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Opern-Tipps im Januar

Sterben für Fortgeschrittene

Schon immer spielt der Tod in der Oper eine besondere Rolle und sorgt oft für den musikalischen Höhepunkt. Ein kritischer Blick auf die künstlerische Vielfalt des Themas lohnt daher sehr.

vonPatrick Erb,

Sterbe ich hier eigentlich richtig? Was zunächst grotesk klingt, hat im Musiktheater ethische Relevanz. Von der griechischen Tragödie über das mittelalterliche Heldenepos bis zum bäuerlichen Verismo: Der Tod ist ein ständiger Begleiter des Tragischen – mal pathetisch mit donnerndem Paukenwirbel, mal still und heimlich. Die Endgültigkeit des Ablebens scheint gerade im Opern-Kanon das wichtigste dramatische Gewürz zu sein, beinahe unverzichtbar, denn endlich „geht es um etwas“. Mit dem richtigen Abgang von der Bühne steht und fällt buchstäblich alles – meist auch der Vorhang.

Und doch stellt sich die Frage nach dem bitteren Beigeschmack: Wie zeitgemäß ist der Blick auf den Versterbenden? Wessen Ideologie schwimmt eigentlich in jener Barke mit, in der etwa Isolde in ihrem Liebestod glückselig eine geistige Abhängigkeit besingt, aus der heraus ihr Tod zwangsläufig erscheint? Gerade in Zeiten, in denen der Femizid als eigenständiger Tatbestand diskutiert wird, muss auch der meist männliche Schöpfer des jeweiligen Werks mitgedacht werden.

Hinzu kommt der Verschleiß ikonischer Sterbeszenen. Toscas Köpfer von der Engelsburg ist heute kaum noch erschütternd. Kluge Deutungen des Repertoires zu erforschen und verstärkt auf neue oder weniger bekannte Stoffe mit mehr Sprengkraft zu setzen, ist wohl der angemessene Umgang, das Thema lebendig und ernsthaft zu beleuchten.

Zwischen Begehren und Verbrechen

Einen frischen Versuch unternimmt Regisseur David Hermann an der Deutschen Oper Berlin, wo er Korngolds „Violanta“ inszeniert. Der 75-minütige Einakter huldigt der Psychoanalyse und dem Jugendstil der Wiener Moderne. Im Mantel des venezianischen Karnevals und der Commedia dell’arte erzählt Korngold von Violantas Versuch, den Suizid ihrer Schwester zu rächen, die von Prinz Alfonso verführt wurde. Doch dessen Stolz imponiert ihr, der Hass schlägt in Bewunderung um, und schließlich stürzt sie sich schützend zwischen Alfonso und den ihm geltenden Dolch.

Dieses Selbstopfer bleibt Francesca da Rimini verwehrt. Deren Ermordung aus Eifersucht verewigte Dante Alighieri in der „Divina Commedia“. Rachmaninow Version dieses Ehebruchdramas ist nun in Gelsenkirchen gemeinsam mit Puccinis Heuchlerkomödie „Gianni Schicchi“ zu erleben. Die Handlung kreist um den fünften Gesang des „Inferno“, in dem Francesca schildert, wie sie sich in Paolo verliebte, der die Ehe stellvertretend für seinen Bruder Lanciotto einging. Als die beiden ertappt werden, tötet der Lanciotto das Liebespaar – und nun schmoren beide in der Hölle.

Mehr Einfluss auf ihr Schicksal hat die Titelheldin in Schostakowitschs Justizdrama „Lady Macbeth von Mzensk“. Zwar ist Katerina Ismailowa unweigerlich der patriarchalen Gewalt von Ehemann und Schwiegervater ausgesetzt, doch die aus unerfüllter Sexualität erwachsene Lebenstristesse rechtfertigt nicht den Mord an Vater und Sohn Ismailow; der Ehebruch mit dem Frauenhelden Sergej wäre vermeidbar gewesen, ebenso wie die eifersuchtsbedingte finale Flucht nach vorn – der Stoß der Rivalin in den reißenden Fluss und der Sprung hinterher. Erschütternd ist dennoch die zunehmend verzweifeltere Lage und die damit einhergehende Aussichtslosigkeit. Grund genug für Barrie Kosky, seine Auseinandersetzung mit Schostakowitschs Opernschaffen an der Komischen Oper Berlin fortzusetzen.

Seit jeher steht Shakespeare für wahnsinnige Mordgelüste und Tode. Mit „Macbeth“ wählte Verdi eines seiner düstersten Dramen. In das nebulöse Licht schottischer Highlands getaucht, prophezeien Hexen den Untergang des Hauses Macbeth. Der Titelheld wittert seine Chance, beseitigt König Duncan wie auch dessen treuen Vasallen Banco. Doch das Gewissen meißelt unablässig an den beiden Verbrechern: Geistererscheinungen Bancos treiben Macbeth in den Wahn, Lady Macbeth, die das Blut an ihren Händen nicht wegwischen kann, geht in der wohl berühmtesten Schlafwandelszene der Musikgeschichte zugrunde. Am Theater Basel nimmt sich Herbert Fritsch des Stoffes an.






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