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Musical-Kritik: Stage Theater Neue Flora – Das Phantom der Oper

Und wo ist das Phantom?

(Hamburg, 28.11.2013) Webbers Welterfolg kehrt zurück an den Ort, wo er 1990 mit Heldentenor Peter Hofmann für Furore sorgte.

vonPeter Krause,

Der Aufstieg Hamburgs zur deutschen Musical-Hauptstadt wurde mit diesem Stück besiegelt: Andrew Lloyd Webbers Das Phantom der Oper, 1986 am Londoner Her Majesty’s Theatre uraufgeführt, feierte im Juni 1990 in der Neuen Flora Premiere – umjubelt vom Publikum und umschattet von Protesten der linksradikalen Szene, die zuvor den Umbau der „Alten“ Flora im Schanzenviertel zum Musicaltheater zu verhindern wusste und nun die Eröffnung des Theaterneubaus an der Holstenstraße empfindlich störte. Deutlich kleiner und dennoch klang- und wirkungsvoll fiel jetzt eine die Premiere präludierende Demonstration der anderen Art aus: Vor der Freitreppe zum Eingang postierte sich eine Blaskapelle aus Musikern, denen derzeit die Einsparung droht. Der Musicalkonzern „Stage Entertainment“ behaupte, „Das Original zurück in Hamburg“ zu präsentieren, er besetzt aber nachweislich von den 29 Orchesterstellen nur 14. Dem hält Musical-Regisseur Harold Prince entgegen, die neue Orchestrierung sei eine „künstlerische Entscheidung von Andrew Lloyd Webber.“ Prince glaubt sogar, sie sei „eine Verbesserung“. Im Programmheft der Premiere von 1990 ist hingegen noch zu lesen: „Der opernhafte Charakter des Stücks spiegelt sich nicht zuletzt in der Besetzung des Orchesters wieder – ein annähernd klassisches Symphonieorchester, mit einem großen Streicherapparat, drei Hörnern, zwei Trompeten, einer Posaune, fünf Holzbläsern.“ Statt acht Violinen gibt’s noch drei, die Technik von Keyboards muss nun für den fehlenden, aber fälligen Überwältigungs-Sound sorgen.

Dabei lebt Webbers Welterfolg gerade von der Mischung der Klangwelten und davon, wie genialisch geschickt er sich bei den Klassikern der Oper und der Operette bedient. Überhaupt: Seite Partitur hat kaum Patina angesetzt. Punktgenau evoziert er die Effekte und Affekte, richtig gut geklaut wirken die zündenden Melodien Léhars, die erotisierenden Harmoniewechsel Puccinis – breitenwirksam aufgepeppt mit den Pop-Rhythmen der 80er Jahre. Die Stilzitate aus der Operngeschichte lassen uns schmunzeln – es handelt sich schließlich um ein Musical, das mit Mut zum Klischee und zur gewitzten Übertreibung nicht zuletzt von all den wundervollen Absurditäten der Gattung „Oper“ erzählt: Von aufgeregt überforderten Impresari, von tumben Tenören und zickigen Primadonnen. Von einer Ballett-Maus, die davon träumt, als Sopranistin entdeckt zu werden, ja, und eben von einer tragischen Künstlergestalt, einem Komponisten und Meister des Gesangs, der schrecklich entstellt in den Katakomben der Pariser Opéra Garnier haust, als Phantom sein Unwesen treibt und sich doch auch allzu menschlich nach Liebe sehnt. Er ist es, der die kleine Christine heimlich unterrichtet und ihr so das Rüstzeug zum Sänger-Star verleiht – und sich natürlich unsterblich in sie verliebt.

Die tragische Fallhöhe des Maskenmanns hat Peter Hofmann, der zuvor legendäre Bayreuther Lohengrin, Siegmund und Tristan, im allzu früh einsetzenden Herbst seiner Opernkarriere ab 1990 berührend dargestellt. Stimmlich schon nicht mehr auf der Höhe seiner Kunst, besaß er das überwältigende Charisma und das Schillern eines Scheiternden, der einst ein ganz Großer war. Mathias Edenborn fehlt hingegen so ziemlich alles, was ein Phantom der Oper braucht. Die auch in der aktuellen Einstudierung reproduzierten, sattsam bekannten Gesten der Titelfigur bleiben bei ihm eine bloße Behauptung, auch vokal fehlen ihm sowohl die baritonal virile Tiefe als auch das echte tenorale Stamina in der Höhe. Seine Musicalstimme bleibt so blass, ja farblos wie sein Spiel. Valerie Link gestaltet die Christine Daaé im Rahmen der Möglichkeiten ihres vibratoseligen kleinen Soprans durchaus rollendeckend. Stark spielt sie die Wandlung zur mitleidsfähigen Frau, die das Monster am Ende mit einem wahrlich intensiven Kuss erlöst. Etwas eindimensional als allzu gutartigen Warmduscher, doch gleichwohl glaubwürdig gibt Nicky Wuchinger Christines Liebhaber Raoul. Richtig gut besetzt sind nur manche der Nebenrollen: Wirklich großartig ist Michaela Christl in strenger Haltung und mit wachem Verstand als messerscharf charakterisierende Ballettmeisterin Madame Giry.

Natürlich schnurren auch jetzt wieder die Szenenwechsel herrlich rasant ab, natürlich entzücken die Ballett-Ratten das Auge. Und Das Phantom der Oper beweist in den Ensembleszenen einer tollen Show seinen Rang als Musical-Klassiker der Extraklasse. Nur einen verräterischen Satz des Impresario hätten die Produzenten diesmal streichen sollen. Er lautet: „Uns fehlt der Star.“ Und: Es fehlen 15 Musiker im Orchester.

Stage Theater Neue Flora Hamburg

Webber: Das Phantom der Oper

 

Ausführende: Klaus Wilhelm (Leitung), Mathias Edenborn, Valerie Link, Nicky Wuchinger, Rachel Anne Moore, Raymond Sepe, Michaela Christl

Termine: täglich außer montags

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