Spielstätten-Porträt August Everding Saal

Das Amphitheater von Grünwald

Der August Everding Saal vor den Toren Münchens lockt Klassikstars aus aller Welt an

Sol Gabetta liebt diesen Saal. Mag die Star-Cellistin auch in den großen Konzerthäusern der Welt vor mehreren tausend Menschen auftreten, während der August Everding Saal schon bei 304 Besuchern „Ausverkauft“ melden muss: Die Argentinierin schätzt das intime Flair dieses elf Meter hohen Raumes ebenso wie dessen viel gelobte Akustik. Und natürlich die Nähe zum Publikum, die die kreisrunde, zum Podium hin abfallende Anlage mit sich bringt. Einziges „Problem“: Da Gabetta mit ihrer Begeisterung nicht allein steht, sondern auch zahlreiche internationale Kollegen von Hélène Grimaud über Janine Jansen bis Sharon Kam immer wieder gern in den terrakottafarbenen Bau in der Gemeinde Grünwald kommen, sind nicht nur alle 180 Abonnements für die dortige Konzertreihe dauerhaft vergeben, sondern auch die Karten im freien Verkauf stets sehr schnell vergriffen.

Auch für Aufnahmen ein beliebter Saal

Luxusprobleme. Denn natürlich sind die 11 000 Einwohner des kleinen Ortes im Südosten Münchens eigentlich alle sehr stolz auf ihr Veranstaltungs-Kleinod, dessen transparent-einladende Architektur mit ihrem nach außen verglasten Foyer sich harmonisch einfügt in das parkartige Gelände des Grünwalder Freizeitparks – und dessen Name an den großen Theatermann erinnert, der mit seiner Familie fast 20 Jahre in der benachbarten Grünwalder Burg lebte. 2002 hat sich die Gemeinde dieses Schmuckstück selbst geschenkt – und das lockt seither keineswegs allein mit der Reihe „Grünwalder Konzerte“ die Klassik-Größen an: „Julia Fischer, Jonas Kaufmann und Martin Stadtfeld haben hier auch schon ihre CDs eingespielt“, erzählt die Kulturreferentin Regine Müller. 

Doch im Mittelpunkt steht natürlich das Konzerterlebnis – und das tatsächlich im Wortsinn: Denn durch die Amphitheater-ähnliche Anlage haben die Besucher sowohl im Parkett als auch von den umlaufenden Rängen und Balkonen nicht nur auf allen Plätzen eine unverstellte Sicht auf die Bühne, sondern Architektur wie Materialien – etwa die Wandvertäfelungen aus Ahornholz – und die Formgebung der Oberflächen bescheren dem Raum auch eine hervorragende Akustik. Erst jüngst war solch ein eindrucksvolles Klangerlebnis beim Gastspiel der Academy of St. Martin in the Fields zu erleben: Da wob das Weltklasseensemble einen satten Klangteppich, aus dem sich dann die Harfe des Solisten Xavier de Maistre in glasklarer Präzision heraushob. „Es handelt sich von der Anlage her eben nicht um einen Mehrzweckraum“, erklärt Regine Müller. „Schwerpunkt ist Kammermusik in kleiner Besetzung, die hier am besten zur Geltung kommt.“ Und das keineswegs nur in Konzerten, sondern auch in hochkarätigen Kursen der hiesigen Musikschule wie Ende März, wenn das Diogenes Quartett zum 5. Grünwalder Kammermusik-Workshop lädt.

Engagement für den musikalischen Nachwuchs

Dass sich Grünwald nicht nur einen solchen Saal, sondern seit mehr als einem Jahrzehnt auch eine solch hochkarätige Konzertreihe leisten kann (zu der sich seit 2011 mit „KlassikPlus“ noch ein zweites Programm gesellt hat, das mit Jazz, Volks- und Weltmusik nicht nur für etwas andere Klänge, sondern auch ein jüngeres Publikum sorgt), verdankt die wohlhabende Gemeinde neben ihren eigenen Investitionen in die Klassik vor allem der privaten Erich und Ute Decker Kulturstiftung. Selbst begeisterter Pianist hatte der Namensgeber 1999 in Kooperation mit dem damaligen Bürgermeister die Stiftung gegründet, die seither „die Förderung klassischer und romantischer Kammermusik auf höchster Ebene“ verfolgt. Ein Engagement, das sich übrigens nicht auf die neun Abonnementkonzerte pro Saison beschränkt, sondern auch Projekte der benachbarten Musikschule und die Regionalwettbewerbe von „Jugend musiziert“ einschließt: Irgendwo müssen ja schließlich die Klassikstars herkommen, die auch in Zukunft den Grünwalder August Everding Saal füllen sollen. 

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