Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Bis zum Schluss war Peter Tschaikowsky der Meinung, seine Schicksals-Sinfonie sei ihm misslungen. Dabei hätte ihn der Erfolg vom Gegenteil überzeugen müssen.

© gemeinfrei

Peter Iljitsch Tschaikowsky, Gemälde von Nikolai Kuznetsov

Peter Iljitsch Tschaikowsky, Gemälde von Nikolai Kuznetsov

Verzagtheit und Selbstzweifel – Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war 1888 an einem persönlichen Tiefpunkt angekommen. „Schreiben für wen? Weiterschreiben? Lohnt kaum“, vertraute er sich seinem Tagebuch an. Auch seiner Mäzenin Nadeshda von Meck schrieb er, dass ihn oft Zweifel überkommen würden und er sich die Frage stelle: Wäre es nicht an der Zeit, aufzuhören? Und doch: Ein Umzug auf sein Landgut Frolowskoje in der Nähe der russischen Stadt Klin, gab ihm wieder die Kraft zum Komponieren. Eine neue Sinfonie sollte es werden – immerhin war es schon elf Jahre her, dass er seine letzte komponiert hatte. So entstand innerhalb weniger Wochen seine fünfte Sinfonie, die Schicksals-Sinfonie.

„Vollständiges Sich-Beugen vor dem Schicksal“

Vielleicht waren diese tiefe Verzweiflung und Ängste der Grund dafür, dass eine eher dunkle, zum Teil fast schon mystische Sinfonie in Moll entstanden ist. Passend dazu auch der Name Schicksals-Sinfonie. Schon der erste Satz wird von der Klarinette mit dem Schicksalsmotiv eingeleitet, das der Komponist selbst als „vollständiges Sich-Beugen vor dem Schicksal oder was dasselbe ist, vor dem unergründlichen Walten der Vorsehung“ bezeichnete. Dieses leitet in ein eindringliches Hauptthema, das von den Streichern übernommen wird. Erst das Seitenthema in D-Dur hebt sich deutlich vom marschartigen Leitmotiv ab. Dennoch taucht dieses immer wieder in den einzelnen Orchesterstimmen auf und zieht sich wie ein roter Faden durch die folgenden Sätze, bis es im Finale schließlich die Überhand gewinnt.

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Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5. Thema des Finales, hier in den Streichinstrumenten
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5. Thema des Finales, hier in den Streichinstrumenten

Am 17. November 1888 leitete Tschaikowsky selbst die Uraufführung seiner Schicksals-Sinfonie in Sankt Petersburg. An seine Patronin von Meck schrieb er: „Nach jeder Aufführung komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass meine letzte Symphonie ein misslungenes Werk ist. Sollte ich mich schon ausgeschrieben haben?“ Grund dafür war Tschaikowskys Meinung nach das Finale, an dessen Qualität er zweifelte. Dabei überzeugt dieses vor allem durch eine effektvolle Spannung, die vom ersten Satz aufgegriffen wird und sich durch das gesamte Finale zieht. Das Schicksalsmotiv wird auf verschiedenste Arten aufgegriffen, zunächst noch ruhig und in E-Dur von den Streichern vorgestellt und später in der Durchführung auf dramatischster Weise umgesetzt. Schließlich endet der Satz mit dem Leitmotiv kraftvoll triumphierend und energiegeladen.

Erfolg trotz aller Zweifel: Die Schicksals-Sinfonie

Dabei hätte allein der Erfolg für sich und gegen alle Zweifel des Komponisten sprechen können. Der Kritiker Josef Sittard bezeichnete das Werk sogar als eine der „bedeutendsten musikalischen Erscheinungen unserer Zeit“. Doch „als selbstkritischer Künstler spürte [Tschaikowsky] genau, dass die bekenntnishafte Darstellung negativer Befindlichkeit leichter überzeugend zu gestalten ist als der utopische Entwurf einer positiven Gegenwelt“, schreibt Mathias Husmann in seinem Buch „Präludien fürs Publikum“. Bis heute gehört die Schicksals-Sinfonie neben Tschaikowskys vierter und sechster Sinfonie, zu einer seiner beliebtesten und meistgespielten Sinfonien.

