Während sich draußen das Kettenkarussell „Star Flyer“ Runde um Runde bis zu achtzig Meter in den Kopenhagener Abendhimmel empordrehte, setzten im Tivolis Koncertsal drei herausragende Künstlerpersönlichkeiten zu musikalischen Höhenflügen an: Serena Sáenz, Jonathan Tetelman und Lang Lang. Sie sind die Gewinner der Daphne Awards, die am Donnerstag zum ersten Mal in der dänischen Hauptstadt verliehen wurden. Die von der Danish Research Foundation gestiftete Auszeichnung betritt die Klassikwelt nicht nur mit den höchsten Preisgeldern – 850 000 Euro in Summe –, sondern auch mit dem bislang einzigartigen Anspruch, Musik und Wissenschaft miteinander zu verbinden.
Sprecher Peter Lodahl erklärt das so: „Während die Wissenschaft evidenzbasiert arbeitet und auf unbestreitbaren Fakten beruht, die der Lösung menschlicher Probleme dienen, ist es die Aufgabe der Kunst, empathisches Verständnis zwischen Menschen zu schaffen – unabhängig von Herkunft, Kultur oder Weltanschauung. Kultur verbindet uns über alle Unterschiede hinweg, Musik erzeugt Zugehörigkeit, wo Worte scheitern.“
Dass es dem Tivoli Copenhagen Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dmitry Mativenko – die ursprünglich angekündigte Alondra de la Parra hatte ihre Teilnahme aus persönlichen Gründen abgesagt – gelungen ist, bereits mit den ersten heiteren Tönen von Leonard Bernsteins Ouvertüre zu „Candide“ die mehr als 1600 Zuhörerinnen und Zuhörer spürbar in den Sog der Musik zu ziehen und ein Gefühl von Gemeinschaft zu erzeugen, das zu keiner Minute des Abends abebbte, ist eine Leistung für sich. Feurig, leidenschaftlich, schwungvoll im Charakter und von rhythmischer Präzision getragen stimmte folglich der Tango „Jalousie“ des Dänen Jacob Gade auf die erste Preisträgerin des Abends, Serena Sáenz, ein.
Serena Sáenz: „Sänger sind Spitzensportler“
Die 1994 in Barcelona geborene Sopranistin erhielt einen Daphne Next Generation Award in Anerkennung ihrer „überwältigenden Bühnenpräsenz, ihres Verständnisses für den Körper hinter der Stimme und ihres außergewöhnlichen musikalischen Talents“. Mit gerade einmal 32 Jahren blickt Sáenz bereits auf Engagements an Weltklassehäusern wie der Wiener Staatsoper, der Berliner Lindenoper und der Mailänder Scala zurück. Ein Weg, der neben Können und mentaler Stärke aber auch enorme physische Kraft erfordert. Dass Sänger vor den gleichen Herausforderungen stünden wie Spitzensportler, sei in ihrem Studium zu kurz gekommen, sagt sie im Vorgespräch. „Mich trieb die Frage um: Wie kann ich mir selbst helfen, um in optimaler Verfassung auf der Bühne zu stehen?“ Antworten findet sie seit ein paar Jahren als ausgebildete Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin. Das Preisgeld in Höhe von 100 000 Euro will sie in die Nachwuchsförderung investieren und einen einwöchigen Sommerkurs ins Leben rufen, bei dem neben exzellenter musikalischer Arbeit auch jene Bewegungs- und Sportaspekte vermittelt werden.

