Opern-Kritik: Opéra de Lyon – Herzog Blaubarts Burg

Im Horrorharem

(Lyon, 24. und 26.3.2021) Zum Festivalmotto „Freie Frauen“ zeigt der nach München wechselnde Intendant Serge Dorny mit gleich zwei Blaubart-Opern, dass von ihm im Musiktheater an der Isar kein kulinarischer Kuschelkurs zu erwarten ist.

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Szenenbild aus „Ariane et Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Szenenbild aus „Ariane et Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Das Tor zur Freiheit steht offen. Hindurchgehen müssten sie selbst. Eine der ihren weist ihnen den Weg: Ariadne, die dem Mythos entsprungene Dame mit dem rettenden Faden, der aus dem düsteren Labyrinth ins Freie führen könnte. Doch Blaubarts Frauen fehlt der Mut zum Risiko, das Reich ihres Peinigers, das ihnen ja auch eine seltsame Sicherheit bietet, zu verlassen. Der Emanzipationsfuror der Ariadne zündet nicht an den – diversen weiteren Maeterlinck-Dramen entsprungenen – Mädchen von Orlamonde. „Ariane et Barbe-Bleu“ endet mit einer Frage an uns alle: Wie halten wir’s mit der Freiheit der Frau? Ist Frau in der Erlösung der Männerseelen stärker, ja erfolgreicher als in der Selbsterlösung, der Selbstbefreiung? Mit dem Motto „Freie Frauen“ ist das diesjährige Festival der Opéra de Lyon thematisch überschrieben, mit dem Serge Dorny als scheidender Intendant noch einmal ein dramaturgisch extra starkes Zeichen setzt, bevor er im Herbst die Leitung der Bayerischen Staatsoper in München übernimmt.

Musikrausch auf Französisch und Ungarisch

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Szenenbild aus „Ariane et Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Zwei Blaubart-Opern stehen im Mittelpunkt des pandemiebedingt leider nur digitalen Festivals: Paul Dukas‘ „Ariane et Barbe-Bleu“ – jene anno 1907 an der Pariser Opéra-Comique aus der Taufe gehobenen Partitur mit ihrem singulären Rang zwischen Wagnèrisme und Messiaen sowie Béla Bartóks expressionistischer Schocker „Herzog Blaubarts Burg“, nur wenig später, im Jahr 1911 komponiert, 1918 dann in Budapest uraufgeführt. Es sind zwei musikalisch berauschende Stücke, die gleichsam der Feder eines französischen wie eines ungarischen Richard Strauss entflossen sind – Werke auf der Höhe ihrer Zeit, eines Fin de Siècle, in dem der freudianische Blick in sexuelle Abgründe einerseits noch mit einer gewissen Noblesse und Eleganz (Dukas) gefeiert, andererseits mit ausgelassener Schamlosigkeit (Bartók) gewagt wird.

Erleuchtende Revolution: Ariane als Wiedergeburt der Jeanne d’Arc

Die szenischen wie die musikalischen Interpretationen in Frankreichs – dank der kompromisslosen konzeptionellen Stringenz Serge Dornys – spannendstem Opernhaus akzentuieren die entscheidenden Unterschiede der beiden Parallelwerke. Àlex Ollé vom über die Jahre weniger wild spektakelnd denn bildstark brav gewordenen Künstlerkollektiv La Fura dels Baus bleibt dezent, in seinen Tableaus erstaunlich statisch. Für Arianes Furor der Befreiung indes lässt er auf der Bühne eine Installation aus Tischen und Stehlampen erbauen, die seine Ariane als heldische Wiedergeburt der Jeanne d’Arc erscheinen lässt. Denn dieser Blaubarts Schloss gen Himmel entweichende Turm gleicht mit seinen Assoziationen an die Barrikaden der Aufständischen einem Revolutionszeichen des Lichts, das im Sinne der Aufklärung den Frauen eine Perspektive aus dem Kerkerdunkel von Blaubarts Schloss aufzeigen soll. Katarina Karnéus gibt die Ariane dazu mit dem mezzodramatischen Aplomb einer Wagner-Heroine von Brünnhilden-Format, im weißen Brautkleid will sie die Erlöserin geben – weniger romantisch freilich als jene des Mannes Blaubart, als durchaus modern als emanzipatorisches Vorbild ihrer Geschlechtsgenossinnen. Ihre mythenstrenge Majestät des möglichen Matriarchats überwältigt. Doch ihr mit Furor vorgetragenes Angebot der Erleuchtung wird letztlich ausgeschlagen. Gehemmt wie in einem Hamlet-Konflikt des Wollens aber nicht Handeln-Könnens schaffen die Frauen es nicht, dem Scheusal das Messer in den Leib zu rammen. Desillusionierend wirkt die Hinwendung, ja gar Hingabe der Frauen, die lieber den Täter heilen, als sich selbst zu retten. Dirigent Lothar Koenigs verdeutlicht mit dem furiosen Orchestre de l’Opéra de Lyon, wie sehr Dukas sich hier Wagners Instrumentation, Harmonik und Farbgebung verschreibt.

