Opern-Kritik: Landestheater Eisenach – La clemenza di Scipione

Sopranisten-Bravour für Johann Christian Bach

(Eisenach, 17.10.2021) Ein De-Luxe-Plädoyer für den Bachsohn, der fast schon Mozart übertrumpft: Dirigent Juri Lebidev als ein Sänger- wie Instrumente-Versteher und Dominik Wilgenbus als Regisseur sorgen für eine fulminante Wiederentdeckung.

© filmwild / Sebastian Stolz

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

Ein kleines Theater- und Musikwunder ereignete sich am Wochenende im Landestheater Eisenach. Erstaunlicherweise hatte Johann Christian Bach bisher noch immer nicht den großen Durchbruch im heutigen Repertoire – trotz David Sterns Einspielung von „Zanaida“ mit Opera Fuoco, Hermann Max‘ „Scipione“-Starter mit Jörg Waschinski und Das kleine Konzert vor zwanzig Jahren oder einer Produktion von „Temistocle“ an der Oper Mannheim. Das wird sich hoffentlich bald ändern. In Eisenach brillierte zur ersten Musiktheater-Produktion seit langem denn auch nicht die Meininger Hofkapelle, die in ihrem Stammhaus zur Parallelpremiere „Der fliegenden Holländer“ angetreten war, sondern die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach. Deren instrumentales Feuerwerk hielt mühelos höchsten Ansprüchen an historisch informierte Aufführungspraxis stand.

Der Dirigent Juri Lebidev ist ein Sänger- und Instrumente-Versteher mit detailbesessenem Gerechtigkeitssinn. Seine fast telepathische Präsenz gerät zur unverzichtbaren Voraussetzung eines Vertrauens zwischen Bühne und Graben, welches dieses beglückende Opernereignis überhaupt erst ermöglichte. Die Premiere und die Vorstellung am Nachmittag darauf wurden von Angereisten stürmisch und Abonnenten ungewöhnlich beharrlich gefeiert.

© filmwild / Sebastian Stolz

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

Bravouröse Entdeckung

Der Bach-Sohn Johann Christian offenbart sich in dieser 1778 in London uraufgeführten Opera seria weitaus mehr als Konkurrent denn als Inspirator und Steigbügelhalter für Mozart – und klingt in „La clemenza di Scipione“ sogar faszinierender als Mozarts frühe italienische Opern. Das Textbuch eines unbekannten Autors nimmt die Figurenkonstellation von Mozarts „Titus“-Einrichtung vorweg. Mit den Ohren entdeckt man in „Die Milde des Scipio“ vieles von dem, worauf Mozart und sogar noch Rossini aufbauten. Bukolisch-pastorale Momente wie die von Onur Abaci hinreißend schön gesungene Kavatine des Luceius sind bei Johann Christian weitaus seltener als geschärfter Aplomb und aufregende Bravourreize. Auch Psychologisierung findet sich in Ansätzen.

© filmwild / Sebastian Stolz

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

Welttheater mit Gott und Göttin

Dominik Wilgenbus machte aus der rituell-schematischen Handlung für zwei Spieler mit Kopfpuppen und fünf Sänger ein Welttheater über die schmerzlich intensive Annäherung zwischen den römischen Siegern und spanischen Verlierern des Zweiten Punischen Krieges. Herr Gott (Falk Pieter Ulke) und Frau Göttin (Kerstin Wiese) hakeln sich in der ebenso ernsten wie verspielten Bearbeitung wie ein altes Ehepaar und echte Konservative, die von Gendering-Innovationen noch nie etwas gehört haben. Sie findet es unmöglich, dass er ganze Artenpopulationen aussterben lässt wie die Saurier, sobald sie seine Autorität in allen irdischen bzw. überirdischen Lebenslagen in Frage stellen. Ihm dagegen geht ihre ständige Sympathie für die Gattung Mensch auf den heiligen Geist. So kommt es, dass Göttin und Gott mit Vorliebe in die Generalpausen der wenigen Accompagnati hineinquatschen und während der Arien ins gleiche hingebungsvolle Schweigen fallen wie das Publikum. Inspiriert von Harry Mulischs Roman „Die Entdeckung des Himmels“ schrieb Wilgenbus Dialoge, welche die von Ernest Warburton für die Notenedition nachkomponierten Seccorrezitative ersetzten.

