Seit jeher versucht Bühnenkunst im Allgemeinen und Musiktheater im Besonderen, die eigene Relevanz auch aus der Aktualität zu beziehen. Eine Tugend, die sich in bis zu drei Jahre im Voraus geplanten Spielzeiten allerdings nur schwer einlösen lässt. Entweder hinkt man dem Zeitgeist hinterher oder landet – in prophetischer Vorahnung – einen Jahrhundertcoup. Oder zumindest einen Treffer des Jahrzehnts. Den Gegenentwurf, Oper bewusst museal zu konservieren, verfolgt man dagegen höchstens mit ironischem Augenzwinkern; meist gibt man dem nach Puccini und Verdi süchtigen Publikum lieber dadurch Zucker, dass man die Klassiker permanent neu befragt. Das Musiktheater im Revier entscheidet sich nun für KI-generierte Bildwelten als zentrales Bühnenelement und biegt Wolfgang Amadeus Mozarts erstaunlich belastbares Singspiel „Die Zauberflöte“ mit viel heißem Regiedampf in Richtung Gegenwart. Wirklich schlüssig oder gar konsequent zu Ende gedacht erscheint das Konzept allerdings nicht.

Rettet Super Tamino nun Pamina-Peach aus den Fängen von Sarastro-Bowser?
Oberflächlich möchte Regisseurin Nora Krahl ihre „Zauberflöte“ in einer Videospielwelt verortet sehen: Tamino tritt als Held in ein Game ein und muss sich Level für Level, Challenge für Challenge bis zur Rettung Paminas vorarbeiten. Ihm begegnen Monster, Monostatos, diverse Prüfungen und schließlich der „Endgegner“ Sarastro. Das wäre zunächst durchaus tragfähig. Darüber legt sich jedoch ein breites Arsenal KI-generierter Spielereien, Leuchttafeln und Effekte, die, manchmal durchaus auch die Saat des illusorischen Zweifels säend, den Charme des konservativ gehaltenen Bühnenbilds leider allzu mühselig übertünchen und dabei immer wieder mit zwar verortbaren, aber unstimmigen Analogien von Gesang, Spiel und Musik ablenken.
Zusätzlich irritiert eine zweite Ebene aus inszenatorischen Querverweisen, die in ihrer Fülle zunehmend zerfasert. So kreist ein zentraler Regiegedanke um die historische Tonträgerrezeption des Werks, die maßgeblich von Dirigenten wie Böhm, Klemperer oder Karajan geprägt wurde. Die drei Damen erscheinen folglich als greise umherfuchtelnde Dirigentenfiguren, das Grammophon wird zum omnipräsenten Symbol dieser Tradition, die Zauberflöte selbst zur Schallplatte.

Eine Spieleplattform des politisch Progressiven?
Generell hinterfragt die Inszenierung einmal mehr auch männliche Machtstrukturen und Chauvinismus. Sarastro wird als patriarchaler Herrscher wie eine Caesarenskulptur zu Pferde durch den Tempel geschoben, während die fehlende Beteiligung der Frauen an Aufklärung und Menschenrechten in einer Pamina Ausdruck findet, die – wie aus einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde gefallen – sehnsüchtig durchs Fenster in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung blickt. Tamino beginnt seine Reise wiederum auf dem Dresdner Marktplatz, wo Papageno Taubenkot vom Pflaster kratzt. Dass schließlich derselbe Pudel wie im Friedrich-Zitat als gigantisches Ungeheuer Tamino auf den Kopf kotet, während dieser sein ikonisches „Zu Hülfe!“ ruft, besitzt immerhin eine gewisse absurde Originalität. Schade ist dabei weniger die Lust am Bild, sondern vielmehr, dass Krahls Erzählung im Dickicht ihrer Ideen stecken bleibt. Denn Computerspiele und Mozarts fantastische Oper wären eigentlich natürliche Verbündete.

Wohltuend unprätentiöses Ensemble, dicker Orchesterklang, aufwendige Kostüme
Zumal Martin Miotks ägyptisierendes Bühnenbild und die aufwendigen Kostüme der Sarastro-Anhänger durchaus in die Ästhetik eines kultisch verehrten Fantasy-Spiels der frühen 2000er-Jahre passen. Auch das herrlich alberne Taubenkostüm von Papagena und Papageno nach ihrer unbeabsichtigten Verwandlung bleibt im Gedächtnis. Eine „Zauberflöte“ im Stil eines Arcade-Games hätte durchaus ihren Reiz entfalten können. Musikalisch agiert das Ensemble dagegen erfreulich unaufgeregt und bemerkenswert geschlossen. Sebastian Schiller als Papageno und Khanyiso Gwenxane als Tamino bleiben trotz großer Bühnenpräsenz angenehm zurückhaltend und geben Rebecca Davis, Lina Edlin und Almuth Herbst als drei Damen reichlich Raum für Komik.
Ylva Sofia Stenberg überzeugt als Königin der Nacht mit präzise funkelnder „Rache“-Arie, während Philipp Kranjc als steingewordener Sarastro mit würdig grundiertem Bass souverän im Sattel sitzt – insbesondere in „O Isis und Osiris“. Johannes Klumpp hält die ausufernde Bilderfolge schließlich mit sattem Orchesterklang und kraftvollem Zugriff zusammen. Die Musik jedenfalls spricht hier noch immer am deutlichsten – und dass das Gelsenkirchener Publikum sein Ensemble am Ende mit stehenden Ovationen feiert, zeugt von einer tief empfundenen Verbundenheit mit dem experimentierfreudigen Selbstverständnis des Musiktheaters hier Revier.
Musiktheater im Revier
Mozart: Die Zauberflöte
Johannes Klumpp (Leitung), Nora Krahl (Regie), Martin Miotk (Bühne & Kostüm), Baris Pekcagliyan (Leitung Digital Arts), Patrick Fuchs (Licht), Alexander Eberle (Chor), Sebastian Schiller, Heejin Kim, Khanyiso Gwenxane, Ylva Sofia Stenberg, Philipp Kranjc, Rebecca Davis, Lina Edlin, Almuth Herbst, Martin Homrich, Opernchor des MiR, Neue Philharmonie Westfalen
Termintipp
So., 17. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Mozart: Die Zauberflöte
Johannes Klumpp (Leitung), Nora Krahl (Regie)
Termintipp
Do., 21. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Mozart: Die Zauberflöte
Johannes Klumpp (Leitung), Nora Krahl (Regie)
Termintipp
Mo., 25. Mai 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Mozart: Die Zauberflöte
Johannes Klumpp (Leitung), Nora Krahl (Regie)
Termintipp
Fr., 29. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Mozart: Die Zauberflöte
Johannes Klumpp (Leitung), Nora Krahl (Regie)
Termintipp
So., 31. Mai 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Mozart: Die Zauberflöte
Johannes Klumpp (Leitung), Nora Krahl (Regie)




