Opern-Feuilleton: Reflexionen über die Gegenwart in Beethovens „Fidelio“

Werk und Wirklichkeit

Nur wenige Opern bieten sich kontinuierlich zur Reflexion über die Gegenwart an wie „Fidelio“, die kurz vor dem Beethovenjahr wieder in den Spielplänen der Opernhäuser auftaucht.

© Wilfried Hösl

Calixto Bieitos „Fidelio“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper

Calixto Bieitos „Fidelio“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper

Zu den gut gemeinten Absichten des Musiktheaters gehört es, aktuelle Zeitbezüge herstellen zu wollen. Insgeheim behaupten Regisseure mit ihren mal mehr, mal weniger passenden Parallelen, Mozart, Verdi und Wagner hätten visionär vorausgeahnt, wie sehr uns zu Beginn des 21. Jahrhundert doch Klimakrise und Brexit, Putin und Trump zu schaffen machen würden. Bemühtes, effektheischendes, verkürzendes Regietheater kann die Folge sein. Denn Obergott Wotan ist denn doch die deutlich vielschichtiger schillernde Figur als der amtierende amerikanische Präsident, wenngleich die beiden Herren mit der Umgehung von Gesetzen ein durchaus vergleichbares Verhalten an den Tag legen. Doch es gibt eben auch jene utopischen Augenblicke der Welthistorie, in denen Werk und Wirklichkeit auf geradezu erschütternde Weise zusammenfallen und uns in wechselseitiger Weise Augen und Ohren öffnen. Nicht selbst geplant oder gewusst, höchstens seismografisch gespürt haben Interpreten solchen in der Luft liegenden Wandel und Wechsel der Geschichte, der in den lange zuvor geschriebenen Werken insgeheim angelegt zu sein scheint.

Beethovens Freiheits-Utopie wird Wirklichkeit

Christine Mielitz hatte solches Glück, als sie just am 7. Oktober 1989 in der Semperoper ihre Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ herausbrachte. Während auf dem Platz vor dem Theater und in der Innenstadt Dresdner Bürger ihre Stimme erhoben gegen Machtmissbrauch, Unterdrückung und staatliche Gewalt einer Diktatur, die sich den perfiden Anstrich der Demokratie verlieh, hatte Ausstatter Peter Heilein die Stacheldrahtzäune eines modernen Hochsicherheitsgefängnisses auf die Bühne gestellt. Zensur und Staatssicherheit waren in den Zeiten des Zerbröselns eines implodierenden staatlichen Systems bereits zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie die kühnen, unmissverständlichen Zeichen noch hätten verhindern können. Genau einen Monat nach der Premiere fiel die Berliner Mauer. Die C-Dur-jubelnde Utopie der Freiheit im Finale der Oper wird Wirklichkeit. Dreißig Jahre später ist die Produktion von Christine Mielitz längst zur Kultinszenierung avanciert. Sie kehrt in einer Festvorstellung zurück, Joachim Gauck wird zuvor in einer Rede an die glücklichen Stunden der deutschen Wiedervereinigung erinnern.

© Bernd Uhlig

Harry Klupfers „Fidelio“-Inszenierung wird an der Berliner Staatsoper wiederaufgenommen

Harry Klupfers „Fidelio“-Inszenierung wird an der Berliner Staatsoper wiederaufgenommen

Da indes im Jahr 2020 auch der 250. Geburtstag des Titanen der Klassik ansteht, ist die Aufführung in Dresden zugleich Auftakt eines ganzen Reigens an Neuinszenierungen und Wiederaufnahmen signifikanter Deutungen von Beethovens einziger Oper, die sich durch die gesamte Spielzeit 2019/20 ziehen werden. So wird Harry Kupfers Sicht an die Staatsoper unter den Linden zurückkehren. Der Altmeister des realistischen Musiktheaters ostdeutscher Provenienz akzentuiert im Besonderen die musikalische Utopie des Fidelio. Michaela Kaune singt die Leonore, Simone Young dirigiert. An der Staatsoper in Hamburg werden die Hausherren Kent Nagano und Georges Delnon ihre gemeinsame Arbeit zurück auf die Bühne bringen. Daniel Behle debütiert als Florestan. Weitere Wiederaufnahmen laden nach Chemnitz, Heidelberg und München ein. An der Isar hatte Calixto Bieito die Oper nicht als Befreiungskampf, sondern als Geschichte einer Selbstfindung in Szene gesetzt. Adrianne Pieczonka und Klaus Florian Vogt übernehmen die Hauptpartien.

