Opern-Kritik: Oper Köln – Die tote Stadt

Im Banne des Vergangenen

(Köln, 4.12.2020) Die Oper Köln streamt die Premiere von Tatjana Gürbacas Neuinszenierung von Korngolds „Die Tote Stadt“ gratis im Netz.

© Paul Leclaire

Burkhard Fritz

Burkhard Fritz

Eine Neuproduktion von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ wäre allemal ein guter Grund gewesen, um für einen Opernbesuch nach Köln zu reisen. Dass die Oper seit der Spielzeit 2015/16 im StaatenHaus am Rheinpark in Köln-Deutz auf der anderen Rheinseite spielt, weil die Sanierung des Hauses ihre eigene Geschichte schreibt, wäre rein hygienetechnisch nicht mal ein Nachteil. Die Idee, Korngolds bekannteste Oper ins Programm zu nehmen, lag im Jahre 2020 auf der Hand, wurde sie doch vor einhundert Jahren in Köln und zeitgleich in Hamburg uraufgeführt. Der damals 23-jährige Komponist stand da schon unter Genieverdacht und war als Wunderkind etabliert. Korngolds Karriere endete in Deutschland, als der Rassenwahn der Nazis zur Staatsdoktrin wurde. Er ging in die USA und nahm sich dort mit Erfolg der Entwicklung der Filmmusik in Hollywood an.

Eine Geschichte über das Trauern, das Loslassen bzw. Nicht-Loslassenkönnen

© Paul Leclaire

Dalia Schaechter, Burkhard Fritz

Dalia Schaechter, Burkhard Fritz

Seine opulent schwelgerische Oper „Die tote Stadt“ bietet zwei un-verwüstliche Ohrwürmer: „Glück, das mir verblieb…“ und „Mein Sehnen, mein Wähnen …“. Dazu ein musikalisches Drumherum, das ohne weiteres mit den großen Blockbustern von Richard Strauss oder Puccini mithalten kann. Die metaphorische tote Stadt ist das reale Brügge bzw. dessen symbolistische Überhöhung im Roman „Bruges-la-Morte“, aus dem Korngolds Vater unter Pseudonym das Libretto destilliert hat. Es ist eine Geschichte über das Trauern, das Loslassen bzw. Nicht-Loslassenkönnen. Paul kommt nicht über den Tod seiner Ehefrau Marie hinweg. Er hat sich im morbiden Brügge eine „Kirche des Gewesenen“ geschaffen. Mit einem Abbild seiner Frau und einer Haarsträhne als Altar. Als ihm die lebenshungrige Marietta über den Weg läuft, die der Toten ähnelt, wird sie für ihn zu einer Wiedergängerin. Die junge Tänzerin kann natürlich dem Vergleich mit der Toten nicht standhalten. Es geht soweit, dass Paul sie umbringt, was sich aber (im Libretto) als eine Art Tagtraum herausstellt. Denn in der letzten Szene sieht wieder alles aus wie zu Beginn und Marietta kommt nochmal zurück, weil sie ihren Schirm vergessen hat. Die Banalität des Alltags als Brücke ins Leben? Die Verbindung dorthin wird sonst nur von der treuen Haushälterin Brigitta und seinem Freund Frank gehalten, der ihn besucht.

Für solche Stoffe ist Tatjana Gürbaca genau die richtige Wahl als Regisseurin

Es ist eine Geschichte im Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Eine, bei der am Ende sogar noch der Kommentar zur dieser Relativierung mitgeliefert wird. Für solche Stoffe ist Tatjana Gürbaca genau die richtige Wahl als Regisseurin. Zumal sie das Durchdringen der Vorlage auch mit dem Ehrgeiz verbindet, verborgene Optionen für deren szenische Umsetzung aufzuspüren. Dass die Sehnsucht nach dem Vergangenen gerade gegenwärtig virulenter ist als ohne Pandemie-Vereinsamung, ebnet den Weg in dieses Brügge mehr, als es auch sonst der Fall ist.

Einsame Menschen verfolgen den Seelenstriptease von Paul wie einen Tabeldance

© Paul Leclaire

Burkhard Fritz

Burkhard Fritz

Man merkt der Inszenierung die Sonderbedingungen an, unter de-nen sie entstanden ist. Die Musiker des Gürzenich-Orchesters und ihr Dirigent Gabriel Feltz sind neben dem Spielflächenrund platziert. Diese Bühne hat Stefan Heyne mit einem Vorhang versehen, der auch zur Projektionsfläche für gelegentliche Videoeinspieler (von Sandra van Slooten und Volker Maria Engel) wird. Auf der Bühne dominieren aber ansonsten Fadenvorhänge, die durchaus an stilisierte Haare erinnern. Um diese Bühne sitzen einsame Menschen von heute (Kostüme: Silke Willrett) wie an einer Hotelbar und verfolgen den Seelenstriptease von Paul wie einen Tabeldance.

