Schumann: Cellokonzert a-moll op. 129

Ein Meisterwerk? Oder doch verrückte Musik? Die Geister scheiden sich bei Robert Schumanns Cellokonzert. Dabei schrieb er es in einer Hochphase seines Lebens.

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Robert Schumann

Robert Schumann ging es gut in diesem Herbst 1850. Als frischgebackener Musikdirektor war er gerade mit seiner ganzen Familie von Dresden nach Düsseldorf gezogen und von den Rheinländern herzlich aufgenommen worden. Seine ersten Konzerte dort waren ein voller Erfolg, und auch kompositorisch war er in Höchstform. So entstanden noch im gleichen Jahr nicht nur seine dritte Sinfonie, mit dem treffenden Beinamen „Rheinische“, sondern auch sein Cellokonzert.

Dieses schrieb Schumann innerhalb von zwei Wochen. Während es großen Anklang bei seiner Frau Clara fand – sie lobte vor allem das Spielerische –, sagte es dem Widmungsträger Emil Bockemühl hingegen nicht zu. Er forderte einen neuen dritten Satz und behauptete, das Werk sei insgesamt zu wenig melodisch. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ihm das Stück schlicht zu anspruchsvoll war. Bockemühl wollte es in dieser Form jedenfalls nicht aufführen, Schumann keine Änderungen vornehmen. So kam es, dass der Komponist sein Cellokonzert nie im Konzertsaal hörte. Erst am 23. April 1860, vier Jahre nach Schumanns Tod, wurde es in Oldenburg uraufgeführt.

Im Cellokonzert „eröffnet sich die ganze schumannsche Welt“

Cellist Jean-Guihen Queyras erklärt im Gespräch mit concerti Schumanns Cellokonzert zu seinem Lieblingsstück. Das Werk habe Zeit gebraucht, bis es ins Repertoire aufgenommen wurde, erklärt er, vermutlich weil es durch die vielen Charakterwechsel sehr zerbrechlich wirke oder auf den ersten Blick sehr schwierig und virtuos erscheine. „Wenn man diese Hürden aber einmal überwindet, eröffnet sich die ganze schumannsche Welt, die darin steckt: sehr viel Emotionalität und Widersprüche.“

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Jean-Guihen Queyras
Jean-Guihen Queyras

Vieles an diesem Stück ist ungewöhnlich: Auf der signierten Partitur vermerkte Schumann, es solle „nicht zu schnell“ gespielt werden, was im Widerspruch zur angegebenen Metronomzahl von Viertel = 130 Schläge pro Minute steht. Dieses Tempo würde sowohl den Solisten als auch das Orchester vor enorme Schwierigkeiten stellen. Auch der Part des Orchesters selbst überrascht, war das Publikum bis dahin doch gewohnt, dass es nur eine begleitende Funktion einnahm. In diesem Fall aber wirkt es als gleichwertiger Partner mit dem Solisten.

Das Stück beginnt mit drei kurzen, schwermütigen Harmonien der Bläser, die eine melancholische Stimmung entstehen lassen und auf die das vom Solisten präsentierte Hauptthema folgt. „Vor allem das Hauptthema im ersten Satz ist eines der schönsten, das es je für Cello gegeben hat“, sagt Queyras begeistert. Der zweite Satz („Langsam“) wirkt wie eine kurze Ruhepause, bevor im letzten Satz schnelle Läufe und große Sprünge die Solisten vor eine große Herausforderung stellen. Von Schumann spielerisch gemeint, wirkt dieser letzte Satz für manche so skurril, dass das Stück später sogar als der Beginn von Schumanns geistiger Verwirrtheit – Spätfolgen einer Syphilisinfektion – beschrieben wurde.

Liebesgeständnis an Clara

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Robert und Clara Schumann. Lithografie von Eduard Kaiser, 1847
Robert und Clara Schumann. Lithografie von Eduard Kaiser, 1847

Im Fokus des zweiten Satzes steht eine fallende Quinte. Ein Liebesgeständnis an Clara? Diese hatte dasselbe Motiv 13-jährig in Klaviervariationen verwendet, die sie Robert Schumann schickte. Er antwortete ihr, in dem er wiederum Variationen über ihre Variationen verfasste. So spiegelt sich für Jean-Guihen Queyras in diesem Satz im Duett von Cello und Orchester die reine Liebe zwischen Robert und Clara wider.

