Opern-Feuilleton: Opernchöre in Coronazeiten

Auf Abstand

Wie erging es Opernchören während Corona – und wie geht es weiter? Roland H. Dippel hat sich bei Chorleitern umgehorcht.

© Birgit Gufler

Auch bei der Zauberflöte-Inszenierung konnte der Chor des Tiroler Landestheaters bedenkenlos auftreten

Auch bei der Zauberflöte-Inszenierung konnte der Chor des Tiroler Landestheaters bedenkenlos auftreten

Am Anhaltischen Theater Dessau wurde die Premiere von Verdis Choroper „Die Macht des Schicksals“ nach der Absage 2020 um drei Wochen auf März verschoben. An der Deutschen Oper am Rhein entfielen Vorstellungen der weitgehend chorfreien „Katja Kabanova“, während Barrie Koskys körperintensive Inszenierung von „Orpheus in der Unterwelt“ mit vollem Chor stattfand. Verrückte Bühnenwelt. Doch es stimmt hoffnungsvoll, dass sechs Chorleitungen großer, mittlerer und kleinerer Theater Zukunftsängste plausibel relativieren.

Einheitliche Konzepte kann es nicht geben. Es macht einen Unterschied, ob Produktionen für mehrere Spielstätten entstehen wie beim Theater Altenburg Gera oder eben nicht. Ein Sonderfall war der Chor des Tiroler Landestheaters. „Aufgrund der in Österreich geltenden Verordnungen waren wir nie gezwungen, auf den Einsatz des Chores zu verzichten“, rekapitulieren Intendant Johannes Reitmeier und Operndirektor Michael Nelle. Norbert Kleinschmidt, Chordirektor des Theater Freiburg, sieht allerdings unter derzeitigen Bedingungen „keine Rückkehr in die kleineren Proberäume von vor der Pandemie. Daraus erwachsen Probleme der Raumverfügbarkeiten.“

Ulrich Wagner, Chordirektor des Staatstheaters Karlsruhe, findet in den Hygieneregeln wiederum einen musikalischen Gewinn: „Die Proben auf Abstand haben tatsächlich dazu beigetragen, dass sich die Leistung des Chors noch gesteigert hat. Jedes einzelne Mitglied konnte sich auf diese Weise selbst besser hören als bei einer normalen Aufstellung.“ Im Vorteil sind derzeit Ensembles, die bereits vor der Pandemie zu hoher Flexibilität angehalten waren. Dazu gehört der regelmäßig in Abstecher-Vorstellungen mitwirkende Opernchor des Theater Hof. Chordirektor Roman David Rothenaicher bestätigt, dass es auch nach Corona Chor-Gäste geben wird. Die Praxis, regelmäßig Solopartien aus dem Chor zu besetzen, erwies sich in Hof während der Pandemie als Vorteil.

Eine Herausforderung für Laienchöre

Die neuen Bedingungen bedeuten für Extrachöre auf keinen Fall das vielfach befürchtete Aus. Ulrich Wagner wie seine Kolleginnen und Kollegen setzen ein klares Bekenntnis zu diesen: „Wir sind den Mitgliedern des Extrachors sehr denkbar, dass sie uns über die lange Durststrecke die Treue gehalten haben, obwohl wir sie überhaupt nicht an den Proben und Vorstellungen beteiligen konnten.“ Alexandros Diamantis vom Theater Altenburg Gera denkt an alle in verschiedenen Konstellationen mitwirkenden Ensembles: „Für die Laienchöre, darunter der Philharmonische Chor und der Kinder- und Jugendchor, war die lange Probenpause eine Herausforderung.“

Jetzt finden Proben und Vorstellungen endlich wieder im regelmäßigen physischen Direktkontakt statt. Auch Stellenbesetzungen laufen wieder an. Nur selten wird direkt darüber gesprochen, aber man spürt die Ängste in Hinblick auf die Zukunftssicherung. Kein Vorurteil betreffend eines reduzierten Arbeitsaufkommens im Umfeld der Pandemie hält einer genauen Prüfung stand. Auftrittspausen durch Werke ohne Chor oder mit kleinen Gruppen sind im normalen Spielbetrieb unerlässlich. An großen Opernhäusern hat jedes Chormitglied ein riesiges Repertoire in vielen Sprachen und vielen Stilen. In „Carmen“ und „Lohengrin“ sind Chorpartien so lang wie die Solopartien. Was Tilman Michael von der Oper Frankfurt sagt, gilt deshalb für jedes Theater: „Wenn es keine chorfreien Werke gäbe, so hätte ein Opernchor gar nicht genügend Zeit für alle notwendigen musikalischen und szenischen Proben. Wir hatten immer und haben weiterhin sehr viel zu tun!“

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