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Interview Claire Huangci

„Die Werke waren eine Entdeckung für mich“

Pianistin Claire Huangci spricht im Interview über ihr neues Album „Piano Heroines“ und die Sichtbarkeit von Frauen in der Klassikwelt.

vonSusanne Bánhidai,

Claire Huangci wollte mit ihrem nächsten Album eigentlich ihr Heimatland, die USA, würdigen. Dann wurde „Piano Heroines“ eine Würdigung anderer Art.

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Das letzte Interview mit concerti liegt ungefähr vier Jahre zurück – und in der Zwischenzeit ist viel passiert …  

Claire Huangci: Das einschneidende Ereignis ist sicher die Geburt meiner Kinder. Selbstverständlich hatte ich auch tolle Bühnenerfahrungen, schöne kammermusikalische Projekte, Alben-Veröffentlichungen, aber nichts hatte diese Kraft der Veränderung. Alles hat sich geändert – ich mich selbst, die Perspektiven und mein beruflicher Alltag.

Ihr Leben als Künstlerin hat weiterhin stattgefunden. Wie ist das Album „Piano Heroines“ entstanden?

Huangci: Ursprünglich hatte ich einen ganz anderen Plan dafür: eine Fortsetzung meines Albums „Made in USA“. Dafür hatte ich bereits viel Repertoire gesammelt, auch mit Blick auf den 250. Geburtstag meines Heimatlandes. Nach der Präsidentschaftswahl konnte ich diesen Gedanken jedoch nicht weiterverfolgen. Die Werke von Amy Beach und Florence Price hatte ich schon ausgewählt, und daraus entwickelte sich „Piano Heroines“.

Sie stellen zwei amerikanische Komponistinnen den beiden bekanntesten der deutschen Romantik gegenüber. Wie stehen sie in einer Beziehung zueinander?

Huangci: Einerseits sind sowohl Amy Beach also auch Florence Price von der deutschen Romantik sehr beeinflusst, da hört man hinter ihrem eigenen Personalstil sofort das Bildhafte von Johannes Brahms und die Melancholie von Robert Schumann. Außerdem lebe ich mittlerweile seit 18 Jahren in Deutschland. Mit Fanny Hensel und Clara Schumann habe ich die bekanntesten Komponistinnen meiner Wahlheimat gewürdigt. Die Werke waren aber auch Entdeckungen für mich, keines habe ich je in einem Konzert gehört.

Also ist „Piano Heroines“ auch ein persönliches Album?

Huangci: Auf jeden Fall. Die Biografien der Frauen haben mich beschäftigt, und da ich selbst am Ende meiner zweiten Schwangerschaft war, habe ich mich Clara Schumann sehr nahe gefühlt. Sie hat komponiert, war als Virtuosin erfolgreich, hatte einen kranken Mann – und acht Kinder! Und ihre Musik ist einfach großartig.

Claire Huangci ist seit der Saison 2024/25 künstlerische Leiterin der Elfenbeinkonzerte
Claire Huangci ist seit der Saison 2024/25 künstlerische Leiterin der Elfenbeinkonzerte

Sie sprechen es an: Die Biografien aller vier Frauen lesen sich wie ein großes „Trotzdem“ und „Obwohl“. Besteht nicht die Gefahr, dass ihre Kompositionen hinter den „Heldinnen“ in den Hintergrund treten?

Huangci: Es gehört alles zusammen. Florence Price ist einen harten Weg gegangen. Um eine institutionelle Musikausbildung genießen zu können, musste sie sich als Mexikanerin ausgeben. Sie zog nach einer Scheidung ihre Kinder alleine groß. Unter diesen Umständen einen ganz eigenen Stil zu entwickeln, ist bewundernswert. Ihre Fantasie nannte sie stolz „fantasie negre“. Es war ein wichtiger Teil ihrer Identität. Auch Amy Beach hat einen erstaunlichen Lebensweg. Obwohl sie kein Kind hatte, komponierte sie eines der intimsten Stücke des Albums, den „Cradle Song oft the Lonely Mother“. Damit hat sie die Stimmung einer Mutter, die plötzlich sehr viel Verantwortung trägt, sehr empathisch in Töne gesetzt.

Wer Vorurteile gegenüber von Frauen komponierter Musik hat, wäre vielleicht überrascht ob der enormen Virtuosität und Klangfarbenpalette der Werke …

Huangci: Die Wahrheit ist: für alle Stücke braucht man viel Kraft, und es sind teilweise sehr schwierige Miniaturen. Clara Schumann war selbst eine herausragende Pianistin, in gewisser Weise ein weiblicher Franz Liszt, und selbstverständlich hat sie auch virtuos komponiert. Genau diese Seite von ihr wollte ich zeigen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, dass sie als Clara Wieck geführt wird, denn sie hat die Stücke auf dem Album vor ihrer Heirat komponiert. Leider hat sie sich – wie auch Fanny Hensel – selten an große Formen gewagt.

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Vor vier Jahren haben Sie gesagt, dass Sie ihre politischen Sichtweisen keinesfalls mit ihrer Musik in Verbindung bringen möchten – das hört sich jetzt anders an.

Huangci: Ich habe früher politische Themen gemieden, weil ich das Gefühl hatte, zu wenig dazu sagen zu können. Nun möchte ich mit meinem Engagement nicht mehr hinter dem Berg halten. Mir geht es um die Sichtbarmachung von Musik, die lange ein Schattendasein führen musste.  

Man hat den Eindruck, dass es sowohl für Komponistinnen als auch für Werke von People of Colour viele Initiativen gibt wie Festivals, Aufnahme- und Forschungsprojekte. Ist das nur ein Trend oder werden sich die Schätze im Repertoire halten?

Huangci: Ich möchte mit diesen Aufnahmen eine Inspiration sein – vielleicht hat jemand den Mut, eines dieser großartigen Stücke einmal in einem Wettbewerb zu spielen. So kann man zeigen, dass man technisch versiert ist, und frischen Wind ins Repertoire bringen.

Sie meinen, dass diese Stücke keine Quotenregelung brauchen?

Huangci: Absolut nicht. Die Qualität der Stücke ist sehr hoch. Mir ist auch wichtig zu zeigen, dass jede der vier Frauen auf dem Album einen eigenen Stil hat.

Gibt es einen anderen Umgang mit dem Thema Sichtbarkeit von Frauen in der Klassikwelt in Amerika, wo es viel mehr Quoten gibt?

Huangci: In den USA wird tatsächlich mehr versucht zu steuern. Quoten bergen die Gefahr, dass die Qualität leidet. Daher plädiere ich für mehr Vertrauen, dass sich genau diese durchsetzt.

Dennoch ist das Album ein Statement. Ist es der Beginn einer Mission?

Huangci: Ich denke ja. Natürlich werde ich in Zukunft nicht ausschließlich Werke von Komponistinnen spielen, aber für jede Saison ein paar aussuchen, die mich am meisten begeistern, zum Beispiel das Klavierkonzert von Amy Beach.

Und wann beginnen Sie mit dem Komponieren?

Huangci: Nie und nimmer. Ich kenne so viele Musiker, die improvisieren können, aber ich habe keine Begabung dafür.

Aktuelles Album:

Album Cover für Piano Heroines

Piano Heroines

Claire Huangci (Klavier)
Werke von Hensel, Wieck, Beach & Price
Alpha

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