Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

(UA Wien 1813)

Als die Siebente entstand, wetterleuchtete es gewaltig am politischen Himmel: Napoleon zog gegen Rußland und unterlag; die bejubeltete Uraufführung fand statt als Benefizkonzert zugunsten der anti-napoleonischen Kämpfer. In seiner Dankadresse an die Mitwirkenden schrieb Beethoven: „uns alle erfüllt nichts als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und das freudige Opfer unserer Kräfte für diejenigen, die uns soviel geopfert haben“.

Dennoch ist die Siebente keine Fortsetzung der Eroica. Sie bezieht sich vielmehr auf die Fünfte: stand dort Beethovens Schicksal beispielgebend im Mittelpunkt, so geht es hier um das Bild des Menschen allgemein. Das Wort Wilhelm Furtwänglers: „Beethoven begreift in sich die ganze, runde, komplexe Menschennatur“ paßt sehr genau auf die Siebente.

Richard Wagner sprach von der „Apotheose des Tanzes“ - in diesem Sinne kann man die Siebente als philosophische oder „griechische“ Symphonie verstehen:

1. Satz un poco sostenuto: vier weit auseinander stehende Akkordsäulen bilden einen mythischen Raum, der mystisch zu klingen anfängt. Staunend blicken wir uns um – sind wir in Delphi? Ist dies der Tempel des Apollo oder des Dionysos? Wir treten ein – im Dämmer leuchtet ein Gesicht (Thema der Oboe), wir erkennen die Gestalt (Streicher), ein rhythmischer Blitz entspringt dem Kopf und die Gestalt beginnt zu tanzen (Vivace) – geistvoll und sinnlich.

2. Satz Allegretto: Tanz des Chronos – Tanz der Zeit. Aus unendlicher Nacht weht ein Klagelaut heran (ein „offener“ a-moll Quartsextakkord), der Zug zukünftiger Gestalten naht, erreicht den Lichtkegel der Zeit (A- Dur) – wir erkennen uns selbst mitten darin – der Zug vergangener Gestalten entfernt sich in unendlicher Nacht, mit dem gleichen Klagelaut verweht der Satz...

3. Satz (Scherzo): apollinischer Tanz.
Hauptteil Presto: Intelligenz – die Erfindung der Musik aus dem Geiste der Mathematik: Kreise und Zahlen in wirbelnder Logik.
Trio molto meno presto: Spiritualität – die Erfindung des Himmels und des Kultus aus dem Geiste der Musik (eine alte Wallfahrerweise).

4. Satz (Finale) Vivace: dionysischer Tanz - Lachen, Lust, Kampf und Gewalt, Ekstase bis zum Rausch – alles in dramatisch-explosiver Sonatenform.

Das Finale macht Spieler und Hörer erröten – Genie und Wahnsinn – auch dies gehört zur „komplexen“ Menschennatur...

(Mathias Husmann)