Bürgenstock Festival 2016

Unter Freunden

Große Musiker brauchten nicht zwingend die große Bühne – das beweist seit einigen Jahren das Bürgenstock Festival inmitten der Schweizer Bergidylle

© Timo Schwach/Hotel Villa Honegg

Harmonisch in die Landschaft eingebunden: Festivalspielort Hotel Villa Honegg

Alle guten Festivals sind kleine autonome Welten auf Zeit – mit ihrem eigenen Rhythmus, ihren Insider-Witzen und mit besonderen Programmen, wie man sie in der Saison an den Häusern oft vergeblich sucht. Die Musiker sitzen nach den Konzerten bis tief in die Nacht zusammen, und das Publikum, zu hohem Prozentsatz „Wiederholungstäter“, genießt die Atmosphäre aus musikalischer Höchstleistung und Lässigkeit.„Festivals konzentrieren sich auf die warmen Monate, im Winter herrscht ein bisschen Tabula rasa“, bedauert José Gallardo. Gemeinsam mit Star-Klarinettist Andreas Ottensamer arbeitet der argentinische Pianist seit 2013 daran, dies zu ändern. Mitten im Februar läuft ihr viertägiges Winterfestival in der weiß leuchtenden Schneekugelwelt des Schweizer Bürgenstock hoch über dem Vierwaldstättersee: „Es wirkt ganz weit weg von allem, aber das stimmt natürlich nicht.“

Eine bestens angebundene Idylle dank Schweizer Bahn

Es fällt zwar schwer, sich den Trubel der Außenwelt vorzustellen, wenn der Morgennebel den See verschwinden lässt, sich dicht um das frei auf der Anhöhe stehende Hotel Villa Honegg legt und nichts als Kuhglocken durch die Stille tönen. Tatsächlich aber ist der Konzertort, der schöne historische Hotelkomplex mit der berühmten Kapelle, in der sich Audrey Hepburn und Mel Ferrer 1954 in Anwesenheit von viel Film-Prominenz das Ja-Wort gaben, richtig gut angebunden – Schweizer Eisenbahnnetz sei Dank. „Vilde Frang musste letztes Jahr zwischendurch für ein Konzert nach Zürich und ist sozusagen gependelt“, erinnert sich José Gallardo. Die norwegische Geigerin gehört zur Liste hochkarätiger Künstler, die das junge Festival bereits auf den Bürgenstock gezogen hat. Die „Clarinotts“, bestehend aus Andreas Ottensamer, Bruder Daniel und Vater Ernst, waren ebenso mit von der Partie wie Oboist Albrecht Mayer, der Konzertmeister der Berliner Philharmoniker Daishin Kashimoto, die Cellisten Stephan Koncz und Nicolas Altstaedt, die Bratscher Nils Mönkemeyer und Antoine Tamestit oder Trompeterin Tine Thing Helseth.

„Zum Schifahren bleibt an den vier Tagen leider gar keine Muße, aber dazu, ein bisschen durch den Schnee zu wandern, kommen wir schon“, erzählt Gallardo. Und für die kurze Pause im Außenpool mit seinem spektakulärem Seeblick ist zum Glück auch meistens noch Zeit. Dass bei derartigen Festivals die Proben für alle Musiker enorm dicht getaktet sind, um in kürzester Zeit ein perfektes Programm auf die Bühne zu bringen, vergisst man als Zuhörer angesichts der entspannten Stimmung unter den Ausführenden glatt. „Ach nein, Urlaub ist etwas ganz anderes“, lacht Pianist Gallardo. „Aber wir genießen es, hier zu sein – diese Intimität von Hauskonzerten unter Freunden ist unvergleichlich!“ Er seufzt versonnen und erklärt: „Man bekommt ein wenig ein Gefühl dafür, wie es bei den Schumanns war, mit Johannes Brahms und ihrem ganzen Kreis. Damals wurde die Kammermusik überhaupt erst geboren. Sogar Brahms’ Requiem haben sie zuerst in diesem kleinen Rahmen aufgeführt, nicht mit riesigem Chor und Orchester in einem Konzertsaal.“

Ein Zusammentreffen von Russland und Amerika

Dieses Werk gibt es 2017 allerdings nicht zu hören auf dem Bürgenstock. Im Fokus der Saison stehen die vielfältigen musikalischen Einflüsse zwischen Russland und Amerika. Bei „East-West Side Story“ in der neutralen Schweiz trifft Schostakowitsch auf Bernstein, Jazz auf Antonín Dvořák, eine Matinee ist der Exilmusik gewidmet. Etwas aus der Reihe tanzt der letzte Abend, wenn Andreas Ottensamer und Albrecht Mayer die dritte CD der Bürgenstock Festival Edition vorstellen, die dem zu Unrecht häufig unterschätzten Komponisten Carl Stamitz zu seinem Recht verhelfen soll.

