „postmoderner Vielfalt“ möglich.

Erschütternde Begegnungen in feinstofflichen Sphären

Geformt wurde der promovierte Musikwissenschaftler und Organist an der Freiburger Musikhochschule im abendländischen Bildungskanon: Bach, Mozart, Beethoven, Brahms, Wagner. Eine „Dauerfaszination“ entwickelte er für die Musikkultur Asiens, besonders für China. Morin Khuur, Erhu oder die 5000 Jahre alte Zither Sheng; sie haben für ihn als Instrumente die gleiche Bedeutung wie eine konventionelle Geige, Trompete oder Orgel. Neuerdings schwärmt er auch für Sibirien und für den Amazonas, dessen Landschaft ihn regelrecht „wegdriften“ lässt. Den geistigen Unterbau seiner Werke bildet oft die Lektüre spiritueller Schriften. Es gibt kaum eine, die der hochbelesene Schneider nicht kennt, von der Kabbala über die Genesis, den Koran bis hin zu Marco Polos Reiseberichten, die er 2018 im Auftrag der chinesischen Regierung zu einer dreistündigen Oper verdichtete. „Ich lese gerade die neu erschienen Übersetzungen von 9000-jährigen sumerischen und assyrischen Tontafeln“, erzählt er. Man darf gespannt sein, welches Werk daraus resultieren wird. Gilgamesch, dem sumerischen König, wäre er gerne begegnet wie auch Sokrates und Augustinus und selbstverständlich Mozart, Beethoven und Bach. Deren geistiges Erbe hat er verinnerlicht, denn „wer ins zeitlose Quantenfeld der geistigen Welt eintritt“, sagt er bar jeglicher Selbstironie „und Zwischentöne und die feinstofflichen Impulse lesen kann, der hat auch erschütternde Begegnungen.“

Mit Genehmigung des Papstes

Stoff für zehn Projekte hat er manchmal in den „Festplatten im Schädel“ gespeichert, die nach einer „geistigen Inkubationszeit“ plötzlich aus ihm herausbrechen. „Das Problem ist die Fülle meines Werkes“, sagt er und weist auf seine „fast beispiellose Kompetenz und Themenvielfalt in Sachen Oper (mit 10 Opern) … Kirchenmusik (mit 10 Oratorien, 16 großen Orgelsinfonien) … Sinfonien/Konzerte …“. Dazu kommen über tausend Scores für Spielfilme, Serien und TV- Dokumentationen.

© Rudolf Finkes

Enjott Schneider

Enjott Schneider

In Schneiders Œuvre findet sich alles: von der klingenden Miniatur bis hin zum philharmonischen Everest, von der launigen Wagner-Opern-Collage, dem (Sechs-)„Minuten-Tristan für 12 Pianisten“ bis hin zur „Glocken-Sinfonie“, einem 92 Minuten langen Koloss mit sieben Chören, zwei Sinfonieorchestern, fast 500 Mitwirkenden und dem Geläut der Erfurter „Gloriosa“-Glocke, das er sich vom Papst erst genehmigen lassen musste. Mühen scheut er nicht. Für die Filmmusik von Joseph Vilsmaiers „Schlafes Bruder“ (1995) klapperte er die kleinen Gemeinden hinterm Starnberger See ab, zeichnete live Orgelchoräle auf, damit sie den Protagonisten im Film wahrhaftiger erschienen ließen. An den Tantiemen sieht Schneider, der auch Mitglied des GEMA-Aufsichtsrats ist, dass seine „Toccata“, die komprimierte Konzertfassung aller Filmmusiksequenzen, immer noch mit großem Erfolg in den Kathedralen in den USA, Australien und Japan gespielt wird.

Enjott Schneider: Schlaf ist Nebensache

Schneiders ausgeprägte Neigung zur Selbstmystifizierung scheint immer wieder durch, etwa wenn er das Komponieren mit einer „Reise in die immaterielle Welt des Unmöglichen“ vergleicht oder den Naturmystiker William Blake zitiert: „Der Weise erkennt in einem Wassertropfen die ganze Welt“. Fragt man Schneider nach seiner Heimat, ist „von früheren Inkarnationen, die kosmische Anbindung an alle Schwingungen des Universums“ die Rede. Handfest dagegen erscheint die unfassbare Leistung dieses „Maniac“, wie ihn Der Spiegel nannte. „Wenn der Tag nur nicht diese dummen 24 Stunden hätte, von denen ich 18 sicher immer nutze. Schlaf ist Nebensache … 4 Stunden.“