© Klaus Gigga

Christine Mielitz' „Fidelio“-Inszenierung an der Dresdner Semperoper

Christine Mielitz' „Fidelio“-Inszenierung an der Dresdner Semperoper

Fidelio: Appell zur Teilhabe an politischen Prozessen

Weitere Deutungen aus dem Geiste der Gegenwart werden andernorts gewagt. So in Darmstadt, wo „Fidelio“ als Appell für die Teilhabe an politischen Prozessen verstanden wird, einer Aufforderung zur Aktivität, der Regisseur Paul-Georg Dittrich dadurch Nachdruck verleiht, dass er im zweiten Akt einige Zuschauer mit auf die Bühne bittet. Am Theater Ulm wiederum problematisiert Dietrich W. Hilsdorf, dass Beethovens Opern-Solitär in all seiner Heterogenität einzigartig und fesselnd bleibt, ein Singspiel, in dem Tragik und Komik einander bedingen, ein revolutionäres Opus, das dem Theater Shakespeares wesentlich näher zu sein scheint als alles, was bis ins frühe 19. Jahrhundert in Opern zu erleben war. In Beethovens Heimat Bonn indes wird Regisseur Volker Lösch die Stadt selbst zur bürgerschaftlichen Mitwirkung anregen. Jede Vorstellung soll singulär werden. Kunst ohne konkrete Anbindung an das Draußen, an die Zeit, in der wir leben, erachtet der Regisseur als sinnlos.

Termine:

Dienstag, 22.10.2019 19:30 Uhr Stadttheater Fürth

Beethoven: Fidelio

Theater Ulm, Timo Handschuh (Leitung), Dietrich W. Hilsdorf (Regie)

Donnerstag, 28.05.2020 19:00 Uhr Semperoper Dresden

Beethoven: Fidelio

Klaus Florian Vogt (Florestan), Markus Marquardt (Don Pizarro), Elena Pankratova (Leonore), Evelin Novak (Marzelline), Georg Zeppenfeld (Rocco), Joseph Dennis (Jaquino), Christoph Pohl (Don Fernando), Sächsischer Staatsopernchor Dresden,
Sächsische Staatskapelle Dresden, John Fiore (Leitung), Christine Mielitz (Regie)

Sonntag, 01.12.2019 15:00 Uhr Theater Chemnitz

Beethoven: Fidelio

Andreas Beinhauer (Don Fernando), Krisztián Cser (Don Pizarro), Chor der Oper Chemnitz, Robert-Schumann-Philharmonie, Jakob Brenner (Leitung), Robert Lehmeier (Regie)

Donnerstag, 24.10.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Beethoven: Fidelio

Stefan Soltesz (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Samstag, 26.10.2019 19:30 Uhr Staatstheater Darmstadt

Beethoven: Fidelio (Premiere)

Daniel Cohen (Leitung), Paul-Georg Dittrich (Regie)

Mittwoch, 01.01.2020 18:00 Uhr Opernhaus Bonn

Beethoven: Fidelio (Premiere)

Dirk Kaftan (Leitung), Volker Lösch (Regie)

Donnerstag, 30.01.2020 19:30 Uhr Theater Heidelberg

Beethoven: Fidelio (halbszenisch) (Premiere)

Chor & Philharmonisches Orchester Theater Heidelberg, Dietger Holm (Leitung)

Dienstag, 28.04.2020 19:30 Uhr Staatsoper Hamburg

Beethoven: Fidelio

Daniel Behle (Florestan), Elisabeth Teige (Leonore), Kartal Karagedik (Don Fernando), Andrzej Dobber (Don Pizarro), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano (Leitung), Georges Delnon (Regie)

Mittwoch, 06.05.2020 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Beethoven: Fidelio

Simone Young (Leitung), Harry Kupfer (Regie)

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