Die Festivaldaten im Überblick:
Zeitraum: 1.-2.11.2016 & 9.-12.2.2017
Mit: José Gallardo, Maximilian Hornung, Emmanuel Pahud, Stephan Koncz, Albrecht Mayer u. a.
Ort: Bürgenstock

Termine

Sonntag, 09.10.2022 15:00 Uhr Kloster Herrenchiemsee

Sabine Meyer, Nils Mönkemeyer, William Youn

Werke von Schumann, Mozart, Bartók & Bruch

Mittwoch, 12.10.2022 19:30 Uhr Orangerie Herrenhausen Hannover

Albrecht Mayer, Fabian Müller

Indy: Fantaisie sur des thèmes populaires français op. 31, Ravel: Oiseaux tristes, Saint-Saëns: Oboensonate D-Dur op. 166, Pierné: Fantaisie pastorale, Debussy: Claire de lune, Poulenc: Oboensonate D-Dur

Mittwoch, 19.10.2022 19:30 Uhr Großes Festspielhaus Salzburg
Donnerstag, 20.10.2022 19:30 Uhr Großes Festspielhaus Salzburg
Freitag, 21.10.2022 19:30 Uhr Großes Festspielhaus Salzburg
Freitag, 21.10.2022 19:30 Uhr Musikverein Wien
Samstag, 22.10.2022 20:00 Uhr Isarphilharmonie München

Andreas Ottensamer, Gulbenkian Orchestra Lissabon, Lorenzo Viotti

Brahms: „Schicksalslied“ op. 54, Mozart: Klarinettenkonzert A-Dur KV 622, Vasks: Agnus Die, Brahms: Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90

Sonntag, 23.10.2022 16:30 Uhr Meistersingerhalle Nürnberg

Albrecht Mayer, Nürnberger Symphoniker

Beethoven: Ouvertüre zu „Egmont“ f-Moll op. 84 & Symphonie Nr. 5 c-Moll op. 67, Koželuh: Oboenkonzert F-Dur, Mozart: Ave verum corpus KV 618 Fassung für Englischhorn & Streicher

Sonntag, 23.10.2022 18:00 Uhr Kölner Philharmonie

Andreas Ottensamer, Gulbenkian Chor Lissabon, Gulbenkian Orchester Lissabon, …

Mozart: Klarinettenkonzert A-Dur KV 622, Brahms: Schicksalslied op. 54 & Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90

Montag, 24.10.2022 19:30 Uhr Onoldiasaal Ansbach

Nürnberger Symphoniker, Albrecht Mayer

Beethoven: Egmont-Ouvertüre f-Moll op. 84 & Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 „Schicksalssinfonie“, Koželuh: Oboenkonzert F-Dur, Mozart: Ave verum corpus KV 618 (Fassung für Englischhorn & Streicher)

Auch interessant

NEO: Uraufführungen in der Isarphilharmonie

Neues im neuen Jahr

Unter dem Motto „NEO“ zeigen die Münchner Philharmoniker ihre musikalische Experimentierfreude im Monat Januar – und darüber hinaus. weiter

Moritzburg Festival 2021

Exquisite Raritäten rund um das Jagdschloss

Das Moritzburg Festival ist Magnet für Künstler der ersten internationalen Garnitur. weiter

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 2021

Unerhörte Orte, Landpartien und ganz viel Musik

Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern warten mit einem gigantischen Programm auf. weiter

Rezensionen

Rezension Nils Mönkemeyer – Gourzi: Whispers

Hommage an die Natur

Mit Nils Mönkemeyer und William Youn sind einfühlsame Meister am Werk. Konstantia Gourzis Musik öffnet Ohren und Herz. weiter

Rezension Nicolas Altstaedt – Salonen & Ravel

Echte Entdeckung

Berstend vor Intensität: Nicolas Altstaedt spielt das grandiose Cellokonzert von Esa-Pekka Salonen mit Leidenschaft, Biss und Sensibilität. weiter

Rezension Antoine Tamestit – Telemann: Violakonzerte

Mit Esprit

Bratscher Antoine Tamestit und die Akademie für Alte Musik Berlin unter Bernhard Forck beweisen die enorme Vielseitigkeit von Georg Philipp Telemann. weiter

Kommentare sind geschlossen.