OPERN-KRITIK: Bayerische Staatsoper – IL TRITTICO

Nervenbahnen-Musik

(München, 27.12.2017) GMD Kirill Petrenko erfindet Puccini auf geniale Weise neu, Regisseurin Lotte de Beer betont sensibel die überzeitlichen Parabeln des Triptychon

Il trittico – Suor Angelica/Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

Szenenbild aus "Il trittico – Suor Angelica"

Diese unvermeidliche wie unverwüstliche Wunschkonzertarie, dieses zuckrige Zugabenschmankerl, dieser Hit für Sopranistinnen ist Klang gewordenes Klischee: „O mio babbino caro“ – die tränentreibendste Versuchung, seit es Oper gibt. Der Hit entstammt dem Komödienrausschmeißer aus Puccinis „Il Trittico“: Da wickelt Töchterchen Lauretta ihr Papachen Gianni Schicchi nach allen Regeln der weiblichen Verführungskunst um den Finger – natürlich hat sie Erfolg damit, so wie selbst mittelmäßige Sängerinnen Erfolg haben, wenn sie diese Ohrwurmmelodie zum Besten geben.

An der Bayerischen Staatsoper singt die junge Italienerin Rosa Feola die Arie jetzt mit hinreißend lyrischem Glanz – und das gut abgehangene Stück verliert auf einmal seine Kitschgefahr. Das liegt freilich an Kirill Petrenko, der nicht weniger als eine radikal neue Sicht auf Puccinis Opern-Dreier vorlegt, diesem stillen, sich Interviews entziehenden GMD ganz gemäß: Es gelingt als stille Revolution. Zwischen den Notenzeilen hindurch scheint uns Petrenko zwinkernd zuzurufen: Der arme Komponist kann nichts für den Kitsch. Es sind die Primadonnen und Maestri alter Schule, die Puccinis Kunst missverstehen, missbrauchen. Hört her: So ein billiger Kitsch ist das doch alles gar nicht. Überhaupt nicht!

Puccini-Kitsch war einmal: Hör her! Hört neu!

Szenenbild aus "Il trittico – Gianni Schicchi"

Il trittico – Gianni Schicchi/Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

Ja, die Musik dieses Opern-Triptychons ist modern, witzig, unglaublich subtil, gefühlsecht, schillernd, sie ist viel mehr impressionistisch indirekt als expressionistisch mit der Tür ins Haus fallend. Die nun hier in München in ganz flüssig flottem Tempo angestimmte Arie vom lieben Papalein ist nur prominentes Paradigma für einen grundlegenden Ansatz, der also nicht erst mit „Gianni Schicchi“ deutlich wird, diesem Rossinis Humor ins 20. Jahrhundert rettenden urkomischen Epilog. Am stärksten wird Petrenkos Neusichtung im Verismo-prallen ersten Einakter offenbar: „Il Tabarro“. Nicht das sexualprotzend laute Sozialdrama interessiert den Dirigenten hier, sondern das erotikfeine, sanft leuchtende, vorsichtig tastende Kammerspiel.

Die grellen Töne des Naturalismus, die Autohupen zumal, nimmt man gar nicht mehr als grellen Effekt war, sondern als subtiles Kolorit. In den Mittelpunkt gerät ganz das mitleidend Menschliche in dieser Underdog-Geschichte um das dumme arme kleine Leben auf einem Lastkahn, der auf der Seine schippert, auf dem es wenig Geld für harte Arbeit gibt, und die früh verhärmte Frau des Padrone allzu gern zum Objekt der allzu männlichen Hoffnungen wird. Es ist schlichtweg genial, wie Petrenko sich in seinem Details nachlauschenden Dirigat als Klang-Regisseur des „Chiaro-Scuro“ outet. Das Aufhellen und Abdunkeln von Phrasen auf winzigstem Raum schenkt der Partitur eine unfasslich spannende Feingliedrigkeit. Petrenko dirigiert seinen Verismo als aufregende Nervenbahnenmusik, nie als bessere Soap Opera der billigen Effekte.

Michele, ein milder Rächer aus Zufall, Oder: Ein Dirigent verändert das Verismo-Singen

Dieses durchaus auch detailversessene Dirigat hat enorme Auswirkungen auf die Sänger. Freiheiten in Form endlos ausgehaltender Spitzentöne ist out, mithin präpotente Verismo-Angeberei ist verboten. Bei Wolfgang Kochs verletzlichem, introvertiert stillem Padrone Michele wird das Konzept am deutlichsten. Er nimmt seinen Heldenbariton ganz ins Leidende eines Betrogenen zurück, der sich nicht mehr wehren will und am Ende zum mildem Rächer wie aus Zufall wird. Eva-Maria Westbroek drosselt ihren sonst oft wild flackernden Sopran zu einem berührenden Sehnsuchtston, ihrem Lover Luigi schenkt Yonghoon Lee, sonst gern mal  mit protzender Attitüde seinen reichen Stimm-Mittel ausstellend, viel geschmackvolle Tenorgeschmeidigkeit.