Die wichtigsten Fakten zu Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64, Schicksals-Sinfonie:

Orchesterbesetzung: 3 Querflöten inkl. Piccoloflöte, 2 Oboen, 2 Klarinetten in A, 2 Fagotte, 4 Hörner in F, 2 Trompeten in A, 3 Posaunen, 1 Basstuba, Pauken in G, D und E, Streicher

Sätze:

1. Satz: Andante – Scherzo. Allegro con anima
2. Satz: Andante cantabile
3. Satz: Walzer. Allegro moderato
4. Satz: Finale. Andante maestoso

Aufführungsdauer: Ca. 55 Minuten

Uraufführung: Die Uraufführung fand am 17. November 1888 in Sankt Petersburg statt

Referenzeinspielung

Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5, Schicksals-Sinfonie

Yevgeny Mravinsky, Leningrad Philharmonic Orchestra

Während der 50-jährigen Zusammenarbeit des Dirigenten Yevgeny Mravinsky mit dem Leningrad Philharmonic Orchestra (heute Sankt Petersburger Philharmoniker) hat der Maestro die Musiker nicht nur zu einem der besten Klangkörper weltweit ausgebildet, in dieser Zeit sind auch legendäre Aufnahmen hervorgegangen. Vor allem bei den Tschaikowsky-Sinfonien überzeugt Mravinsky mit einem emotionalen und intensiven Dirigat. Das kommt besonders im Presto des Finales der Schicksals-Sinfonie zum Vorschein, das trotz beeindruckend rasantem Tempo nicht nur technisch perfekt, sondern auch weich und mit Gefühl vorgetragen wird.

Buchcover: Präludien für das Publikum von Mathias Husmann(UA St. Petersburg 1888)


Äußerlich ist die Fünfte – wie ihre Vorgängerin – klassisch gebaut: vier Sätze, die lebhaften Ecksätze mit langsamen Einleitungen, die Mittelsätze dreiteilig (ABA) mit Coda. Auffällig ist, dass das Thema der ersten Einleitung – es ist wie in der Vierten ein Fatum, ein Schicksalsmotiv – in allen folgenden Sätzen an entscheidenden Stellen auftaucht und das ganze Finale beherrscht. Innerlich ist die Fünfte ein Seelendrama – das zweite in der Folge der letzten drei großen Sinfonien von Tschaikowsky – auf höherer, vielmehr tieferer Ebene, tiefer im Sinne von abgründig.


Dumpf und düster beginnt es: ein zielloses, auswegloses Stapfen in kalter Winternacht. Das trauermarschähnliche, kurzatmige Thema in den tiefen Klarinetten tönt hohl und bitter. Die müden Akkorde der Streicher drücken und knirschen wie Stiefel im Schnee – ein sehr russischer Anfang! Unbemerkt hat das Tempo zugenommen – aus dem Trotten wird ein böser Gewaltmarsch, und was sich jetzt – innerhalb der Sonatenform – abspielt, ist ein greller Wechsel von krampfartiger Brutalität und empfindlicher Sensibilität, frenetischem Jubel und dröhnendem Hohngelächter. Am Ende verliert sich die Spur im Dunkel.


Aus dem Dunkel scheint ein Choral zu kommen, aber die ersten Takte des zweiten Satzes erweisen sich als modulatorische Vorbereitung für das große, wunderbare Hornsolo dolce con molto espressione – zart, mit großem Ausdruck. Der Wiener Dirigent Hans Richter pflegte zu Beginn dieses Satzes sein Taschentuch bereit zu halten. Nach und nach animiert das Horn das ganze Orchester, aus dolce wird con desiderio – mit Hingabe, auf dem Höhepunkt selbstvergessener Raserei gebietet das Fatum Einhalt. Der Schluss ergreift in seiner verhauchenden Resignation – eines der vielen ausdrucksvollen Klarinettensoli dieser Sinfonie.


Der dritte Satz ist ein eleganter Valse. Die farbige, luftige Instrumentation gibt dem brillanten Trio seinen hintergründigen, tuschelnden Charakter. Das letzte Wort hat wiederum das Fatum – leise und bösartig …


Tschaikowsky zweifelte an der Qualität des Finalsatzes. Als selbstkritischer Künstler spürte er genau, dass die bekenntnishafte Darstellung negativer Befindlichkeit leichter überzeugend zu gestalten ist als der utopische Entwurf einer positiven Gegenwelt. Aber die Begeisterung des Publikums für das effektvolle Finale beruhigte ihn, und nachdem er festgestellt hatte, dass er selbst gut dirigieren konnte, machte ihm der Satz – wie jedem Dirigenten – Spaß. Die Metamorphose des Fatums aus einem ursprünglichen Trauermarsch in einen abschließenden Triumphmarsch mag fragwürdig sein, aber wir alle haben ein Recht auf Utopien …


(Mathias Husmann)