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Konzert-Kritik: Philharmonisches Orchester Györ im Wiener Musikverein

Musikalischer Stoff, aus dem Helden sind

(Wien, 20.4.2026) Das Philharmonische Orchester Győr unter Dirigent Christoph Poppen erkundet im Wiener Musikerverein musikalische Mittel, die Pathos zum Klingen bringen. Pianist Arsenii Moon darf dabei manch pianistisches Feuerwerk entzünden.

vonPatrick Erb,

Alexey Shors erstes Klavierkonzert eröffnete das Gastspiel des Philharmonischen Orchesters Győr im Wiener Musikverein. Was dabei sofort ins Ohr fällt: Shor versteht es, Bilder zu evozieren. Ähnlich wie Gustav Mahler in seiner ersten Sinfonie eine Heldengeschichte entwirft, findet der US-amerikanische Komponist Mittel und Wege, ein inhaltliches Programm in absolute Musik zu überführen.

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Mit kräftigen tonalen Farben angereichert, erzählt das Konzert als spätmoderner Mahler-Zwilling ein nicht minder fantastisches Heldenepos. Shor arbeitet dabei instinktiv und überrumpelnd zugleich. Sofort verfängt das schillernde, strahlende Erhabenheitsgefühl, das Orchester dreht den Melancholie-Regler weit auf. Der Held dieser Geschichte ist das Klavier, an dem Arsenii Moon mit brillanter Technik gegen die gewaltigen Orchesterfluten ankämpft, die Christoph Poppen mit spielerischer Freude entfesselt. Das Hauptthema des Kopfsatzes muss sich immer wieder aufs Neue behaupten. Verführerische Duftschwaden im zweiten Satz laden zum Wegträumen ein, bis das veränderte Thema attacca im Finalsatz zurückkehrt und in ein virtuoses Feuerwerk mündet. Der Held kehrt siegreich heim.

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Brillierender Pianist Arsenii Moon

Nicht minder virtuos, aber auf ganz andere Weise, wühlen die Paganini-Variationen von Sergej Rachmaninow auf. Beide Werke wirken harmonisch ergreifend und bewusstseinserweiternd. Während Shors Konzert jedoch immer wieder zum Thema zurückführt, nimmt das berühmte Paganini-Thema bei Rachmaninow neue Gestalten an. Mit knappen Gesten, ohne Effekthascherei lässt Poppen die Variationen souverän pulsieren, von denen viele wie kalte Wassertropfen perlen. Hier dürfte es bisweilen etwas mehr orchestrales Leben sein, doch Poppen weiß: Für das technische Eskalieren sitzt Moon am Klavier. Entsprechend darf sich der Pianist feiern lassen – nicht zuletzt für seine zweite Zugabe, der „La Campanella“-Etüde von Franz Liszt, die mit einem weiteren Ohrwurmthema Paganinis Pianisten zur Höchstform auflaufen lässt. So auch Moon, der hitzig aufspielt und die Grenzen des Machbaren auslotet.

Fast bodenständig wirkt dagegen der zweite Teil des Konzerts mit der Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36 von Ludwig van Beethoven. Mit unveränderter Ensemblegröße, darunter sechs Kontrabässe, sieben oder acht Violoncelli, etwa zehn Bratschen und zwanzig Violinen, zahlt das Philharmonisches Orchester Győr hier zunächst eher auf das Konto einer pathetischen Gundierung ein als auf Beethoven im Originalklang. Doch auch hier zeigt sich Poppen als gewissenhafter Dirigent: Er regelt zurück und macht hörbar, dass selbst in großer sinfonischer Stärke Beethovens Stolz leicht dahinfließen kann. Als Konsequenz entlockte dies dem ohnehin bereits bestens gelaunten Publikum einen umso herzlicheren Schlussapplaus.

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