Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

(Entstehungszeit 1891-94)

„Ich habe auf Erden meine Schuldigkeit getan; ich tat, was ich konnte, und nur eines möchte ich mir wünschen: Wäre mir doch vergönnt, meine neunte Sinfonie zu vollenden! Der Tod wird mir hoffentlich die Feder nicht früher aus der Hand nehmen!“

Der Anfang des ersten Satzes atmet die Ruhe dessen, der seine Schuldigkeit getan hat: Ein langes, tiefes „D“ der Streicher in fast bewegungslosem Tremolo, ein langes, tiefes „D“ der Holzbläser, mit fester Betonung angesetzt – wie ein Schlussstrich, dann ein zweimaliges leises, tiefes Signal vom (einstimmigen) Chor der acht Hörner – wie eine Signatur hinter dem Schlussstrich. Das erste Signal berührt die Mollterz – das Intervall des Lebens und Leidens, das zweite die Quint – das Intervall der Ewigkeit und Herrlichkeit. Dann hallt das Echo der Signale wie in einem Gewölbe nach – „ich tat, was ich konnte“. Das dritte, fernste Echo berührt die Sekund – das Intervall der Sehnsuchtwäre mir doch vergönnt ..., da steigt über dem aufflammenden Sekundakkord das dritte Hörnersignal empor, springt in die Oktav und weiter in die Sext – die Intervalle der Einheit und Erfüllung, und ein strahlender Ces-Dur-Akkord erhellt den Raum – ist es die Kraft des Hoffens auf Vollendung, oder ist es der Tod, der nach der Feder greift?

„Ich wünsche, dass meine sterblichen Überreste in einem Metallsarge beigesetzt werden, welcher in der Gruft des Chorherrenstifts St. Florian unter der großen Orgel frei hingestellt werden soll ...“

Der Anfang des Scherzos klingt wie eine ferne Orgel in der Höhe. Metallisch und knöchern tanzen die Pizzicati darunter auf und ab: ein Scherzo in der Gruft, die Dissonanzen erinnern an Bruckners ausgestandene Lebensqualen. Das Trio huscht schnell und traumartig dahin – huschte da eben ein Lächeln über Bruckners Gesicht? Etwa über die Qualen der Violinisten mit dem Trio?

Der Anfang des Adagios klingt so angespannt, wie die Hände der Violinisten beim Spielen des Nonenintervalls auf der G-Saite aussehen! Die Harmonien entfalten gewaltige Schubkraft – Bruckner tat, was er konnte! Dazu kontrastiert ein berührend zarter Zwiegesang von Oboe und Horn – Bruckner konnte, was er tat!

Nach Beendigung des Adagios vertraute Bruckner den Torso der Neunten dem Dirigenten Karl Muck an, mit der Bitte, ihn zu hüten, „damit nix g’schiacht d’ran!“

Die Neunte ist Fragment geblieben – ein vollendetes Fragment: zwei feierlich ruhige Sätze umrahmen ein totentanzähnliches Scherzo, das seinerseits ein traumartig dahinhuschendes Trio umfasst – dieses ungreifbarste aller Bruckner’schen Wesen wird zum lächelnden Mittelpunkt dieses tiefernsten Werkes.

Auf der Höhe des langen Weges in sich selbst, den der Gottsucher Bruckner durch sein Werk zurücklegte, zeigt er uns am Ende seines letzten Adagios das Tal des Friedens: Themen der Siebten und Achten ruhen hier bereits in ewiger Harmonie. Nimmt man die großen Finale der Fünften und Achten als Maß, so kann man ahnen, welch riesiger Satz der Neunten ungeschrieben blieb. Er wäre das unerhörteste Finale der Musik geworden; vielleicht ist es gut, dass er unerhört bleiben wird ...

(Mathias Husmann)

 

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