Statt Namen sind die Menschen in dieser schönen neuen Welt mit Nummern gekennzeichnet. Gänzlich gleichgeschaltet tragen sie gräuliche Uniformen. Und die Wände ihrer Wohnungen sind aus Glas, die Möblierung komplett identisch. Empathie, Kreativität und Individualität gelten als Krankheit, Träume als abnorm. Die Dystopie, die Jewgeni Samjatin 1920 in seinem Roman „Wir“ entwarf, wurde Vorbild für die großen Science-Fiction-Visionen von Aldous Huxley und George Orwell. In der heimischen Sowjetunion aber wurde sein Buch als „aufrührerisch“ und „ideologiefeindlich“ verboten. Zu deutlich erkannte der Autor, der zunächst noch die russische Revolution begeistert begrüßte, die aufkommende Schreckensherrschaft eines totalitären Systems.
Als Auftragswerk der Theater Dortmund hat nun die Komponistin Sarah Nemtsov die Uraufführung von „We“ als Musiktheater für neun Solostimmen, Chor, Orchester und Elektronik auf Basis der englischen Fassung des Romans herausgebracht. Denn wiederum das Unheil im eigenen Land vorausschauend hatte Jewgeni Samjatin sein Manuskript nach Deutschland geschickt, von wo aus es in die USA gelangte und 1924 auf Englisch unter dem Titel „We“ erschien.

Des russischen Faust Krankheit ist die Entwicklung einer Seele
Im Zentrum der Geschichte steht ein russischer Faust: Der talentierte Ingenieur D-503 ist der Vollendung seines Lebenswerks nahe, denn bald wird das von ihm entworfene interplanetare Raumschiff namens Integral seinen Jungfernflug antreten, um die Ideologie des Geeinten Staates – nach einem langen Weltkrieg, der alle bisherigen Nationen vernichtet hat – nun im gesamten Universum zu verbreiten. Der stramme Verfechter eines Systems, das ein von Oben verordnetes gemeingültiges Glück an die Stelle der individuellen Freiheit setzt, hält ein solches Leben für ideal.
Doch die Begegnung mit der geheimnisvollen und schönen I-330 verändert alles. Mit ihr taucht er in das Alte Haus, ein Museum der Vergangenheit, ein. Erstmals in seinem Leben hat er einen Traum. Er entdeckt in sich eine kaum kontrollierbare Leidenschaft. Bald wird deutlich: I-330 gehört zum revolutionären Untergrund, der einen Staatsstreich plant. Der faustische D-503 gerät zwischen die Fronten, sein Weltbild ins Wanken. Er wendet sich an die Gesundheitsabteilung, wo die Ärzte feststellen, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet: der Entwicklung einer Seele.

Klangliche Würzungen aus dem Arsenal des Horrorfilms
Sarah Nemtsov bietet nun für das Grauen dieser erschütternd nahe liegenden düsteren Zukunft eine nachgerade unendliche Palette von klanglichen Würzungen aus dem Arsenal des Horrorfilms: unter die Haut gehende Glissandi, raffinierte Rhythmen, elektronische Einspielungen von Synthesizern und E-Gitarre, geschickte Verfremdungen von Vokalstimmen, Viertel- und Mikrotöne, nervöse Vibratoeffekte und klangfarbliche Mischungen von Grautönen aller Arten. Ihre Partitur gerät effektvoll, vielgestaltig und fantasievoll. Sie fängt die bedrückende Atmosphäre von „We“ präzise ein. Zu Beginn, wenn das bittere Ende der weiblichen Heldin I-330 vorweggenommen wird, wagt sie mit einem utopischen Tuba mirum-Trompetensignal auch mal den klangsymbolischen Kontrapunkt zum Schrecken der Handlung.
Ansonsten bleibt die Komponistin mit ihren musikalischen Findungen verblüffend artig am Text, was dem Geist von Jewgeni Samjatin eher entgegenzulaufen scheint. Denn der Autor bezeichnete den Roman als sein „lustigstes und zugleich ernsthaftestes Werk“. Vom doppelten Boden der Dialektik ist Nemtsovs kompositorischer Zugriff indes weit entfernt. Die Groteske, die Übersteigerung, die Brechungen fehlen ihrer Musik. Womöglich wollte sie dem Übervater der russischen Musik des 20. Jahrhunderts, Dmitri Schostakowitsch, damit so bewusst aus dem Weg gehen wie György Ligeti, der mit „Le Grand Macabre“ gleichsam das Modell einer grotesken Operndystopie geschaffen hat. Doch ist dem Thema von „We“ mit ihrer derart gradlinigen Haltung wirklich beizukommen?