Petrenkos Debussy-Delikatesse hebt zwei wunderbare Sängerdarstellerinen empor

Attacca blendet Petrenko in Teil 2 über: in Richtung „Suor Angelica“. Das brutale Nonnenrührstück beginnt unter den intensiv modellierenden Händen des Musikchefs des Hauses in Debussy-Delikatesse zu Glühen. Und zwei grandiose Sängerinnen rufen dank dieses Meisters am Pult wirklich ihr Maximum an Gestaltungstiefe ab. Der Showdown zwischen armer, von ihrem kleinen Sohn getrennter Mutter Angelica und böser, dessen Todesnachricht überbringender Tante ist packender nicht vorstellbar. Ermonela Jaho schenkt der Angelica eine Inbrunst des Lyrischen, die kleinste Kantilenen mit größter Intenstität auflädt.

Szenenbild aus "Il trittico – Gianni Schicchi"

Il trittico – Gianni Schicchi/Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

Michaela Schuster zeigt mit überwältigender darstellerischer Klugheit und reichen stimmlichen Mitteln, dass das Monster der Zia Principessa eigentlich nur Mensch sein möchte, so gern mitleidsfähig sein, so gern anteilnehmen möchte. Der Paradepartie dramatischer Mezzi nimmt die Schuster ganz das bruststimmig Versteifte, schenkt ihr dafür weiche Zwischentöne im brutal Lauernden der die gesellschaftliche Konvention und angebliche Familienehre wahrenden Frau. Minimale Gesten der Annäherung reichen Michaela Schuster für eine maximale Wirkung: welch eine Sängerdarstellerin!

Il Trittico: Die Wunder in und zwischen den Notenzeilen

Die Katharsis der Komödie lässt am Ende alle leben, als der weltbeste Falstaff einen umwerfenden Gianni Schicchi spielt und singt. Der Hühne Ambrogio Maestri als veritables Bariton-Pfund wechselt geschickt weder zu früh noch zu oft in die Karikatur des verstorbenen Buoso Donati, dessen reiches Erbe es zu erschleichen gilt, sondern lässt uns auch seine Prachtstimme en nature genießen. Jetzt lässt es Petrenko sogar mal krachen, entdeckt eine Schostakowitsch-Schärfe unter der Oberfläche des Komödiantischen, kitzelt heraus, was so alles an Wundern in den Noten steckt.

Zeitbezug durch Zeitlosigkeit

Szenenbild aus "Il trittico – Suor Angelica"

Il trittico – Gianni Schicchi/Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

Lotte de Beer erzählt alle drei Geschichten im Götz Friedrichs berühmten Zeittunnel abgeschauten Schicksalsrad von Bernhard Hammer. Psychologisch einfühlsam auf die Vielschichtigkeit der Charaktere setzend, mätzchenfrei und sehr genau gearbeitet streben die drei Geschichten so ins Zeitlose und beglaubigen auf diesem Wege besonders glaubwürdig, dass sie auch viel mit uns zu tun haben. Kirill Petrenkos hoch moderner Zugriff, der Pathos und Präzision zusammendenkt, tut das Seine dazu, dass dieser Abend tief berührt, ohne je zu allererst auf die Tränendrüsen zu drücken.

Bayerische Staatsoper München

Puccini: Il Trittico

Kirill Petrenko (Leitung), Lotte de Beer (Regie), Bernhard Hammer (Bühne), Jorine van Beek (Kostüme), Wolfgang Koch, Yonghoon Lee, Eva-Maria Westbroek; Ermonela Jaho, Michaela Schuster; Ambrogio Maestri, Rosa Feola, Michaela Schuster, Galeano Salas, Bayerisches Staatsorchester

Termine: 30.12.2017 & 1.1.2018

Termine

Freitag, 14.12.2018 19:30 Uhr Bayerische Staatsoper

Tschaikowsky: Der Nussknacker

John Neumeier (Choreografie & Regie), Robertas Šervenikas (Leitung)

Samstag, 15.12.2018 10:00 Uhr Bayerische Staatsoper
Samstag, 15.12.2018 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Verdi: Otello

Kirill Petrenko (Leitung), Amélie Niermeyer (Regie)

Sonntag, 16.12.2018 11:00 Uhr Bayerische Staatsoper
Sonntag, 16.12.2018 11:00 Uhr Bayerische Staatsoper

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