2004 war so ein Jahr. Drei große Opern plus Premieren. „Bahnwärter Thiel“, die Ballettoper „Krabat“ und die Fußballoper „nullvier – keiner kommt an gott vorbei“ zum 100. Jubiläum des FC Schalke 04. Letztere in nur drei Monaten komponiert, 39 Solisten-Nummern, Chor, Rockband, Bigband und Sinfonieorchester. Glücklich war er „als 60.000 Leute grölend mein Lied gesungen haben“. Elegant attestierte die FAZ dem Komponisten „eine sichere Hand“ beim „Bahnwärter Thiel“. Die 90-Minuten-Partitur für „Das Wunder von Bern“ war dagegen „Peanuts“: „In ein paar Nächten runtergeschrieben“. Für den Soundtrack für Jo Baiers Fernsehfilm „Stauffenberg“ – „ein 69-Minuten-Schinken wie eine Schostakowitsch-Symphonie“ – brauchte er gerade mal zehn bis zwölf Tage. „Bibi Blocksberg“, die Doku „Dresden“ oder die 5-teilige ZDF-Serie „Hitlers Manager?“ Nicht der Rede wert.

Die Null in der Musik ist das Schweigen

Harte Schule sei das Komponieren in Serie fürs Fernsehen: „Dienstagmorgen fünf Folgen in die Hand gedrückt und drei Tage später muss die Musik fertig sein“. Ergebnis: über 500 Folgen „Marienhof“ (ARD), 400 Folgen „Jede Menge Leben“ (ZDF) usw. Das geht nur nach der Devise: „Verstand ausschalten, Lossprudeln wie bei der ‚Écriture automatique‘ der Surrealisten, sich ganz dem Flow einer quasi improvisierenden Spontaneität hingeben!“ An Anerkennung mangelt es Schneider nicht: Emmy Award, Bayerischer Filmpreis, Bundesfilmband in Gold, Fipa d’or, Deutscher Fernsehpreis – um nur einige der vielen Auszeichnungen zu nennen.

Wenn Schneider mal nicht in seinem Münchner schallisolierten Komponierhäusl sitzt, dann kann der Präsident des Deutschen Komponistenverbandes wortgewaltig räsonieren und dozieren: über Carlo Gesualdo und die mediantische Harmonik bei Beethoven, über Frequenzfilter und das Sound-Sampling, über die „total ökonomisierte Welt des Profit-Terrors“, den „Genozid mit brutalen Baggern und Hochtechnologie“. Und sogar über das „Schweigen“ fällt ihm was ein, die „Null in der Musik“.

Gerne hält Schneider, der am 25. Mai 1950 in Weil am Rhein als Sohn eines Schlossers geboren wurde, es mit Immanuel Kant, „dass alles Leben krummlinicht sei“. „Es war krumm, dass ich mich nie festlegen wollte … ob ich nun Wissenschaftler oder doch Künstler, also Komponist, oder doch lieber Denker und Philosoph bin.“ Krumm war in jedem Fall, dass er die Initialen seiner Vornamen, Norbert Jürgen, zu dem Kunstnamen Enjott verdichtete.

Nur nicht zurück ins alte Fahrwasser!

2020 darf er sich die Ehre mit den Jubilaren Carl Orff, Ludwig van Beethoven und Thomas Gottschalk teilen. Und dann dies.Alles Null gerade! Wegen Corona. Kahlschlag“, wettert er. „Fast 30 Konzerte und World-Premieren gecancelt: ‚The Dao of Water‘ in Hongkong und ‚Hidden World of Demons & Spirits‘ in Taipei“. Uraufführungen in Krasnoyarsk, in Luxembourg. Geburtstagskonzerte in Beijing, München und wo auch immer. Schneider grübelt über das „einmalige Experiment“. Und warnt: „Wer jetzt schnell alles wieder ins alte ökonomische Fahrwasser der materialistischen Ausrichtung kriegen will, hat nichts dazugelernt.“ Für „die tapferen Menschen in Wuhan“ schrieb er ein „Symphonisches Poem“ – 48 Seiten in zehn Tagen. Krzysztof Pendereckis wird mit einer „Mazurka Triste“ gedacht.

Per E-Mail schickt er noch Aufsätze, in denen er sich besonders gut gezeichnet sieht, und die Kopie des Autografen seines „Lieblingsliedes“: Beethovens Goethe-Vertonung „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“, die sich „wie ein Leitmotiv durch mein eigenes Leben“ zieht. Überraschend: An ein eigenes Werk hat er gerade nicht gedacht.

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