OPUS KLASSIK: Christa Ludwig

Die denkende Sängerin

Wahlwienerin Christa Ludwig wird in ihrer Geburtsstadt Berlin mit dem OPUS KLASSIK für ihr Lebenswerk geehrt.

Christa Ludwig © Johannes Ifkovits/Warner Classics

Christa Ludwig

Alle wollten sie. Und sie sang mit allen. Mit den Pultgott-Antipoden Bernstein und Karajan. Mit Otto Klemperer, Karl Böhm und Georg Solti. Es knisterte elektrisch, ja, es brannte die Hütte, wenn Christa Ludwig auf der Bühne stand und die größten Dirigenten ihrer Zeit im Graben. Ein jeder hat die grandiose Mezzosopranistin auf seine Weise beeinflusst: Von Megamaestro Karajan habe sie die Schönheit der Phrasierung und den Klangsinn gelernt, von Böhm die Exaktheit. Leonard Bernstein aber, der überragende Geist, der ewig Suchende, der „Herrlichste von allen“, wie sie sagt, habe sie in die Tiefen der Musik eingeführt.

Christa Ludwig, die mit ihren neunzig Jahren eine wache, liebevoll kritische Beobachterin der Opernszene und enorm eloquente Gesprächspartnerin ist, war eine der komplettesten und komplexesten Sängerinnen ihrer Zeit – und eine der größten Sängerinnen aller Zeiten. Eine Bombenstimme und eine riesige Persönlichkeit besaßen in den fünfzig Jahren ihrer Karriere durchaus viele Kolleginnen. Doch in ihrer selbstverständlichen Einheit aus Gesang und Darstellung prägte Christa Ludwig den Typus der denkenden Sängerin, als genau diese Eigenschaft von Regisseuren oder Intendanten noch keineswegs zwingend eingefordert wurde. Denn sie machte in den Proben den Mund auf, sie erforschte die von ihr zum Leben erweckten Figuren skrupulös, sie konnte beherzt und überzeugend „nein“ sagen, zumal dann, wenn die Dirigenten sie unbedingt ins dramatische Sopranfach drängen wollten, das sie zwar reizte und das zu ihrem Charakter gepasst, ihr freilich stimmliche Blessuren zugefügt hätte. Es gab Ausnahmen: Sie wechselte vom Mezzo-Oktavian zur Sopran-Marschallin in Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“. Sie wagte die „Fidelio“-Leonore. Die absoluten Gipfel des Hochdramatischen aber erklomm sie nie, zu Isolde und Brünnhilde, die sie zwar komplett einstudierte, sagte die Ludwig dann dennoch „nein, danke“.

Christa Ludwig

Christa Ludwig © Angus McBean

Universell und selbstkritisch: Christa Ludwig

Ihre lange Karriere gab der denkenden Sängerin Recht. Ihr sinnlich-nobles, in Aufnahmen sofort wiedererkennbares Timbre reifte kontinuierlich, sie betrieb indes nie Raubbau an ihren von Natur aus reichen Gaben, denn sie sang mit den Zinsen, nicht mit dem Kapital ihrer Stimme, das sie auch in späteren Jahren noch zu einer grandiosen Liedsängerin machte. Sie gestaltete Gustav Mahler mit edler Schlichtheit und Franz Schubert – sie entdeckte Die Winterreise für Frauenstimmen – mit wunderbarer Innigkeit. Die jetzt bei Warner wiederveröffentlichten und teils auf CD erstmals zu erlebenden Einspielungen ihrer Jahrzehnte währenden Glanzzeit dokumentieren ein grandioses Lebenswerk und demonstrieren, wie unerhört modern diese universelle, diese selbstkritisch denkende Sängerin doch ist.

Sehen Sie hier Christa Ludwig in Mahlers „Das Lied von der Erde“ unter der Leitung von Leonard Bernstein:

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Christa Ludwig: The Complete Recitals on Warner Classics
Warner Classics

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