Opern-Feuilleton: Luciano Pavarotti

Pavarottissimo

Ein neuer Dokumentarfilm über Luciano Pavarotti gibt intime Einblicke in das doppelte Leben des größten Tenors seit Enrico Caruso.

© Terry O'Neill

Luciano Pavarotti

Luciano Pavarotti

In seiner Signetarie „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ singt Pavarotti den Satz: „Ma il mio mistero è ­chiuso in me.“ Zu deutsch: „Aber mein Geheimnis bleibt in mir verschlossen.“ Ganz am Ende des neuen Films über das Leben des größten Tenors seit Enrico Caruso singt er Calafs Wunschkonzerthit noch einmal. Und man kommt ins Grübeln über das eigentliche Geheimnis dieses 1935 geborenen Bäckerssohns aus dem norditalienischen Modena, der vom Grundschullehrer zum gefragtesten und teuersten Opernsänger seiner Zeit und schließlich zum veritablen Popstar aufstieg, der in Crossoverprojekten mit Sting, Zucchero und Bono von U2 Menschenmassen erreichte, die mit dem Minderheitenprogramm Oper sonst nur wenig anfangen können.

Liegt das Geheimnis schlichtweg in seiner Stimme selbst, mit der er das gefürchtete hohe C so mühelos ansteuern konnte, dass die technische Kon­struiertheit seiner Stimmlage auf einmal vollkommen natürlich erscheint? Und Singen so mühelos wie ein Kinderspiel wirkt? Oder ist es seine charismatische Kraft der Verzauberung, mit der er Arenen, Stadien und die riesigen Parks von London und New York füllte? Ist es seine ansteckende Liebe zum Leben, sein an seiner Körperfülle ablesbares Genussmenschentum, seine Gabe, allen Mitmenschen das Gefühl zu geben, bedeutsam und ihm nahe zu sein? Oder ist es alles noch viel einfacher? Ist es also sein strahlendes Lächeln, sein schelmischer Humor, seine allumfassende Weltumarmung?

Ein Volkstribun der Oper

Fraglos liegt das Besondere des Luciano Pavarotti – und dies macht der Film wunderbar deutlich – darin, dass er sich als einfacher Bauer verstand, als bodenständiger Mensch aus dem Volk, dessen Vater im Kirchenchor sang, den er bewunderte und der ihm den Tipp gab, bloß erst mal etwas Anständiges zu lernen. Seine frühe und in der Tat ideale Paraderolle neben seiner Debütpartie, dem Rodolfo in „La Bohème“, war kaum zufällig der Einfaltspinsel Nemorino in Donizettis „L’elisir d’amore“.

Passend dazu wuchs Pavarotti in eine Theaterwelt hinein, in der die Kunstform Oper noch nicht zum intellektualisiert konzeptorientierten Musiktheater mutiert war, sondern sich gleichsam ihre Naivität bewahrt hatte. So konnte er ohne Verbiegungen zum Volkstribun der Oper werden. Dieses urwüchsige, dabei technisch perfekt fundierte Talent eines unfasslich sympathischen, aller Welt Vertrauen schenkenden netten Kerls musste dann in nur einem relativ kleinen Schritt für jenen Markt nutzbar gemacht werden, der nach Authentizität giert, um diese alsbald auszubeuten und zu Geld zu machen.

© Wild Bunch Germany

Luciano Pavarotti mit seiner Tochter

Luciano Pavarotti mit seiner Tochter

Dokumentarfilm zeigt privates Dokumentarmaterial von Pavarotti

Den Erfolg des Labels „Die drei Tenöre“, das Pavarotti gemeinsam mit seinen Kollegen Domingo und Carreras 1992 in den Caracalla-Thermen von Rom kreierte, hatte der Erfolgreichste des Trios längst mithilfe seiner Manager vorbereitet. Die Flutwelle einer gigantischen Marketingmaschinerie nutzte die Schönheit der Gattung Oper mit nie dagewesenem wirtschaftlichem Mehrwert. Pavarotti popularisierte die Gattung, wurde dafür freilich von der seriösen Kunstkritik der Feuilletons des Verrats geziehen.

Noch ein weiteres Mal sah sich der im Superlativ singende und lebende Pavarottissimo Gegenwind ausgesetzt, als er die Scheidung von seiner ersten Frau Adua Veroni einreichte, um nun die 34 Jahre jüngere Nicoletta Mantovani ehelichen zu können. Das katholische Italien, das den Ehebruch als Affäre duldet, so lange er nicht die heile Welt der Familie infrage stellt – es wollte ihn fast fallenlassen. Gerade dem Geheimnis des Privatmanns, eines großen, leidenschaftlich Liebenden, der hinter der Künstlerlegende zu verschwinden drohte, ist Ron Howard in seinem Film auf der Spur – feinfühlig und in klugen Schnitten zwischen bislang privat archiviertem Dokumentarmaterial und vielseitigen Interviews mit Familienmitgliedern wie Weggefährten.

Sehen Sie hier den offiziellen Trailer zu „Pavarotti“:

concerti-Tipp:

Pavarotti
Ron Howard (Regie)
Bundesweiter Kinostart am Do. 26.12.2019

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Album-Tipp

Pavarotti

Offizieller Soundtrack zum FilmDecca

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Verlosung Kinokarten „Pavarotti“

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