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Ballett-Kritik: Radialsystem Berlin – Beethoven 7

Tanzen über Widersprüche

(Berlin, 12.3.2022) Ein Klassiker trifft neueste Musik: In „Beethoven 7“ lässt Sasha Waltz mit ihrer Compagnie das Berliner Radialsystem erst in Klanggewittern beben, dann in Freiheitsvisionen von einer guten Zukunft träumen – Apotheose des Tanzes.

vonIrene Bazinger,

Die Welt, in der sich Sasha Waltz derzeit bewegt, ist künstlerisch von extremen Kontrasten geprägt: Chaos und Ordnung, Lärm und Stille, Presslufthämmer und Geigen. All dies will bewältigt werden, und die große Choreografin, die gerade 60 Jahre alt wurde, widmet sich den Phänomenen mit juveniler Neugier und selbstbewusster Offenheit. In ihrer neuen Arbeit „Beethoven 7“ schlägt sie im Berliner Radialsystem mit ihrer Compagnie einen Bogen von 1813, als Ludwig van Beethovens „7. Symphonie“ in Wien uraufgeführt wurde, bis zum Auftragswerk „Freiheit/ Extasis“ des 1982 in Chile geborenen, in Berlin lebenden Komponisten Diego Noguera: Mithin von höchster Klassik zu kolossal forcierter Live-Elektronik. Für den ersten Teil soll man die Ohren mit den dankenswerter Weise beim Einlass angebotenen Stöpseln schützen, für den zweiten Teil sperrt man sie natürlich weit auf.

Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“
Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“

Wie Monaden im Elektrosmog

Imponierend an diesem zweistündigen Abend ist unter anderem die Souveränität, mit der Sasha Waltz die verschiedenen Aspekte dieses musikalischen Kosmos beherrscht. Zu Beginn wird immer wieder dicker Dampf auf die Bühne geblasen, durch den sich das runde Dutzend Tänzerinnen und Tänzer tastet. Jeder versucht, sich einzeln im Nebel zu orientieren. Wie Monaden im Elektrosmog richten sie sich gemächlich auf, als wären sie noch auf der Frühstufe der menschlichen Entwicklung, während die Dezibel zunehmen, der Rhythmus anzieht, die Lautstärke die Sitze im Saal zum Zittern bringt. Die länglichen, nach hinten gestreckten Helme der Tanzenden erinnern an Dinosaurier-Schädel. In die bläulichen Kostüme von Bernd Skodzig und Federico Polucci sind feste Oberteile integriert, die an schusssichere Westen denken lassen. Liegt eine Katastrophe hinter den Personen und kämpfen sie jetzt als die letzten Überlebenden um ihre Zukunft?

Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“
Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“

Zwischen Aggression und Attraktion

Vorsichtig bilden sich kleine Gruppen, die – biegsam und flexibel – in einer kollektiven Anstrengung dem rasenden Klangorkan standhalten. Eine Art tänzerisches Grundvokabular entwickelt sich, das die Binnenspannungen zwischen Aggression und Attraktion auflöst und gestische Routinen wie die Arbeit am Fließband zitiert. Aber bald reißen die Fliehkräfte der mächtig wummernden Musik alles auseinander, farbige Blitze fahren in dieses Stahlbad, bis der Krach allmählich nachlässt und den Raum freigibt. Alle verschwinden langsam, nur einer bleibt zurück, zappelt erfolglos am Boden, hat den Weg in die Freiheit oder den nächsten Schritt der Evolution verpasst. Was wäre da mit einem selbst passiert, fragt man sich unweigerlich, mit den anderen gerettet oder allein dem Schicksal ausgeliefert? Hat man Sasha Waltz mitunter vorgeworfen, allzu gefällig zu inszenieren, geht das nach diesem wagemutigen Stück nicht mehr: Es verlangt den Tänzern wie dem Publikum alles ab, und das ist gut so.

Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“
Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“

Harmonie und Humanismus

Rein wie nach einem Gewitter erscheint dann die weich erleuchtete Spielfläche für Beethovens „7. Symphonie“. Sasha Waltz, die schon zwei Sätze daraus 2021 in der antiken Tempelstätte von Delphi choreografiert hat, wurde damals von Teodor Currentzis mit seinem Orchester musicAeterna begleitet. Erneut vertraut sie dem inzwischen wegen seiner Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine schwer in Misskredit geratenem Dirigenten und verwendet dessen Einspielung von 2021. Die ist eindeutig tanzaffin und leichtfüßig, obwohl von den Tempi her, wie oft bei ihm, meist unausgewogen. Das Ensemble allerdings kann seine programmatische Unwucht bestens handhaben und führt die elementaren Widersprüche aus „Freiheit/ Extasis“ nun wie auf einer höheren Ebene in Harmonie und Humanismus weiter. Es kann mit der Musik atmen, muss es nicht mehr gegen sie tun. Unbeschwert bis zur Albernheit entstehen schöne Gruppenbilder, auch fast so etwas wie menuettartige Szenen, die einen höfischen Rahmen schaffen und überwinden, solcherart Beethovens Freiheitsvisionen mitträumend.

Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“
Szenenbild aus Sasha Waltz‘ „Beethoven 7“

Luftsprünge ins Licht

In champagnerfarbenen fließenden Gewändern, später in schwarzen Hosen und Röcken wirken die Tänzerinnen und Tänzer manchmal wie Derwische im Auftrag der Klassik, zeigen Luftsprünge ins Licht und Freudentaumel im Takt. Freilich illustriert Sasha Waltz die Komposition nicht, sie spürt vielmehr ihren Strukturen und Energieströmen nach, versetzt die Noten in betörende Schwingung und überträgt sie in abstrakte Bewegungsmuster. Richard Wagner bezeichnete die „7. Symphonie“ einmal als „Apotheose des Tanzes“, und hier sieht man, wie richtig das war. Ein wunderbares emotionales Paralleluniversum tut sich auf, in dem sich Beethovens Meisterwerk mit Sasha Waltz‘ Choreografie der Eleganz und Wahrheit erfüllt. Die Figuren auf der Bühne haben sich am Schluss des tollen Abends als Gruppe gefunden und balancieren auf den Höhenlinien der Partitur gemeinsam zu einer kunstvollen Selbstvergewisserung: Nahe bei Beethoven und trotzdem ganz bei sich.

Sasha Waltz & Guests. Made in Radialsystem
Beethoven & Noguera: Beethoven 7

Sasha Waltz (Konzept und Choreografie), Bernd Skodzig & Federico Polucci (Kostüm), Martin Hauk & Jörg Bittner (Licht), Jochen Sandig und Christopher Drum (Dramaturgie), Clémentine Deluy, Rosa Dicuonzo, Edivaldo Ernesto, Tian Gao, Eva Georgitsopoulou, Hwanhee Hwang, Annapaola Leso, Jaan Männima, Sean Nederlof, Virgis Puodziunas, Sasa Queliz, Zaratiana Randrianantenaina, Orlando Rodriguez

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