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Opern-Tipps im Mai

Wenn Oper die Jugend als Zielgruppe entdeckt

Musiktheater zwischen Generationenkonflikt: Unsere Opern-Tipps im Mai zeigen Inszenierungen, die gezielt die Jugend erreichen und repräsentieren möchten.

vonPatrick Erb,

Kein Bock auf Oper? Nun ja: ein Typ im Vogelkostüm, der Vögel jagt – schon ziemlich weird. Und macht sich der Alte da nicht an eine Vierzehnjährige ran? Suspicious. Überhaupt: Ist das hier nicht cringe, Boomer-Sache? Das Musiktheater gerät in schwere Fahrwasser, wenn die sinnlichen Traumlandschaften für die Jüngeren ausgeträumt sind, während bei den Älteren die Einsicht noch nicht ganz durchgedrungen ist, dass – bei aller patriarchalen Weltsicht, bei Nazimemes und sonstigen herablassenden Frauenbildern – die Musik Richard Wagners womöglich doch zu dem Größten zählt, was je komponiert wurde. Daran zu scheitern, lässt sich jedenfalls kaum dem Schulmusikunterricht ankreiden. Längst haben die Theater erkannt, dass zwischen zwölf und sechzehn eine Repräsentationslücke klafft. Wer hier erreicht werden soll, verlangt nach Stoffen mit Nähe zum Leben – oder zumindest nach der Gewissheit, ernst genommen zu werden

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Nicht „Für die ganze Familie“!

Noch kein genuiner Jugendstoff, als erster Schritt aber auch für Jüngere wie nostalgische Erwachsene tauglich, ist Jonathan Doves Familienoper „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Verne. Ihre Stärke liegt im Tempo, mit dem sich alles in die absurde Wette Phileas Foggs und das Reiseabenteuer stürzt. Ob die Rahmenhandlung – der bücherverschlingende Max träumt sich in die Geschichte hinein, während Freundin Josi ihn zur Klimademo zerren will – wirklich nötig ist, sei dahingestellt. Ihr Zweck ist offensichtlich: Identifikation stiften, Nähe erzeugen. In Erfurt erfolgt nun die deutsche Erstaufführung.

Süßliche Fantasiewelten beeindrucken kaum noch jemanden, der zwischen Schulstress und Familienleben nach Resonanz sucht. Eher schon Figuren, die das Leben ausprobieren, ungekünstelt sprechen (siehe oben) – und auch mal gepflegt „Scheiße bauen“. Das gelang Wolfgang Herrndorf mit seinem Roman „Tschick“ virtuos. Der bürgerliche Maik Klingenberg und der russlanddeutsche Außenseiter Andrej Tschichatschow stehlen einen Lada Niva und fahren Richtung Walachei – mitsamt allen Kollateralschäden. Ludger Vollmer machte daraus eine Roadopera, die – inzwischen ein Klassiker – nun in Rostock zu erleben ist. Auch Darmstadt widmete sich jüngst dieser Jugendkatastrophe mit Bassbariton Georg Festl als körperlich einnehmenden und dadurch überzeugenden Tschick.

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Identifikationsthemen

In Darmstadt legt man generell viel Wert auf das komplexe Feld der Jugend, wie jüngst Elena Kats-Chernins Oper „Iphis“ zeigte, die aus Ovids „Metamorphosen“ eine queere Coming-of-Age-Geschichte herausdestilliert: Iphis wird als Tochter geboren und als Sohn erzogen, wächst im Schatten des väterlichen Willens auf, der sich einen männlichen Nachfolger wünscht. Früh spürt er die eigene (sexuelle) Fremdheit – und als er sich in Ianthe verliebt, gerät die fragile Konstruktion ins Wanken.

Thematisch unweit verortet ist das Musical „Alle reden nur noch von Jamie“, das am Theater Dortmund seiner deutschen Erstaufführung entgegenfiebert. Der 16-jährige Jamie will Drag-Queen werden – unterstützt von der Mutter, bekämpft vom Vater, verspottet in der Schule. Erst die Begegnung mit dem ehemaligen Drag-Star Loco Chanelle gibt seinem Traum Gestalt. Mit Herz und Humor erzählt das Musical vom Erwachsenwerden jenseits normierter Lebensentwürfe.

Auch in Nürnberg hat man das Dilemma erkannt: zu alt für die Kinderoper, zu jung fürs reguläre Repertoire. Die Antwort lautet dort „Ein Fall für Figaro“ – eine maßgeschneiderte, temporeiche Fassung nach Rossinis „Barbier von Sevilla“.






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