Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Buch-Rezension: Antonio Vivaldi. Die vier Jahreszeiten

Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Mit „Antonio Vivaldi. Die vier Jahreszeiten“ bringt Roman Hinke eine ambivalente Werkeinführung heraus

Antonio Vivaldis Zyklus „Die vier Jahreszeiten“ gehört zu den bekanntesten Werken überhaupt. Anreiz genug, ein Buch darüber zu veröffentlichen? Es spricht nichts dagegen, diese illustrative Musik einem breiten Publikum näher bringen zu wollen. Nichts anderes passiert in zahlreichen Kinderkonzerten. Das Ganze in populärwissenschaftliche Form zu gießen, ist ebenfalls keinesfalls verwerflich. Schließlich hat nicht jeder Musik studiert und freut sich vielleicht trotzdem über einen Leitfaden, wie diese merkwürdig abstrakte Kunstform eigentlich zu verstehen ist.

Das Besondere an Roman Hinkes Buch ist die Kombination von Werkeinführung mit zahlreichen Aquarellen des Berliner Malers Hans-Jürgen Gaudeck. Die Bilder, jeweils ganzseitig reproduziert, sind eine reizvolle Ergänzung insbesondere für jene Menschen, die sich schwertun, Musik allein wahrzunehmen.

Blumige Wortwahl

Die Texte Hinkes geben eine Einführung in Vivaldis Biografie, die Besonderheiten seiner Hauptwirkungsstätte Venedig und – am Beispiel der „Vier Jahreszeiten“ – seiner Musik. Was als Konzept überzeugend wirkt, macht sich für den kritischen Leser allerdings in vielen Details angreifbar.

Da ist der Sprachstil: Neben unnötigen Allgemeinplätzen wie „Lebensentwürfe folgen zuweilen seltsam verschlungenen Pfaden“ ist es die oft blumige Wortwahl, die abstoßend wirken kann. Der Satz „Vivaldis Grab [in Wien] jedoch, wie auch der gesamte Friedhof, ist den Zeitläufen zum Opfer gefallen.“ ist inhaltlich nicht falsch, doch ließe sich dieser Sachverhalt auch weniger pathetisch ausdrücken. Das gleiche gilt für die Bemerkung zu einer Werkgruppe, „die besonders hervorsticht aus dem schier überbordenen Bouquet funkelnder Pretiosen“. Gemeint sind hier übrigens nicht nur die „Vier Jahreszeiten“, sondern sämtliche Violinkonzerte Vivaldis, was den Satz sehr allgemein dastehen lässt.

Hinkes Goldoni-Watsche

Dazu kommen wertende Formulierungen. Wie kann es etwa der seinerzeit erfolgreiche Dichter Goldoni wagen, Vivaldi zwar einen „hervorragenden Violinisten“, gleichzeitig aber einen „mittelmäßigen Komponisten“ zu nennen, fragt sich der Autor. Anstatt diese Bewertung historisch einzuordnen und darauf hinzuweisen, dass sich die Wertschätzung von Kunstwerken insbesondere in der Rückschau ändern kann, revanchiert sich Hinke, indem er Goldoni eine „bösartige, dazu höchst undankbare Fehleinschätzung“ vorwirft, eine Bewertung, die auch in einem populärwissenschaftlichen Text nicht angemessen erscheint.

Fragwürdig erscheint auch die Kritik an Vivaldis Beerdigung in Wien. Der Leichnam sei „ohne jede Feierlichkeit“ beigesetzt worden, „ein Armenbegräbnis also, in aller Eile ausgerichtet – wie dasjenige Mozarts ein halbes Jahrhundert später.“ Zumindest was Mozarts Beerdigung anlangt, ist die Legende vom Armengrab inzwischen klar widerlegt, spiegelt stattdessen die übliche Beerdigungskultur der Zeit. Für Vivaldi ließe sich das Gleiche vermuten.

„Die vier Jahreszeiten“ im Fokus

Und auch die Einordnung Vivaldis als Vielschreiber ist kaum haltbar. Nach derzeitigem Stand hinterließ er in 63 Lebensjahren mindestens 770 Werke. Betrachtet man im Vergleich die Zahlen von auch nur ein paar Kollegen, zeigt sich schnell, dass Vivaldis Schaffen im absoluten Mittelmaß liegt. Bach schrieb über 1.000 Werke, Mozart und Schubert, die deutlich jünger starben, über 600 bzw. fast 1.000.

„Die vier Jahreszeiten“ waren, das stellt der Autor richtig fest, zu ihrer Zeit Avantgarde, höchst ungewöhnlich im Ausdruck, durchzogen von „unerwarteten Wendungen, wechselnden Gemütsregungen“. Anschließend zu behaupten, solches habe „noch niemand vor ihm aus Tönen geformt“, erscheint jedoch gewagt. Verwiesen sei auf die „Sonata representativa“ von Heinrich Ignaz Franz Biber von etwa 1670, in der die Laute zahlreiche Tiere nachahmt oder auch das „Capriccio stravagante“ des Monteverdi-Schülers Carlo Farina, das 1617 gedruckt wurde und zahlreiche ungewöhnliche Effekte für die Geige enthält.

Widersprüchlicher Autor

Hinke lässt an seinen Vivaldi nichts heran. Igor Strawinsky wird hier ebenso kurzerhand wie undifferenziert zum „Jahrhundertgenie“ erklärt. Sein nicht einmal belegter Ausspruch, „der alte Venezianer [= Vivaldi] habe nur ein einziges Konzert geschrieben – das aber ein paar hundert Mal“ sei aber ein „Affront des vorlauten Russen“. Zum einen widerspricht sich Hinke damit selbst, schreibt er doch an anderer Stelle, man könnte Vivaldis Werke untereinander verwechseln. Und ob man, wie Hinke an selber Stelle behauptet, Vivaldi stets von Zeitgenossen unterscheiden könne, müsste ein Blindtest erst einmal beweisen.

Dabei hätte man Strawinskys eventuelle Anmerkung auch mit Humor begegnen können. Es ist wohl kein Zufall, dass bisher kaum jemand auf die Idee gekommen ist, Vivaldis über 200 Violinkonzerte komplett einzuspielen. Vermutlich sind sie sich – jenseits der bekannteren – zu ähnlich. Und über Bruckner wird schließlich unter Musikern auch gewitzelt, er habe die gleiche Sinfonie neun Mal geschrieben.

Die Aquarelle von Hans-Jürgen Gaudeck

Etwas penetrant erscheint schließlich die immer mal wieder eingeschobene „Werbung“ für die Bilder Gaudecks. Wenn Bäume tanzen könnten, würde Vivaldi ihnen den Takt vorgeben, schreibt Hinke und fährt fort: „Nicht anders Hans-Jürgen Gaudeck in seinen fein rhythmisierten Aquarellen.“ So schön die Bilder anzuschauen sind: Vivaldi spielt dann doch in einer anderen Liga.

Insgesamt wird ein eigentlich schönes Projekt durch Details in den Texten entwertet. Den Werkeinführungen mit ihren erfreulich gut verständlichen Analysen stehen wertende Formulierungen in beide Richtungen und historische Unachtsamkeiten gegenüber. Der blumige Stil ist Geschmackssache. Wer sich mit diesem anfreunden kann und eine Inspiration zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten sucht“, wird hier dennoch fündig.

Antonio Vivaldi. Die vier Jahreszeiten
Hans-Jürgen Gaudeck/Roman Hinke
84 Seiten
edition federchen im Steffen Verlag

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