Clara war Schumann zeitlebens eine große Stütze gewesen, auch als sich ein paar Jahre später in Düsseldorf alles gegen ihn zu richten schien. Bereits in der ersten Saison gab es Probleme mit Orchester und Chor. Clara versuchte ihm als Korrepetitorin unter die Arme zu greifen, doch auch wiederkehrende gesundheitliche Probleme erschwerten die Arbeit zunehmend. Letztlich wurde Schumann 1853 vom Komitee des Musikvereins gebeten, nur noch eigene Werke zu dirigieren und die Leitung abzugeben. Wenige Monate später verschlimmerten sich Schumanns Leiden so sehr, dass er versuchte sich das Leben zu nehmen.

Sein Cellokonzert gehört heute zum Standardrepertoire eines jeden Konzertcellisten. Mathias Husmann schreibt in 99 Präludien fürs Publikum: „Zu Lebzeiten Schumanns fand sich kein Cellist, der es spielen mochte – heute ist es Traum aller Solisten“. Dabei zählt es zu einem der anspruchsvollsten Stück für das Instrument. Doch es lebt vor allem durch seine Intensität und Emotionalität und von Schumanns Charakter, der sich in diesem Stück immer wieder zeigt: mal spielerisch, mal dramatisch, vor allem aber melancholisch.

Die wichtigsten Fakten zu Schumanns Cellokonzert a-Moll op. 129:

Orchesterbesetzung: Solocello, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauke und Streicher

Sätze:

1. Satz: Nicht zu schnell
2. Satz: Langsam
3. Satz: Sehr lebhaft

Aufführungsdauer: Ca. 25 Minuten

Uraufführung: Die Uraufführung fand am 23. April 1860 in Oldenburg mit dem ersten Cellisten der Oldenburgischen Hofkapelle Ludwig Ebert statt.

Referenzeinspielung:

Schumann: Cellokonzert, 5 Stücke im Volkston, Adagio und Allegro, Fantasiestücke, Romanze, Märchenbild

Mischa Maisky (Violoncello), Orpheus Chamber Orchestra
Deutsche Grammophon 2000

Die Bläser des Orpheus Chamber Orchestra nehmen sich Zeit für die ersten drei Harmonien und stimmen den Hörer so bedächtig auf Schumanns Cellokonzert ein. Dann ein mehr als zarter erster Ton von Mischa Maisky, der schnell in eine Intensität übergeht, die typisch für sein emotionales Spiel ist. Die ganze Zeit über ist das Orpheus Chamber Orchestra, das grundsätzlich ohne Dirigenten arbeitet, ein – im positiven Sinne – zurückhaltender aber doch starker Partner für ein teilweise sehr dominantes Cello. In den Orchesterpassagen entfaltet es dann sein ganzes Können.

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Schon der Anfang ist ergreifend – fängt so ein Konzert an?


Drei leise, langsame, schwermütige Bläserharmonien, dazu drei harfenartige Streicherakkorde – die nachtblaue Blume der Romantik öffnet ihren Blütenkelch und verströmt betäubenden Duft: eine kaum wahrnehmbare, unregelmäßige Wellenbewegung mit einzelnen, fragilen Baßtönen entsteht – und aus diesem labilen Klanggrund erwächst das wundersame Cellothema. Zunächst träumt es die aufsteigende Linie der Einleitung nach, dann stürzt es zusammen – nach einem fragenden Blick rafft es sich auf und beginnt zu konzertieren…


Wer je von diesem Anfang getroffen wurde, kann ihn nicht mehr vergessen, und wird von daher das Konzert begreifen: diese Musik ist schutzlos ihren Gemütsschwankungen ausgeliefert: ekstatisch und depressiv (1.Satz), innig und wie abwesend (2.Satz), ausgelassen und abgründig (3.Satz). Alle Sätze sind durch poetische oder dramatische Überleitungen verbunden; vor dem Schluß des Konzerts ergibt sich eine längere, vom Orchester begleitete Kadenz. Der Cellopart ist leidend und leidenschaftlich, in den konzertierenden Phasen gambenartig figuriert und phrasiert.


Vielleicht erkannte Schumann die Bedeutung des Cellokonzertes für ihn selber nicht sogleich, als er es 1850 niederschrieb – der Ortswechsel von der Elbe an den Rhein hatte ihn erfrischt; als sich 1853 die mentalen Störungen zurückmeldeten, zog es ihn magisch an. Sicher hat er beim Überarbeiten den irrenden, stockenden Charakter der Musik noch betont.


Zu Lebzeiten Schumanns fand sich kein Cellist, der es spielen mochte – heute ist es Traum aller Solisten.


(Mathias Husmann)