Styriarte Graz 2017

Picknick unter Pfauen

Im Herzen der idyllischen Steiermark begeistert die Styriarte Graz mit einem erfrischenden und unkonventionellen Blick auf die Klassik

© Werner Kmetitsch

Schloss Eggenberg

styriarte – Schloss Eggenberg

Im österreichischen Graz begründete man vor über 30 Jahren ein Festival, um im Sommer den berühmten Sohn der Stadt, Nikolaus Harnoncourt, hierher zu locken. Und so war der Pionier der Alten Musik als Dirigent jahrzehntelang eine Art Spiritus Rector der Styriarte. Sein Tod im März letzten Jahres traf auch das Festival schmerzlich. Doch die Konzerte der Styriarte waren immer schon mehr als bloß Harnoncourt-Festspiele. Ganz im Sinne des Künstlers, der recht uneitel stets der Musik den Vorrang gegenüber irgendwelchem Personenkult gab.

Stattdessen verführt die Styriarte seit langem durch ihre ideenreiche Programmplanung. Mit überraschenden Querverbindungen und originellen, unkonventionellen Formaten, zu denen sich internationale Gaststars und Spezialensembles einfinden. Das Repertoire reicht von Alter Musik bis zu Klassischer Moderne, mit Ausflügen in Folklore und Pop. Als inhaltliche Klammer dient ein jährlich wechselndes Festivalthema. „Tanz des Lebens“ lautet das aktuelle Motto: Vier Wochen lang wird ein buntes Programm geboten, das eine Menge Möglichkeiten bietet und gleichzeitig die Reize der idyllischen Innenstadt von Graz und des Umlands einbezieht.

Da wären zunächst die beiden guten Stuben der Stadt, der altehrwürdige Stefaniensaal und die moderne Helmut-List-Halle: Eine Tanzoper aus dem spanischen Barock trifft auf Flamenco und moderner Tanz der Fidschi-Inseln auf Robert Stevensons „Die Schatzinsel”. Keltische Klänge, Klezmer sowie tanzende Derwische aus Aleppo und Istanbul sind zu erleben. Oksana Lyniv, die neue Chefdirigentin der Grazer Oper, folgt den Spuren des „Nussknacker” bei Tschaikowsky und E. T. A. Hoffmann, Andrés Orozco-Estrada fühlt den wilden Puls von Strawinskys „Sacre”, und der Pianist Pierre-Laurent Aimard erforscht Tänzerisches von Bach bis Kurtág. Ein berühmter Stammgast des Festivals ist Jordi Savall, der mit verschiedenen Ensembles Rokoko-Tänzen und Barockmusik aus Peru auf den Grund geht.

Eine Soap für die Klassik

Natürlich fehlt auch 2017 die beliebte „Soap“-Reihe auf der Styriarte nicht, eine freche Mischung aus Konzert, Performance und Lesung mit Live-Kamera: Da wird via Großleinwand den Musikern auf die Finger geschaut und über die Schulter geblickt. Schauspieler bringen dem Publikum Berühmtheiten mit Briefen und Memoiren sehr plastisch und ziemlich launig nahe. Schon Tradition ist die „Mozart. SOAP“, diesmal steht „Wolferls“ Schwester „Nannerl“ im Fokus. Zudem gibt es 2017 „Soaps“ über die Leinwandstars Ginger Rogers und Fred Astaire, über den Walzer-Strauss, über Telemann und über Ballettlegende Rudolf Nurejef.

© Werner Kmetitsch

Großer Innenhof von Schloss Eggenberg

styriarte – Großer Innenhof von Schloss Eggenberg

Attraktive Programmpunkte der Styriarte sind auch die Landpartien. Etwa ins barocke Bilderbuchschloss Eggenberg mit seinem prächtigen Planetensaal. Hier werden Dvořáks „Slawische Tänze” geboten, um anschließend bei einem musikalischen Picknick die freilaufenden Pfauen im Schlosspark zu bewundern. Beim Fest „Der König tanzt“ entfaltet sich auf Eggenberg der höfische Glanz der Epoche Ludwigs XIV., inklusive Hofzeremoniell und einem augenzwinkerndem Schnellkurs in höfischer Etikette. Dieser heiter-ironische Blick auf die Tradition ist typisch für die entspannte Atmosphäre des Festivals. Idyllische Abende verlebt man im Freiluftmuseum Stübing, nördlich von Graz, wo in einer romantischen Schlucht alte Bauernhäuser aus ganz Österreich versammelt sind. Diesmal findet hier eine tänzerische Weltreise statt, wo sich das Publikum im Abendrot auf dem Dorfanger garantiert wieder selig zu den Rhythmen wiegen wird.