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Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

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Eine echte Alternative zu Mozarts „Titus“

Trotz der Kondition und langen Atem erfordernden Arien haben die beiden  Stunden der sich vom Übel in Zickzackbewegungen Richtung Wohlgefallen bewegenden Konflikt- und Versöhnungskette eine schwebende Bühnenpräsenz. Diese wird durch die variablen Dekorationen von Peter Engel und Uschi Haugs luftige bis elegante Kostüme mit viel Tüll, Gold und Anthrazit kräftig beflügelt. Eine schräge Scheibe mit halbrunder Mauerumhüllung ist die Spielfläche, gefüllte Stoffschlangen wölben sich über dem Spielgeschehen zu einer Andeutung von Wald.

Ob Hoftanz, mit Emphase gefüllte Galanterie oder sympathetischer Feinsinn: Die unglückliche Liebe des Prokonsuls Scipio und die erwiderte des Luceius zur elegischen Arsinda glühen voll hintergründiger Sinnlichkeit und – je nach Situation – subtiler Grausamkeit. Wenn der kniende Prokonsul Scipio seine Lippen an Arsindas Rock legt, erschließt das einen Kosmos von Wehmut und stillem Glück. Bläserpassagen blühen mit ebensolcher Kraft wie die zahlreichen und auf alle Partien verteilten Koloraturenbouquets. Am schönsten vielleicht im großen Duett von Luceius, wenn dieser unter falschem Namen die geliebte Arsinda im Feindeslager aufstöbert und diese mit einem ebenso gewagten wie komödiantischen Dresscross entführen will.

© filmwild / Sebastian Stolz

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

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Paradenummern für alle Partien

In „La clemenza di Scipione“ haben alle Sänger eine Paradenummer oder dank Wilgenbus zumindest einen besseren Bühnencoup. Sara-Maria Saalmann ließ vor der zweiten Vorstellung um freundliche Nachsicht bitten. Unbegründet. Sie meisterte – neben allen anderen Anforderungen – ihre große Arie mit konzertierenden Soloinstrumenten bravourös. Das Riesenstück ähnelt in Aufbau, Melos und Ornamentik Konstanzes gefürchteter Martern-Arie aus „Die Entführung aus dem Serail“ verblüffend. Noch sicherer verfährt Alexandra Scherrmann als Arsindas Schwester Idalba mit Koloraturen von nachdrücklichem Leichtgewicht und physischer Leichtfertigkeit auch dann, wenn der kräftige Marzius die rohe Fleischkeule schwingt. Johannes Mooser findet den richtigen vokalen Kompromiss zwischen Held und Poltergeist.

© filmwild / Sebastian Stolz

Szenenbild aus „La clemenza di Scipione“

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Belcanto-Glück

Mit in der Tiefe minimal kehligem und Richtung Höhe immer klarerem Tenor empfiehlt sich Martin Lechleitner als ein die Liebe doch mehr als den Krieg schätzender Scipio für größere Aufgaben im Mozart-Fach. Erstaunlich ist auch diesmal, wie Onur Abaci als Luceius alle Schwierigkeiten des Soprankastratenparts vergessen lässt. Im großen Duett verschmelzen Saalmanns weiche Einsätze mit Abacis viriler und dabei flexibler, schattierungsreicher Tongebung derart, dass beider Stimmen kaum mehr unterscheidbar sind. Ein De-Luxe-Plädoyer für Johann Christian Bach! Dieses ist hoffentlich nur der Auftakt für weitere Eisenacher Opernentdeckungen.

Landestheater Eisenach
Johann Christian Bach: La clemenza di Scipione

Juri Lebedev (Leitung), Dominik Wilgenbus(Regie), Kora Tscherning (Co-Regie & Puppenspiel), Peter Engel (Bühne), Uschi Haug (Kostüme), Sara-Maria Saalmann, Alexandra Scherrmann, Onur Abaci, Martin Lechtleitner, Johannes Mooser ,Falk Pieter Ulke, Kerstin Wiese, Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach

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