Im Kopenhagener Tivoli gab die Spanierin mit zwei bravourösen und technisch hoch anspruchsvollen Arien Einblicke in ihre Kunst. In Bernsteins „Glitter and Be Gay“ stellte sie auf engstem Raum die Wandlungsfähigkeit ihrer Charakterstimme unter Beweis. Mühelos und ätherisch schickte sie die höchsten Töne in den Raum. Die Tiefen, die in jener Parodiearie aus der Operette „Candide“ wie aus dem Nichts kommen, klangen geerdet und dunkel schattiert. Mit makelloser französischer Diktion trug sie auch „Ah! Je veux vire“ aus Charles Gounods „Roméo et Juliette“ vor. Allein schon die einleitenden Koloraturen erzeugten wohlige Gänsehaut.
Nicht weniger beeindruckend war Sáenz’ Vermögen, mit kleinsten Gesten einen Film vor dem geistigen Auge der Zuschauer zu erzeugen. Die „überwältigende Bühnenpräsenz“ und die ebenso gelobte „lyrische Vorstellungskraft, die weit über die Bühne hinausgeht“, hier waren sie mit selten ausgeprägter Natürlichkeit zu erleben.
Jonathan Tetelman: „Gesang gehört allen Menschen“
Neben Sáenz wurde auch Tenor Jonathan Tetelman mit einem Daphne Next Generation Award für seine „künstlerische Exzellenz und die verkörperte Überzeugung, dass Gesang – diszipliniert, mutig und zutiefst menschlich – eine Kunstform ist, die allen Menschen gehört“ ausgezeichnet. „Bei Konzerten spüre ich oft diese besondere Erwartung im Saal: die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, bewegt zu werden, zu lachen oder zu weinen. Auf der Bühne ist alles möglich“, sagte er im Interview vor der Gala. Dass der Zuspruch für Oper teils dramatisch schwinde, sieht er mit Sorge – und als seine Mission, dem gegenüber zu treten. „Bereits Kleinkinder sollten in den Kontakt mit Oper kommen!“

Dem durchweg erwachsenen Publikum des Abends präsentierte er zwei Klassiker seines Fachs aus der Feder des „ultimativen Geschichtenerzählers der Oper“: „Maestro“ Puccini. Hochemotional besang er als Cavaradossi in „Recondita Armonia“ seine Geliebte Tosca, die, so der Eindruck, hier auch sinnbildlich für das gemeinschaftliche Erleben von Musik stand. Dass der Saal im darauffolgenden, inbrünstig und stimmgewaltig gezauberten „Nessun Dorma“ an Tetelmans Lippen hing, war nur logisch. Tetelman forderte das Publikum zum Mitsummen auf, aus dem Szenen- wurde Schlussapplaus und so manch eine Träne floss.
Für Agustín Laras „Granada“ kehrte Serena Sáenz zurück auf die Bühne. Das vierminütige Lied geriet angesichts der spürbaren vokalen Harmonie zwischen Sáenz und Tetelman zu einem Fest für die Ohren. Beide Stimmen schmiegten sich aneinander und erzeugten so ein Timbre, das man sich in Zukunft öfters auf der Bühne wünscht.
Hauptgewinner Lang Lang überzeugt mit reifem Vortrag
Den mit 650 000 Euro dotierten Daphne Music Award gewann Lang Lang. Der Starpianist wird damit für seinen Verdienst, abertausende Menschen allen Alters in allen Erdteilen für klassische Musik zu begeistern und als „eine der inspirierendsten Persönlichkeiten“ der Musikwelt ausgezeichnet. Als „Interpret mit höchstem technischem Können, als Denker über die neurowissenschaftlichen Grundlagen musikalischen Erlebens und als zutiefst demokratischer Künstler“ verbinde er exemplarisch Kunst und Wissenschaft. Ein Augenmerk gilt dabei der Arbeit von Lang Langs Musikstiftung, die seit 2008 Kindern, oft aus sozial benachteiligten Vierteln oder solchen mit Autismus, den Zugang zu Musik und damit oft auch erst zur Gesellschaft selbst ermöglicht. „Jedes Kind auf der Welt sollte die Chance haben, ein Instrument zu erlernen“, betonte Lang Lang bei der Preisverleihung. Dass ihm seine Mentoren Christoph Eschenbach und Zubin Mehta einen Videogruß übersandten, überraschte auch ihn.

Musikalisch setzte Lang Lang ein reifes Ausrufezeichen mit Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Wohl kaum ein anderes Werk hätte dem Anlass gerechter werden können: Rachmaninow schrieb sich damit nachweislich aus einer tiefen Phase der Depression – und soll es 1918 auch einmal selbst in Kopenhagen aufgeführt haben, es zählt zu den beliebtesten Konzerten überhaupt und ist, so Lang Lang, der „berührende Inbegriff von Leidenschaft“. Seine Interpretation zu später Stunde geriet äußerst expressiv, mit überraschend fein ausdifferenzierten Charakteren und deutlich mehr Introversion als in früheren Tagen. Bereits die Anfangsakkorde – langsam gesteigert von einem geheimnisvollen Pianissimo bis zu einem markant-wuchtigen Forte – waren ein Statement und ein wohltuendes Zeichen, dass es hier nicht um Show geht, sondern um pure Musikalität und die Kraft, die daraus für jeden einzelnen erwachsen kann.






