Werk der Woche – Mendelssohn: Violinkonzert

„Eins in e-Moll steht mir im Kopfe“

Für seinen engen Freund, den Geiger Ferdinand David, schrieb Mendelssohn ein Violinkonzert. Ganze sechs Jahre arbeitete er an dem Werk, welches heute zu den wichtigsten Leistungen für die Gattung im 19. Jahrhundert gezählt wird

Felix Mendelssohn-Bartholdy, 1837. Lithografie nach einem Gemälde von Theodor Hildebrandt © gemeinfrei

Felix Mendelssohn-Bartholdy, 1837. Lithografie nach einem Gemälde von Theodor Hildebrandt

Das legendäre Mendelssohn Violinkonzert ist eigentlich sein Zweites: Bereits 1822 hatte er mit dreizehn Jahren die Gattung in einem Frühwerk erkundet. Hieran lässt sich ermessen, dass Mendelssohns Frühwerk oft nicht ernst genommen wird. Für sein Konzert aus der Reifezeit hielt er zwar schon 1838 starke Schaffensimpulse fest: „Eins in e-moll steht mir im Kopfe, dessen Anfang mir keine Ruhe läßt.“ Die Arbeit, die er zwischenzeitlich unterbrechen musste, zog sich dann aber doch bis ins Jahr 1844, als er die Partitur während eines dreimonatigen Aufenthalts in Bad Soden im Taunus vollenden konnte. Nördlich von Frankfurt hatte er diese Landschaft entdeckt, die ihn produktiv anregte: Ein Jahr später entstand hier auch sein zweites Streichquintett.

Dem teilweise in Briefen dokumentierten Austausch zwischen Mendelssohn und dem bedeutendem Geiger Ferdinand David (1810-1873), seinem Jugendfreund, ist es zu verdanken, dass die Solostimme sehr aus dem Geist des Instrumentes heraus geschrieben ist. Da ist es nicht verwunderlich, dass nach der sehr erfolgreichen Uraufführung der anwesende Robert Schumann dem – ebenfalls kompositorisch tätigen – Geiger David mit den Worten gratulierte: „Siehst du, da hast du jetzt das Konzert gespielt, das du eigentlich immer schreiben wolltest.

Mendelssohn Violinkonzert – ein Herzensjuwel

Zu den zentralen Neuerungen innerhalb der Gattung zählen vor allem zwei kompositorische Entscheidungen. Entgegen der klassischen Tradition gibt es keine Orchesterexposition, stattdessen wird das Hauptthema nach wenigen einleitenden Takten durch die Sologeige vorgetragen. Außerdem hat Mendelssohn die Kadenz, die ansonsten im Finale des Kopfsatzes erscheint, in die Durchführung vorgezogen.

Joseph Joachim. Zeichnung von Adolph von Menzel, 1853

Joseph Joachim. Zeichnung von Adolph von Menzel, 1853 © gemeinfrei

Die Erstaufführung des Mendelssohn Violnkonzert in Dresden spielte der erst vierzehnjährige Joseph Joachim, der später über die unmittelbar folgende Zeit schrieb: „Als Sechzehnjähriger hatte ich wiederholt das Glück, dieses Konzert vom Komponisten begleitet zu spielen, dessen Intentionen mir somit genau vertraut sind, da er es an gelegentlicher Kritik nicht fehlen ließ.“ Noch vor Mendelssohns frühem Tod 1847 war so eine denkbar enge Bindung zum Werk entstanden. Joachim hat es sein ganzes Leben lang immer wieder spielt, um am Ende seiner Karriere auf einer Feier zu seinem 75. Geburtstag am 28. Juni 1906 zu urteilen: „Die Deutschen haben vier Violinkonzerte. Das größte, konzessionsloseste stammt von Beethoven. Das von Brahms, in seinem Ernst, eifert Beethoven nach. Das reichste, das bezauberndste schrieb Max Bruch. Das innigste aber, das Herzensjuwel, stammt von Mendelssohn.“

Die wichtigsten Fakten zur Felix Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64

Erste Fassung 1844

1. Allegro molto appassionato
2. Andante
3. Allegretto non troppo – Allegro molto vivace

Zweite Fassung 1845

Die Sologeige soll im Unterschied zur ersten Fassung in den Tutti-Passagen nicht mitspielen, außerdem steht hier eine längere Kadenz (sie ist eventuell unter dem Einfluss von David entstanden). Einige Orchesterpassagen und Teile der Stimme für die Solovioline stehen in anderen Oktaven. Auch in Artikulation und Dynamik hat Mendelssohn etliche Veränderungen vorgenommen.

Orchesterbesetzung

Zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte; zwei Trompeten; Pauken und ein fünfstimmiges Streichorchester

Spieldauer

ca. 27 Minuten

Uraufführung

Leipzig, März 1845 (Erstfassung)

Referenzeinspielung

Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll op. 64, Konzertouvertüre „Die Hebriden“ op. 26, Sinfonie Nr. 5 D-Dur „Reformations-Sinfonie“ op. 107
Isabelle Faust (Violine)
Freiburger Barockorchester
Pablo Heras-Casado (Leitung)
harmonia mundi

Die historisch informierte Einspielung des Freiburger Barockorchesters unter der Leitung von Pablo Heras-Casado mit ihrem leicht spröden Klangbild räumt mit romantisierendem Kitsch auf. Die inspirierte Interpretation der Solistin Isabelle Faust verhindert zugleich, dass die Musik zu trocken klingt.

Jetzt bei Amazon kaufen
Jetzt bei jpc kaufen

Eine Antwort zu “„Eins in e-Moll steht mir im Kopfe“”

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *