Janusz Wawrowski entdeckt verschollenes Violinkonzert

Auf Schatzsuche

Wie der Geiger Janusz Wawrowski dem polnischen Komponisten Ludomir Różycki zu neuem Glanz verhilft.

© Fabrizio Maltese

Janusz Wawrowski

Janusz Wawrowski

Manche Entdeckungs-Geschichten klingen dann doch zu spektakulär, um wahr zu sein. Zum Beispiel jene vom Violinkonzert des polnischen Komponisten Ludomir Różycki. Laut Plattenfirmen-Werbung hat sie sich so zugetragen: Die Notenblätter des zweisätzigen Konzerts waren „jahrelang in einem Koffer versteckt“, welchen Różycki während des Zweiten Weltkriegs in seinem Garten vergraben hatte und der erst nach seinem Tod entdeckt wurde. 75 Jahre später sei es nun der Geiger Janusz Wawrowski, der das „verschollene Konzert wiederauferstehen lässt“, begleitet von einem Album-Cover, auf dem buchstäblich ein Phönix aus der Asche aufsteigt.

Tatsächlich geht die Geschichte zu Wawrowskis neuer CD „Phoenix“ ein wenig anders – und ist trotzdem faszinierend, denn sie zeigt, wie ein Interpret viel Zeit und Energie darauf verwendet, einer bislang wenig beachteten Komposition ihren verdienten Rang und Klang zu geben.

Technisch zu anspruchsvoll, gar unspielbar

Ludomir Różycki wurde 1883 in Warschau geboren. Er studierte Komposition sowohl in seiner Heimatstadt als auch in Berlin bei Engelbert Humperdinck. Später lehrte er selbst in Lemberg, Warschau und Katowice und schrieb mehrere Dutzend Werke, von Klavier- und Kammermusik über sinfonische Dichtungen bis hin zu Opern. Mitten im Zweiten Weltkrieg entstand 1944 das Violinkonzert op. 70, dessen Aufführung Różycki jedoch nie erlebte. Zwar wurde versucht, mit dem Geiger Władysław Wochniak eine Uraufführung zu organisieren, das Unterfangen scheiterte jedoch unter anderem daran, dass einige Passagen technisch zu anspruchsvoll oder gar unspielbar waren.

„Der Geigenpart war an manchen Stellen mehr pianistisch, weniger violinistisch geschrieben. Bestimmte Akkordfolgen ließen sich kaum spielen, vor allem nicht, wenn man das Tempo mit dem Orchester halten muss“, erklärt Janusz Wawrowski im Gespräch mit concerti.

Ein bislang unentdeckter Notentext

Der 1982 in Konin geborene Geiger war vor einigen Jahren auf das Werk gestoßen, als er in Bibliotheken nach Kammermusik Różyckis gesucht hatte. Bekannt war von der Komposition im spätromantischen Stil bis dato lediglich die Geigenstimme sowie ein Klavierauszug. Auf dieser Basis hatte sich zuerst der Komponist Jan Fotek und später der Dirigent Zygmunt Rychert an einer Rekonstruktion versucht. Rychert hat seine Version 2011 mit Ewelina Nowicka als Solistin auch auf CD veröffentlicht (auf dem polnischen Label Acte Préalable).

Wawrowski aber fiel bei seinen Recherchen ein weiterer, bislang unentdeckter Notentext in die Hände: ein Fragment der Orchesterpartitur in der Handschrift des Komponisten. „Es sind genau 87 Takte vom Anfang des Konzerts, etwas mehr als die Hälfte des ersten Satzes.“ Stammen diese nun aus dem eingangs erwähnten Gartenfund? „Es gibt eine Urenkelin von Różycki, die von diesem Koffer berichtet hat, den Bauarbeiter nach dem Krieg dort ausgruben. Es weiß aber heute niemand genau, welche Musik sich darin befunden hat.“

Entdeckungsreise in Różyckis eklektischen Stil

In jedem Fall bot das Fragment eine neue Grundlage, um die verschollenen Orchesterstimmen des übrigen Werks zu rekonstruieren, eine Arbeit, die Wawrowski gemeinsam mit dem Pianisten und Arrangeur Ryszard Bryła unternahm und die zwei Jahre in Anspruch nahm. Dabei richteten sie den Blick auch auf andere Werke Różyckis: „Wir haben uns seine populäre Ballettmusik „Pan Twardowski“ angeschaut, die Instrumentierung seines ersten Klavierkonzerts, wo er viel Schlagwerk verwendet, oder auch die sinfonische Dichtung „Mona Lisa Gioconda“, in der es einige Geigen-Solos gibt. Dadurch haben wir ein Gefühl dafür bekommen, wie Różycki orchestrierte und komponierte. Ich habe mich auch getraut, an manchen Stellen in der Geige Doppelgriffe oder Arpeggios zu ändern, im Sinne einer besseren Spielbarkeit.“

Technisch sei das Konzert immer noch sehr anspruchsvoll, sagt Wawrowski. „Es gibt darin Anklänge von Tschaikowsky und Rachmaninow, Techniken von Wieniawski, Ysaÿe und Chausson.“ Ebenso hörbar sind Einflüsse von Ragtime und von Richard Strauss, mit dem Różycki befreundet war, virtuose wie tänzerische Passagen und Dramatik, die an Filmmusik erinnert. So bietet sich dem Zuhörer eine Entdeckungsreise in Różyckis eklektischen Stil, die Wawrowski in seiner Einspielung mit dem Royal Philharmonic Orchestra facettenreich und mit viel Verve gestaltet.

Janusz Wawrowski engagiert sich für das kulturelle Erbe Europas

Hinzu kommt, dass das Konzert hier auf einem besonderen Instrument zu hören ist, einer Stradivari von 1685. „Es ist die erste Stradivari in Polen seit dem Zweiten Weltkrieg und sie wurde zuvor nie öffentlich gespielt oder aufgenommen. Deshalb sehe ich es auch als meine Mission an, Repertoire auf diesem wunderbaren Instrument aufzuführen, das bislang so unbekannt war.“

Wawrowskis Engagement für das Violinkonzert wird auch nach dieser CD-Aufnahme weitergehen, neben Aufführungen ist eine Notenedition der neuen Rekonstruktion in Planung. „Ich hoffe sehr, dass andere Interpreten einen Blick auf dieses Konzert werfen. Ob es dann im Konzertsaal erfolgreich ist, hängt aber natürlich auch vom Publikum ab.“

Sicher wird es nicht die letzte Entdeckung sein, die Janusz Wawrowski auf die Bühne bringt. „Es gefällt mir, in Konzerten populäres Repertoire mit vergessenen Stücken zu kombinieren, ich spiele gerne die Klassiker, aber genauso liebe ich es, mich auf die Suche nach unbekannten Schätzen zu begeben. Ich denke auch, dass wir das in Polen – im Gegensatz zu Deutschland oder Tschechien – bislang zu wenig getan haben. Es gibt immer noch sehr viel gute Musik, die irgendwo in polnischen Archiven schlummert, die nicht veröffentlicht und nicht aufgenommen wurde. Diese Musik hervorzuholen, ein Stück unserer Kultur und damit auch einen Teil des kulturellen Erbes Europas zu zeigen, ist für mich eine wichtige Aufgabe.“

CD-Tipp

Phoenix

Werke von Różycki & Tschaikowsky
Janusz Wawrowski (Violine), Royal Philharmonic Orchestra, Grzegorz Nowak (Leitung)
Warner Classics

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