Bartóks „Blaubart“ in gleich zwei musikalischen Lesarten an einem Abend

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Szenenbild aus „Le Château de Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Szenenbild aus „Le Château de Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Titus Engel aber nutzt dann am Pult desselben Orchesters bei Bartók die seltene Chance, an einem Opernabend gleich zwei musikalische Interpretationen desselben Werks abzuliefern. Denn der Einstünder erklingt in Lyon gleich zweimal hintereinander. Und der kürzlich zum Dirigenten des Jahres gekürte Schweizer demonstriert, wie extrem unterschiedlich selbst eine so detailliert mit Vortragsanweisungen versehene Partitur klingen kann. Zugespitzt in den explizit sexuell zu lesenden extra scharfen Akzenten ist Version Nr. 1 bereits ein Stück Neuer Musik. Im zweiten Durchlauf erlaubt sich Titus Engel die sehnsuchtsvolle Phrasierung langer Linien, irisierend lyrische, genuin französische Holzbläserfarben – und wir hören und staunen, wie das Werk auf einmal zwischen Spätromantik und Impressionsismus changiert. Absolut legitime Lesarten der grandiosen Musik stellen beide Zugänge dar. Sie sind freilich kein verspieltes L’art pour l’art für Kenner: Denn der Dirigent folgt damit direkt dem doppeltem Blick auf Bartók, den Regisseur Andriy Zholdak sich erlaubt.

Sexuelle Gewaltfantasien aller Arten

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Szenenbild aus „Le Château de Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Szenenbild aus „Le Château de Barbe-Bleue“ an der Opéra de Lyon

Der Ukrainer führt uns in Teil 1 des Abends in Blaubars Horrorharem. Hier hält sich ein Psychopat Damen aller Altersschichten und auch ein paar schwule Herren in den diversen, nebeneinander liegenden Zimmern für die zwanghaft wiederholte Praktizierung multipler sexueller Perversionen aller Arten. Die Judith der dramatisch mezzointensiven Eve-Maud Hubeaux bietet sich Blaubart als jüngster Neuzugang durchaus offensiv und selbstbewusst an. Die Dame will aus ihm keinen besseren Menschen machen, sie scheint durchaus ähnlich veranlagt. Zu einem echten Entwicklungsschritt und zum Nachdenken zwingt erst Victoria Karkacheva als Judith Nr. 2 das Blaubart-Monster. Mit ihrem warm timbrierten, in der Tiefe geradezu urweiblichen Mezzo strahlt sie eine überlegene Ruhe aus, konfrontiert den Mann mit seiner Vergangenheit, die nun immer wieder als alptraumhafte Videosequenzen aus Teil 1 aufscheint. Fantastisch spielt der ungarische Bassbariton Károly Szemerédy jetzt die Verunsicherung des Triebtäters. Die auf einer Opernbühne kaum je so gesehenen Gewaltfantasien, die das Opernhaus von Lyon, wie sonst nur im Kino üblich, zur Altersfreigabe ab 16 Jahren veranlasst hat, werden im Rückblick auf den gesamten Opern-, nein: Musiktheaterabend legitimiert, der von einer verstörenden Kraft ist – durch Musik und Szene gleichermaßen mit strenger, heftiger Vehemenz beglaubigt. Die Utopie der gelingenden Geschlechterbeziehung scheint da nur noch zaghaft zwischen den Notenzeilen auf. Und hinter der Vision freier Frauen steht ein dickes Fragezeichen.

Opéra de Lyon
Dukas: Ariane et Barbe-Bleu / Bartók: Herzog Blaubarts Burg

Lothar Koenigs / Titus Engel (Leitung), Àlex Ollé / Andriy Zholdak (Regie, Bühne), Daniel Zholdak / Josep Abril Janer (Kostüme), Katarina Karnéus (Ariane), Anaïk Morel (La Nourrice), Tomislav Lavoie (Barbe-Bleue); Karoly Szemeredy (Blaubart), Eve-Maud Hubeaux und Victoria Karkacheva (Judith), Orchestre de l’Opéra de Lyon

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