Musikalische Spurensuche: Hessen

Plötzlich schwebten am Turm Klavier, Harmonium, Tische und Betten empor

Bei einem Spaziergang durch Frankfurt darf das sehens- und erlebenswerte Hindemith Kabinett nicht fehlen.

© Mara Monetti

Das Hindemith Kabinett im Frankfurter Kuhhirtenturm

Das Hindemith Kabinett im Frankfurter Kuhhirtenturm

Auf Safari-Tour muss man nicht gehen, um in Frankfurt den „Elefanten“ zu sehen. So wurde im Mittelalter der wuchtige Turm in der Großen Rittergasse im Stadtteil Alt-Sachsenhausen genannt. Es reicht, über den Eisernen Steg, Frankfurts schönster Brücke, am Schaumainkai und dem Sachsenhausenufer entlang gemütlich zu spazieren und dann rechts in die Rittergasse abzubiegen. Bald steht man vor einem viergeschossigen gotischen Turm von 1390, dem heutigen Hindemith Kabinett, der bis ins 17. Jahrhundert zur Befestigungsanlage der Stadt, die entlang des Mains verlief, gehörte. Im 19. Jahrhundert war der Turm militärisch wertlos geworden und diente den Sachsenhausener Kuhhirten als Armenwohnung. Im Oktober 1923 aber berichteten die Zeitungen Ungeheuerliches: „Am alten Kuhhirtenturm schwebten Klavier und Harmonium, Tische und Betten an einem Flaschenzug empor, um durch die Fenster im Innern zu verschwinden“. Es handelte sich um den Hausstand eines gewissen Paul Hindemith, seinerzeit Konzertmeister am Opernhausorchester in Frankfurt, der hier nun mit seiner Mutter und seiner Schwester einzog.

Es war nicht das erste Mal, dass man über Hindemith, der eigentlich aus dem nahen Hanau stammte, in Frankfurt berichtete; schließlich war der 28-Jährige bereits als Komponist in Erscheinung getreten. Doch die Summe, die er brauchte, um den maroden Turm zu sanieren, sicherte ihm erst der lukrative Kompositionsauftrag des österreichischen Pianisten Paul Wittgenstein. Hindemith hatte dem Musiker, der im Krieg seinen rechten Arm verloren hatte, die Klaviermusik mit Orchester op. 29 für die linke Hand komponiert. Auch wenn das Werk nie gespielt wurde, die 1000 Dollar wurden dennoch überwiesen und in Anbetracht der rasanten Geldentwertung jener Zeiten „nicht in Mark oder Kronen“. Seine neue Wohnung schien Hindemith so sehr zu inspirieren, dass er 1926 in Windeseile seine Oper „Cardillac“ vollendete. 1927 zog er allerdings nach Berlin, der damaligen Musikmetropole. Heute befinden sich im Turm vier kleine Ausstellungsräume mit Dokumenten und Tonaufnahmen und einem Highlight: die Viola d’Amore, die sich der Bratschist 1926 hatte anfertigen lassen mit dem Konterfei seiner Frau als Wirbelkasten. Im Kabinett im Dachgeschoss mit Blick über die Dächer von Alt-Sachsenhausen finden intime, vom Hindemith Institut Frankfurt organisierte Konzerte statt.

© Mara Monetti

Kuhhirtenturm

Kuhhirtenturm

Der ungeladene Gast

Der Komponist wurde nicht von jedem geschätzt. Als spießig-autoritätshörigen „Musikanten“ beschimpfte ihn der Frankfurter Musikphilosoph und Soziologe Theodor W. Adorno. Gut, dass das Denkmal des streitbaren Musikkritikers auf dem Universitätscampus vier Kilometer Luftlinie von hier entfernt ist. Etwas mehr als 45 Minuten zu Fuß sind es bis dorthin, quer durch die Stadt, ein langer Spaziergang, der zu Abstechern einlädt. Vom Hindemith Kabinett überquert man den Main diesmal über die Alte Brücke, an der Maininsel vorbei bis auf die Fahrgasse. Biegt man zur linken in die Kannengiesserstrasse ab, sieht man am Domplatz den gotischen Kaiserdom St. Bartholomäus. 1790 wurde Leopold II. zum (vorletzten) Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt – mit einem ungeladenen Gast: Wolfgang Amadeus Mozart war auf eigene Faust nach Frankfurt gereist. Er war schon einmal hier gewesen, damals noch als Wunderkind. Doch diesmal wollte ihn kaum jemand hören, als er vor fast leerem Saal eines seiner zwei neuen Klavierkonzerte spielte, das später so benannte „Krönungskonzert“.

