30 Jahre die „3 Tenöre“

Aufbruch in Ruinen

Vor dreißig Jahren haben Luciano Pavarotti, José Carreras und Plácido Domingo als „3 Tenöre“ Klassik massentauglich gemacht und dabei begonnen, Grenzen zu sprengen.

© Universal Music

Die 3 Tenöre: Plácido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti

Die 3 Tenöre: Plácido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti

Sportspektakel und Operngesang? So etwas hatten vor dreißig Jahren weder Fußball- noch Klassikwelt jemals gesehen. Dass Größen aus Rock und Pop Stadien füllten und Olympia-Eröffnungsfeiern und Superbowls bespielten, das war man gewöhnt. Aber Klassik für Massen war der Arena in Verona oder allenfalls staatstragenden Gedenkfeiern vorbehalten. Und nun gab es am 7. Juli 1990 während der Fußball-WM in Italien – am Vorabend des Finalspiels – dieses Event in den Ruinen der antiken Caracalla-Thermen in Rom. In der Aufstellung: drei der damals berühmtesten Tenöre des Erdballs, die alle bereits auf beträchtliche Karrieren zurückblicken konnten. Luciano Pavarotti, 54 Jahre alt, mit seinem legendären hellen Sehnsuchtsschmelz in der Stimme, José Carreras, 43, Inbegriff des Opernhelden mit sensibler Leidenschaft, und schließlich der vielseitige, vor tenoraler Strahlkraft strotzende Plácido Domingo, 49. Auf dem Programm: Opernhits wie „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“, zudem „leichtes Genre“, Operetten- und Zarzuela-Nummern, der Evergreen „Granada“, die Canzone „O sole mio“. Die 6.000 Zuschauer vor Ort waren elektrisiert, genauso wie die Milliarden weltweit, die das Konzert im Fernsehen verfolgten.

Beim einmaligen Experiment blieb es nicht. Konzertveranstalter und Klassik-Labels witterten schnell einen neuen Trend. In der Folge wurden Pavarotti, Carreras und Domingo zur populären Marke und zu einer enormen Geldmaschine. Über dreißig weitere Auftritte folgten bis ins neue Jahrtausend: kommerzielle Konzerte, deren Eintrittspreise gerne umgerechnet 400 Euro und mehr betrugen, Benefizauftritte, 1996 und 1997 eine Welttournee, 1999 eine weitere. Auch die Fußball-Weltmeisterschaften 1994 in Los Angeles, 1998 in Paris und 2002 in Yokohama beehrten die drei Tenöre. 2001 sangen sie in Peking in der Verbotenen Stadt. Mehrere Mitschnitte erschienen, alleine das erste Konzert aus Rom, „The Three Tenors in Concert“, verkaufte sich gut zwanzig Millionen Mal. 1999 gab es ein gemeinsames Weihnachtsalbum, aufgenommen in Wien, später ein „Best Of“.

Die „3 Tenöre“: Sprengung der Grenzen zwischen E- und U-Musik

Menschen, die niemals zuvor ein Opernhaus betreten hatten, kannten die Namen der Künstler. Manche Kritik warf den drei Sängern die Verwässerung der Klassik vor, was ihrem Erfolg indes keinen Abbruch tat. Sie nahmen Musical-Hits in ihr Repertoire und flirteten mit Pop und Rock. Carreras und Domingo sangen 1992 mit Soul-Diva Diana Ross bei „Christmas in Vienna“, Pavarotti trat in seinem Geburtsort Modena bis in die 2000er Jahre mit Pop-Größen wie Eurythmics, Mariah Carey, Sheryl Crow, Lionel Richie, Eric Clapton und Bryan Adams auf, Domingo arbeitete 2002 mit Carlos Santanta zusammen.

Mit den drei Tenören hat das postmoderne Event die Klassik entdeckt, die Auftritte haben sich als Ikonen ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Pavarotti mit Schweißtuch, groß wie ein Laken, ist inzwischen auch als Piktogramm verwendet worden. Und heute? Der „Jahrhunderttenor“ Pavarotti ist 2007 gestorben, 100.000 Menschen nahmen in Modena Abschied von ihm. Carreras zog sich 2009 weitgehend von der Opernbühne zurück, engagiert sich weiterhin bei Benefizgalas für den Kampf gegen die Leukämie. Und Domingo weitete seine Universalität noch aus, wirkte als Dirigent sowie als Opernchef in Washington und Los Angeles – bis 2019 #MeToo kam. Anfang 2020 gestand Domingo sein Fehlverhalten und räumte seinen Posten in Los Angeles.

Die Erfolgsgeschichte der drei Tenöre ist bis heute einzigartig. Später gab es Nachahmer, Phänomene wie „Die Jungen Tenöre“, die „Ten Tenors“ oder die „3 Baritone“. Sie alle konnten das Original nicht schlagen. Ob Pavarotti, Carreras und Domingo tatsächlich das Erlebnis Oper für neue Schichten öffneten, sei dahingestellt. Doch die scheinbar ehernen Grenzen zwischen E- und U-Musik haben sie erfolgreich gesprengt. Und die Erlebnisräume geweitet. Wenn heute Anne Sofie von Otter ABBA-Songs interpretiert, Jonas Kaufmann Schlager aus der Weimarer Republik singt und Simone Kermes Stücke von Lady Gaga und Deep Purple in ihr Programm nimmt, dann ist dies nicht zuletzt den legendären drei Tenören zu verdanken.

Auch interessant

Musikalische Spurensuche: Thüringen

Viel mehr als Bach, Goethe, Luther

Musikspuren um die Drei Gleichen in Mittelthüringen. weiter

Musikalische Spurensuche: Nordrhein-Westfalen

„Nirgends ist’s lieblicher als in der Heimat!“

Der Max-Bruch-Weg im Bergischen Land. weiter

OPUS KLASSIK 2020: Nominierte stehen fest

Die Spannung steigt

Die Nominierten für den OPUS KLASSIK 2020 stehen fest. weiter

Kommentare sind geschlossen.