Die schrittweise Menschwerdung des Protagonisten D-503
Fraglos grandios ist indes die Leistung der Dortmunder Philharmoniker, die Gastdirigent Michael Wendeberg mit einer enormen Virtuosität und Lust durch die Partitur führt. Und auch sängerdarstellerisch punktet das Theater Dortmund einmal mehr. Von den kleinen Partien der Alten Frau (Altistin Natascha Valentin) oder des Diktators „Der Wohltäter“ (Countertenor David DQ Lee) bis zu den beiden den Abend tragenden Figuren von I-330, der Gloria Rehm ihren stupenden Koloratursopran leiht, und D-503, dem Bass Seth Carico Wortklarheit, Wucht und Wärme zugleich schenkt und so die schrittweise Menschwerdung des Protagonisten berührend und erschütternd gestaltet.
Das Opernhaus als Raumschiff und kommunistischer Volkspalast
Die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr vollbringt das Kunststück, eine streng kontrollierte Gesellschaft der Gleichschaltung eben nicht nur choreographisch im Gleichschritt laufen zu lassen, sondern subtil Persönlichkeiten herauszuarbeiten, die uns etwas angehen. Dabei besticht im besonderen die Raumlösung von Fabian Liszt, der die vierte Wand des Theaters vollends aufhebt und das Publikum zu heimlichen Ko-Akteuren macht. Denn die Zuschauer sitzen hier auf der Bühne, das gesamte Theater wird zum Ort des Geschehens, es könnte gleichermaßen das Raumschiff „Integral“ sein wie ein kommunistischer Volkspalast, in dem die Massen als kollektive Sekte auftreten.
Die Idee des teils transparenten, flüssig werdenden Spiegels greift direkt eine Metapher des Librettos auf und steht für das langsam um sich greifende Wagnis eines reflektierenden menschlichen Bewusstseins. Die Kostüme von Julia Rösler zitieren Maos hochgeschlossene Krägen seiner Jacken, setzen den grauen Uniformen dann aber zunehmend rote Farbtupfer entgegen, die als erstes von der beherzten Revoluzzerin I-330 gewagt werden. Eva-Maria Höckmayr und ihr Team meiden klug einen platten filmischen Naturalismus oder gar allzu naheliegende Parallelen zu den totalitären Tendenzen der Gegenwart, schärfen eher die parabelhafte Wahrheit der Geschichte als Warnung. Doch wie der Komposition hätten auch der Inszenierung mehr Momente der Brechung durchaus gutgetan.
Theater Dortmund
Nemtsov: WE (WIR)
Michael Wendeberg (Leitung), Eva-Maria Höckmayr (Regie), Fabian Liszt (Bühne), Julia Rösler (Kostüme), Krzysztof Honowski (Video), Florian Franzen (Licht), Fabio Mancini (Chor), Joerg Grünsfelder (Sounddesign), Seth Carico (D-503), Gloria Rehm (I-330), Daegyun Jeong (R-13), David DQ Lee (Der Wohltäter), Sooyeon Lee (O-90), Ruth Katharina Peeck (U-86), Sungho Kim (S-4711 & 2. Arzt), Morgan Moody (Der kleine Doktor), Natascha Valentin (Die alte Frau), Ivan Keim (Ein Tänzer), Opernchor des Theater Dortmund, Sprechchor Dortmund, We DO Opera!, Dortmunder Philharmoniker
Termintipp
So., 24. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Nemtsov: Wir (We)
Michael Wendeberg (Leitung), Eva-Maria Höckmayr (Regie)
Termintipp
Mi., 03. Juni 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Nemtsov: Wir (We)
Michael Wendeberg (Leitung), Eva-Maria Höckmayr (Regie)
Termintipp
Fr., 05. Juni 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Nemtsov: Wir (We)
Michael Wendeberg (Leitung), Eva-Maria Höckmayr (Regie)
Termintipp
So., 07. Juni 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Nemtsov: Wir (We)
Michael Wendeberg (Leitung), Eva-Maria Höckmayr (Regie)