Vom Domplatz geht es nun auf der Domstrasse entlang in Richtung Berliner Strasse. An der Ecke das Museum für Moderne Kunst (MMK), das den legendären Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann zu verdanken ist. Fans der Pop-Art kommen hier mit Rauschenberg, Warhol, Lichtenstein und Co. auf ihre Kosten; Liebhaber symbolträchtiger Orte aber zieht es 300 Meter weiter auf der Berliner Straße entlang zu einem klassizistischen, nüchternen Rundbau aus Rotsandstein, der zunächst seine Bedeutung nicht preisgibt. Es ist die Paulskirche, das Symbol der deutschen Demokratie. Der Ort, an dem am 28. März 1849 die Verfassung verabschiedet wurde, die die „Grundrechte des Deutschen Volkes” festschrieb. Doch nur wenige wissen, dass hier an diesem politischen Ort auch eine kleine musikalische Revolution angezettelt wurde. Einst stand hier die Barfüßerkirche der Franziskaner, seit 1548 die protestantische Hauptkirche Frankfurts. 1712 hatte die Stadt, die noch unter den Nachwirkungen des Dreißigjährigen Kriegs litt, den berühmten Georg Philipp Telemann mit einem stattlichen Gehalt von 1600 kaiserlich-rheinische Gulden nach zu sich gelockt und ihn zum Musikdirektor der Barfüßerkirche und der nahen Katharinenkirche gemacht. Mit seinem Orchester, dem Collegium musicum, sorgte er für ein blühendes Musikleben und ein stets gut gefülltes Portemonnaie. Zur Uraufführung seiner „Brockes-Passion“ 1716 verlangte der Komponist, der gerne mal auswärtige Kaufleute während der Messen in seinem repräsentativen Domizil am nahen Frankfurter Liebfrauenberg (drei Minuten Fußweg von der Berliner Straße die Neue Kräme hoch) gegen Bezahlung beherbergte, sogar Eintritt. „Die Kirchenthüren waren mit Wachen besetzt“, erinnert sich ein Zeitgenosse, „die keinen hineinließen, der nicht mit einem gedruckten [bezahlten] Exemplar der Passion erschien“. Mit der „Brockes-Passion“ bewies Telemann allerdings auch, dass er weit mehr als ein Lieferant musikalischer Meterware war; ein Vorurteil, das Adorno hegte, der von der „unermesslichen qualitativen Differenz“ zwischen J.S. Bach und dem „Vielschreiber“ Telemann sprach. Noch heute lagern etliche Kantaten-Jahrgänge unveröffentlicht in der Frankfurter Universitätsbibliothek.

