Wenn die eine Monarchin der anderen Monarchin mit kratzender Feder einen Brief schrieb, tat sie das mit einer familiären Vertrautheit und Intimität, die so gar nicht ins historische Bild der erbittert konkurrierenden Königinnen passen will: Als „dearest sister“ adressiert Elizabeth Tudor ihre Cousine Mary Stuart sogar noch in einem Moment, als das Todesurteil, das sie selbst unterschrieben hat, alsbald vollstreckt wird. Denn die protestantische Engländerin hadert sehr wohl damit, ihre katholische Verwandte aus Schottland hinrichten zu lassen.
Doch die grausige Logik der Macht verlangt eben dies von ihr. „Of One Blood“ indes sind die beiden Damen, „von einem Blut“, also, und genau so heißt Brett Deans Oper, die nun an der Bayerischen Staatsoper München ihre Uraufführung feierte und am Ende derart umjubelt wurde, dass der schlichte Begriff einer Feier noch einer gelinden Untertreibung gleicht. Man hatte angesichts dieses Applauses in Orkanstärke den Eindruck, hier könnte eine Opus Summum aus der Taufe gehoben worden sein, das den Sensationsgrad einer Novität von Richard Strauss, Igor Strawinsky oder Alban Berg besitzen müsse. Was war da im Nationaltheater unweit der Isar geschehen?

Die Wahrhaftigkeit des Mythos
Der Erfolg dieses Stücks liegt zunächst sehr deutlich im Libretto begründet, jener Textschicht einer Oper also, an deren mangelnder Theatertauglichkeit und zu großer Geschwätzigkeit derzeit so viele Uraufführungen scheitern. Heather Betts aber, die für das Libretto „Of One Blood“ verantwortlich zeichnet, ging einen ungewöhnlichen Weg, der von höchster Stimmigkeit ist: Sie recherchierte Texte von Mary Stuart und Elizabeth Tudor sowie weitere Primärquellen des 16. Jahrhunderts, die in großer Authentizität vom Fühlen, Denken und Handeln der beiden Queens erzählen.
Die zu großen Teilen original übernommene Sprache der Renaissance ist von ausgeprägter Poesie, rein zeitlich auch William Shakespeare nah und dazu von jener gewissen Abstraktheit, die den Transfer der Geschichte von einer uns fernen Epoche in die Allgemeingültigkeit befördert: Das Sujet gewinnt gleichsam die Wahrhaftigkeit des Mythos, immer wieder entstehen Parallelen zu den Machtspielen und familiären Verstrickungen zumal der griechischen Tragödie, wie sie auch ein Richard Strauss einst mithilfe von Hugo von Hofmannsthal zumal in seiner „Elektra“ für die Moderne wiederentdeckte. Die fünf Mägde, die Mary begleiten und in schöner englischer Tradition als „Female Consort“ in der Besetzungsliste stehen, erinnern kaum zufällig an die gleich große Damengruppe, die zu Beginn von Strauss‘ Atridenschocker den Hof bevölkern und das Blut vom Boden schrubben.

Oper als historische Montage
Zu den besonders berührenden Momenten der Textfindungen aber gehört Elizabeths Was-wäre-wenn-Gedankenspiel, in dem sie sich vorstellt, ihre Verwandte und sie könnten doch einfach nur schlichte Milchmädchen mit Eimern am Arm sein: Abhängigkeiten, Religion und Männerwelt würden dann keine Bedeutung mehr besitzen. In solchen Momenten wird die weiche Seite der scheinbar hartherzigen Elizabeth deutlich, dieser Langzeitmonarchin, die ein ganzes Zeitalter prägte, das hernach just nach ihr benannt wurde.
Das Verblüffende an Heather Betts Montageprinzip ist, wie sehr es deutlich macht, dass beide Königinnen klar reflektierten, dass ihnen ihre gesellschaftliche Rolle als Herrscherinnen gleich ihrer royalen Robe auf den Leib geschnitten und von außen zugeschrieben wird und dass es diesseits ihrer offiziellen, gleichsam männlichen Machtposition sehr wohl einen Rest von natürlichem Menschsein gibt, das dann eben die eigene Verletzlichkeit und Empathie als Gegenpole zum Funktionieren im Räderwerk und Intrigenspiel der Politik zulässt. Zwei Seelen wohnen in der Brust dieser großen Frauenfiguren. Davon künden ihre überlieferten Texte, deren Collage die Librettistin und Gattin des Komponisten mit hohem Verantwortungsgefühl und ihrerseits mit viel Einfühlungsvermögen vorgenommen hat.

Gesungenes Gespräch in Briefen und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Die enge Schaffensgemeinschaft von „Of One Blood“ macht sich auch dramaturgisch bemerkbar: Brett Dean erhielt ein Libretto, das seiner kompositorischen Entfaltung und der Stringenz des musikalischen Erzählens diente. Denn da Librettistin und Komponist im Gegensatz zu Schillers Trauerspiel oder zu Donizettis Oper „Maria Stuarda“ den Anspruch größtmöglicher historischer Authentizität hochhielten, bleibt eine zentrale Herausforderung: Eine persönliche Begegnung der Königinnen ist nicht überliefert. Eine Oper, die nur aus auf Briefen basierenden Monologen bestünde, würde freilich kaum ihre dramatische Durchschlagskraft entwickeln. Und so wagt das Autorenduo eben, den Briefwechsel in Duette gleich einem Gespräch in Briefen zu überführen, was dem durchweg hoch spannenden Abend zu seiner Wirkung verhilft.
Mit den Mitteln der Musik die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und eigentlich räumlich Getrennten herzustellen, funktioniert bestens. Fesselnd, fasslich und farbenreich gerät dazu Brett Deans Komposition. Geschickt baut er für die gestrenge Elizabeth die Klangwelten der Renaissance durch ein auf der Bühne gespieltes Cembalo ein, Musik aus der Tudorzeit zitiert der Australier für sie bewusst. Mary, die emanzipiertere, modernere Frau, die Kind und Karriere zu vereinbaren sucht, erhält die avanciertere, harmonisch gewagtere Klangsprache, sie wird so sehr viel schneller zur Sympathiefigur und zu jener „Königin der Herzen“, als die sie in die Geschichtsbücher im Gegensatz zur „jungfräulichen Königin“ von England einging.