© Werner Kmetitsch

Tanz im Freilichtmuseum Stübing

styriarte – Tanz im Freilichtmuseum Stübing

Eine Wanderung führt sogar ins Ausseerland, wo der letzte James Bond gedreht wurde. Doch nicht der Agent ist das Ziel, sondern Elfen und Klänge von Purcell und Mendelssohn.

Extravagant wird es dieses Jahr mit einem Pferdeballett im Park des Barockschlosses Schielleiten in der Oststeiermark. Die Experimentier- und Spielfreude des Festivals überträgt sich: Das Publikum ist offen, interessiert und neugierig, die Stimmung gelöst und nicht selten euphorisch. Kein Wunder, die Styriarte bietet jährlich ein charmantes sommerliches Fest für alle Sinne.

Die Festivaldaten im Überblick:

styriarte
Zeitraum: 13.6.–23.7.2017
Künstler: Dorothee Oberlinger, Pierre-Laurent Aimard, Jordi Savall, Benjamin Schmid, Stefan Vladar, Marcelo Nisinman, Erich Höbarth, Andrés Orozco-Estrada, Concentus Musicus Wien, ensemble federspiel u. a.
Ort: Graz

Sehen Sie die Vorbereitungen für „La Margarita“, dem barocken Rossballett in der styriarte 2017:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Termine

Samstag, 06.11.2021 15:00 Uhr Pierre Boulez Saal Berlin
Sonntag, 07.11.2021 15:00 Uhr Pierre Boulez Saal Berlin
Dienstag, 23.11.2021 19:30 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Mark Simpson, Jean-Guihen Queyras, Pierre-Laurent Aimard

Lachenmann: Dal niente (Intérieur III), Pression, Guero & Allegro sostenuto, Suckling: Visiones (after Goya)

Freitag, 26.11.2021 20:00 Uhr Kölner Philharmonie

La Capella Reial de Catalunya, Hespèrion XXI, Jordi Savall

Werke von Morales, Parabosco, Senfl, Josquin u. a.

Sonntag, 05.12.2021 19:00 Uhr Alte Oper Frankfurt

Sara Gouzy, Laila Salome Fischer, La Capella Reial de Catalunya, Le Concert …

Mozart: Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551 „Jupiter“ & Requiem d-Moll KV 626

Montag, 06.12.2021 19:00 Uhr Konzerthaus Blaibach

J. S. Bach: Das Wohltemperierte Klavier Teil II

Pierre-Laurent Aimard (Klavier)

Sonntag, 23.01.2022 20:00 Uhr Kölner Philharmonie
Sonntag, 30.01.2022 19:30 Uhr Mozarteum Salzburg

Auch interessant

Radio-Tipp 19.3.: BR-Klassik Jordi Savall

Meister seines Fachs

Jordi Savall zählt zu den bedeutendsten Gambisten und Interpreten der historischen Aufführungspraxis. BR-Klassik präsentiert eine Auswahl seiner herausragendsten Aufnahmen. weiter

30-jähriges Bestehen: Das Klavier-Festival Ruhr 2018

Der rote Flügel rollt wieder …

Das Klavier-Festival Ruhr feiert dreißigjähriges Bestehen und öffnet seine Tore nicht nur für das übliche Konzertpublikum weiter

INTERVIEW PIERRE-LAURENT AIMARD

Blicken wir nach vorn!

Pierre-Laurent Aimard gilt als Mann der Moderne. Doch er selbst kann mit diesem Bild so gar nichts anfangen weiter

Rezensionen

Rezension Jordi Savall – Beethoven: Sinfonien Nr. 1-5

Gipfel der Sinfonik

Jordi Savall und Le Concert des Nations lassen Beethovens Sinfonien völlig neuartig erklingen. weiter

CD-Rezension Jordi Savall – Bailar Cantando

Höchst kunstvoll

Jordi Savall steht seit fast 45 Jahren für die lustvolle Erkundung der Alten Musik – diese ist zugleich archaisch-urwüchsig wie höchst kunstvoll weiter

CD-Rezension Elliott Carter: Late Works

Von Altersmilde keine Spur

Pierre-Laurent Aimard, Isabelle Faust und Jean-Guihen Queyras machen diese Einspielung mit Elliott Carters Spätwerk zu einer wahren musikalischen Entdeckungsreise weiter

Kommentare sind geschlossen.