Ein düsteres, starkes Finale

Mal schreitet Marietta wie ein Traumbild Marias vor der Bühne durchs Bild, dann wieder übernimmt sie beherzt das Heft des Handelns. Wie eine ehrgeizige Detektivin, die den Tod ihrer Zwillingsschwester ergründen, oder sich dessen vergewissern will. Am Ende liegt sie selbst ermordet am Boden – und auch Paul bringt sich um. Man sieht im Video, wie er das Messer an seine Kehle ansetzt. Der Gesichtsausdruck von Brigitta schlägt da von einem diabolischen Triumph (über den Tod der eindringenden Marietta) in Verzweiflung (über das Scheitern ihrer Hoffnung auf Paul) um. Ein düsteres, starkes Finale. Im Spiel werden die Abstände klug integriert. Die Imagination von Berührung durch synchrone Bewegungen kann genauso einen erotischen Funkenflug erzeugen wie handgreifliches Zupacken. Jedenfalls gelingt das Aušrine Stundyte als Marietta und Burkhard Fritz als Paul höchst überzeugend.

Aušrine Stundyte als Marietta fügt ihrem überwältigenden Erfolg als Elektra bei den Salzburger Festspielen eine weitere Glanzrolle hinzu

© Paul Leclaire

Burkhard Fritz, Aušrine Stundyte

Burkhard Fritz, Aušrine Stundyte

Allen Einwänden zum Trotz, die man gegen diese (immer nur zweitbeste) Variante einer Premiere vorbringen kann, ist sie musikalisch gelungen. Das gilt für den mit der Rolle vertrauten Burkhard Fritz als standfestem, aber auch zur Melancholie fähigen Paul. Und für Aušrine Stundyte als die zwar zupackend kämpferische, am Ende aber scheiternde Marietta. Sie fügt ihrem überwältigenden Erfolg als Elektra bei den Salzburger Festspielen im Sommer eine weitere Glanzrolle hinzu. Ein Glücksfall auch Wolfgang Stefan Schwaiger in der Doppelrolle als Frank und Pierrot sowie die so beharrlich wie kraftvoll mezzosatt auf ihrer eigenen Zuneigung zu Paul bestehende Daniela Schaechter als Brigitta.

Von dem überbordenden Verführungsrausch des Orchesterklangs bleibt im Netz einiges auf der Strecke

Dass die Kölner Oper – wie beispielsweise die Bayerische Staatsoper München oder das Theater an der Wien – sich so auf die Pan-demie einstellt, dass sie Premieren herausbringt, bei denen die Orchester und Protagonisten im Haus und die Zuschauer vor den Bildschirmen daheim sitzen, ist wahrscheinlich bis auf weiteres als pragmatische Variante unvermeidlich, wenn man die Künstler bei der Stange halten und bei seinem Publikum nicht in Vergessenheit geraten will. Man muss wohl hinnehmen, dass dabei gerade bei einer musikalischen Opulenz à la Korngold einiges von dem überbordenden Verführungsrausch des Orchesterklangs auf der Strecke bleibt. Was andererseits den Stream zur Anregung für den hoffentlich bald wieder möglichen Livebesuch macht und nicht zum Ersatz.

Prinzip: „Pay as you wish“

Allerdings gab es bei diesem ersten Kölner Livestream („Written on Skin“ vor ein paar Tagen war vorproduziert) immer wieder Aussetzer, blieb die Übertragung hängen und unterschlug so immer wieder ein paar Minuten. Womöglich war das die Ursache dafür, dass die eingeblendete Zahl der Zuschauer schwankte und dann drastisch zurückging. Da man sich vor dem Stream eine fiktive Eintrittskarte (Prinzip: „Pay as you wish“ mit einer Kategorie „Zaungast“ auch ohne einen Obolus) zulegen musste, konnte die Oper nach der Vorstellung ihre Zuschauer anschreiben und gleichsam als Entschädigung eine Video-on-Demand-Variante anbieten, die dann ohne Hänger zu erleben ist. Das ist dann tatsächlich erstmal die zweitbeste Variante.

Oper Köln
Korngold: Die tote Stadt

Gabriel Feltz (Leitung), Tatjana Gürbaca (Regie), Stefan Heyne (Bühne), Silke Willrett (Kostüme), Sandra van Slooten & Volker Maria Engel (Video), Burkhard Fritz, Aušrine Stundyte, Wolfgang Stefan Schwaiger, Dalia Schaechter, Gürzenich-Orchester Köln

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