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Paulskirche

Paulskirche

Frankfurts erste Klavierlehrerin

Von Telemanns einstiger Residenz am Liebfrauenberg genau gegenüber der gleichnamigen Kirche geht es nun in Richtung Musikhochschule, etwa fünfzehn Minuten Fußweg immer an der Liebfrauenstraße entlang, der Verlängerung der Neuen Kräme. Dann kurz links abbiegen auf die Zeil und nach siebzig Metern rechts auf die Große Eschenheimer Straße bis hin zum Eschenheimer Tor. Von hier aus geht die Eschenheimer Landstraße ab, Nr. 29 ist der heutige Sitz der Musikhochschule. Hervorgegangen ist sie aus dem 1878 eröffneten „Hoch’schen Konservatorium“. Gründungsdirektor war unter anderen der Komponist Joachim Raff, der bedeutende Musikerpersönlichkeiten für sein Institut gewinnen konnte wie Engelbert Humperdinck und die berühmteste Witwe und Pianistin ihrer Zeit, Clara Schumann. 1878 kam sie als „erste Klavierlehrerin“ nach Frankfurt und war begeistert: „Die Stadt nicht zu groß, alles viel leichter zu erreichen als von Berlin, die nächste Umgebung schön, der Wald eine halbe Stunde per Eisenbahn, kurz viele Annehmlichkeiten!“ Zu den „Annehmlichkeiten“ zählten die Bedingungen, die sie aushandelte. „Ich verpflichtete mich zu 1 ½ Stunde täglich, verlangte 4 Monate Urlaub, die Freiheit, im Winter kürzere Reisen zu machen, ohne Urlaub zu nehmen, natürlich unbeschadet der [selbst gewählten] Schüler, die Stunden in meinem Haus. Gehalt 2000 Tl.“ Auch für die beiden Töchter Marie und Eugenie gab es als „Unterlehrerinnen“ einen Job.

Über Jahre machten sich nun aufstrebende Pianisten aus aller Welt auf dem Weg zu Clara in die Myliusstraße 32, wo sie wohnte (heute U-Bahn-Station Westend). „Tränen- und Seufzerallee“ wurde die Straße genannt, denn es ging harsch zu. Claras Unterricht glich einem Drill, ihr Urteil war gefürchtet, ihr Einfluss groß. Kommerzienräte und Mäzene gingen in der Myliusstraße ein und aus, trafen auf das Who’s who der damals einflussreichen Persönlichkeiten wie Franz Liszt, Joseph Joachim, Pauline Viardot oder Julius Stockhausen. Auch Johannes Brahms war oft da. Bis zu ihrem Tode 1896 prägte Clara das Frankfurter Kulturleben, nahm Einfluss auf die Personalpolitik, etwa als sie Ludwig Rottenberg als Ersten Kapellmeister für das neue Opernhaus (Alte Oper am Opernplatz) empfahl, das 1880 eingeweiht wurde. Ob sie das Haus, in dem heute nur noch Konzerte stattfinden, oft besuchte, ist nicht überliefert. Überliefert ist nur ihr Kommentar über Wagners „Tristan“. O-Ton: „widerlichste Klänge“. Übrigens: die (heutige) Oper Frankfurt ist von hier aus nur eine U-Bahn-Station entfernt (Willy-Brandt-Platz) oder eine Viertelstunde zu Fuß immer an der Bockenheimer Landstrasse entlang.

1,7 Kilometer sind es von der Alten Oper bis hin zum Adorno Denkmal. Über den Reuterweg, der Bremer Straße bis hin zum Gisèle-Freund-Platz gelangt man über den Nina-Rubinstein-Weg schließlich auf dem Campus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Einst stand hier ein stolzes Husarendenkmal. Heute ist es ein Glas-Kubus, der das Arbeitszimmer Adornos nachbildet, wenn auch nicht im Original. Ein Entwurf von Vadim Zakharov aus fünf je 350 kg schweren Glasscheiben von 2,50 Meter Kantenlänge. Dazu Parkettfußboden, Schreibtisch, tickendes (!) Metronom, Stuhl und eine Schreibtischlampe, die sich in der Abenddämmerung automatisch ein und bei Morgendämmerung wieder ausschaltet. Und eine Ausgabe der „Negativen Dialektik“, Adornos Hauptwerk.

Gerne hat der 1969 verstorbene Adorno ausgeteilt. Doch auch er wurde nicht verschont. Mehrfach wurde der Glaskubus beschädigt, und es gab Zeiten, in denen Adorno-Anhänger sogar Wache standen unter dem Motto „A Night With Adorno“.

Hindemith Kabinett im Kuhhirtenturm

Große Rittergasse 118
60594 Frankfurt am Main
T.: +49 69 597 03 62

www.hindemith.info

Aufgrund der Corona-Pandemie bleibt das Hindemith Kabinett im Kuhhirtenturm voraussichtlich bis einschließlich 30. Juni 2020 geschlossen.

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