Starke Frauen in einer Welt der Männer
Dabei arbeiten Librettistin und Komponist dennoch gegen jegliche Klischees von der bösen Elizabeth und deren Opfer Mary Stuart an, sie zeigen beide Frauen in ihrem Dilemma in einer männlich dominierten Welt und deren gnadenlosem Regelwerk. Während die Engländerin von den Einflüsterungen speichelleckender, intriganter, Eigeninteressen folgender Höflinge beeinflusst wird, muss sich Mary ihres sie erniedrigenden Ehemanns erwehren, der als Emporkömmling ihre Unterwerfung erwartet. Was dieser gut ausgehörten, gestisch glaubwürdigen und plastischen, punktgenauen Partitur allenfalls abgeht, ist ein ganz ureigener persönlicher Ton, eine spezifische Handschrift, die über das perfekte Handwerk hinausweist. Jede Phrase, jede rhythmische Zuspitzung, jede kluge gewählte Mischung aus Altem und Neuem ist hier fein gewogen, aber womöglich einfach etwas zu „well made“, um zu einem wirklichen Meilenstein des zeitgenössischen Musiktheaters zu mutieren.
Enormes Sängerinnen-Duo
Während GMD Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester in hoch konzentrierter Souveränität die Schönheit und Wahrheit der Partitur ausbreitet, tragen zwei enorme Sängerdarstellerinnen diesen Abend und machen ihn zum Ereignis. Johanni van Oostrum darf ihren bereits in Wagnergefilden erprobten jugendlich-dramatischen Sopran vor allem in der dunklen Mittellage einsetzen, mit der sie ihrer Elizabeth eine unerotische Herbheit und etwas aufregend Ältliches verleiht. Vera-Lotte Boecker verströmt mit ihrer lyrischen Sopranstimme, die sie selbst über das Hohe C jubelnd hinausführen darf, die zu Herzen gehenderen, wunderbar intensiven Töne. Sie ist der zugänglichere Frauentyp, sie besitzt ein weit stärkeres Identifikationspotenzial für die Gegenwart.

Archäologische Untersuchung und Tiefenbohrung des Geschehens
Um Letzeres herzustellen, wählt Regisseur Claus Guth einen geschickten Kunstgriff: Während die Kostüme von Ursula Kudrna das elisabethanische Zeitalter heraufbeschwören und somit den historischen Kontext bedienen, versetzt er das Geschehen im Bühnenbild von Etienne Pluss in eine Laborsituation der Gegenwart: Darin ereignet sich gleichsam eine archäologische Untersuchung und Tiefenbohrung des Geschehens, wenn das Mausoleum mit den beiden Grabmälern der Königinnen, die sich bis heute in der Westminster Abbey gegenüberliegend befinden, in einem klinisch hellen Raum einer aktuellen Analyse unterzogen wird. Die Distanz von der Historie ins Heute wird damit so weit möglich überwunden – mit dem Anspruch der musiktheatralischen Wahrheitsfindung in der Allgemeingültigkeit des Schicksals der beiden Königinnen.
Bayerische Staatsoper München
Dean: Of One Blood
Vladimir Jurowski (Leitung), Claus Guth (Regie), Etienne Pluss (Bühne), Ursula Kudrna (Kostüme), Bob Scott & Sven Eckhoff (Sounddesign), Michael Bauer (Licht), Sommer Ulrickson (Choreographie),Christoph Heil (Chor), Yvonne Gebauer & Lukas Leipfinger (Dramaturgie), Johanni van Oostrum, Vera-Lotte Boecker, Seonwoo Lee, Mirjam Mesak, Lotte Betts-Dean, Meg Brilleslyper, Freya Apffelstaedt, Liam Bonthrone, Joel Williams, Andrew Hamilton, Armand Rabot, Paweł Horodyski, Mahan Esfahani, Opernballett der Bayerischen Staatsoper, Bayerisches Staatsorchester, Bayerischer Staatsopernchor, Opernballett der Bayerischen Staatsoper
Termintipp
Do., 14. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Dean: Of One Blood
Johanni van Oostrum (Queen Elizabeth), Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart), Freya Apffelstaedt (Jane Kennedy & Female Consort V), Liam Bonthrone (Lord Darnley & Male Consort I), Mahan Esfahani (Cembalo), Vladimir Jurowski (Leitung), Claus Guth (Regie)
Termintipp
So., 17. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Dean: Of One Blood
Johanni van Oostrum (Queen Elizabeth), Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart), Freya Apffelstaedt (Jane Kennedy & Female Consort V), Liam Bonthrone (Lord Darnley & Male Consort I), Mahan Esfahani (Cembalo), Vladimir Jurowski (Leitung), Claus Guth (Regie)
Termintipp
Do., 21. Mai 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Dean: Of One Blood
Johanni van Oostrum (Queen Elizabeth), Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart), Freya Apffelstaedt (Jane Kennedy & Female Consort V), Liam Bonthrone (Lord Darnley & Male Consort I), Mahan Esfahani (Cembalo), Vladimir Jurowski (Leitung), Claus Guth (Regie)




