Blickwinkel: Christian Girardin

„Außerhalb des Studios ist nichts normal“

Labels sind zwar nicht auf Live-Publikum angewiesen, dennoch mussten auch sie angesichts der Corona-Pandemie ihre Arbeit radikal umstellen. Harmonia Mundi-Chef Christian Girardin im Gespräch mit concerti.de

© Hervé Hôte

Christian Girardin

Christian Girardin

Herr Girardin, ich nehme mal an, dass Sie als Chef des Labels Harmonia Mundi in den letzten Wochen und Monaten viele Aufnahme-Sessions verschieben mussten. Mit welchen zeitlichen Dimensionen rechnet man da?

Christian Girardin: Das ist sehr unterschiedlich. Die Aufnahme von Bachs h-Moll-Messe mit René Jacobs mussten wir auf August 2021 verschieben. Das große Problem ist nämlich, einen Termin zu finden, an dem alle Beteiligten Zeit haben. Die Einspielung von Strawinskys Violinkonzert mit Isabelle Faust, Les Siècles und Fraçois-Xavier Roth mussten wir gleich um mehrere Jahre verschieben. Dennoch konnten zum Glück einige Sessions stattfinden, zum Beispiel eine in Berlin mit Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov und dem Freiburger Barockorchester mit Pablo Heras-Casado, die Beethovens Tripelkonzert eingespielt haben.

Wenn man denn endlich ins Studio darf: Sind die Bedingungen dort wenigstens tragbar?

Girardin: Jaja, im Studio selbst läuft alles ganz normal. Die Sache ist bloß: Außerhalb des Studios ist nichts normal. Das auszublenden ist für die Künstler nicht einfach.

Inwiefern wird denn die Coronakrise die Plattenindustrie verändern?

Girardin: Der ohnehin schon strapazierte Markt der physischen Musikmedien hat noch einmal extrem gelitten unter der jetzigen Situation. In Frankreich zum Beispiel gingen die Umsätze gegen Null. In Deutschland oder Japan war es nicht ganz so schlimm. Auf der anderen Seite ist diese Zeit eine Chance für die digitalen Plattformen, die die Leute jetzt noch mehr nutzen als vor der Coronakrise. Was aber wiederum die Überlebensfähigkeit der CD noch mehr mindert. Die neue Situation hat sich jedoch positiv auf die Kreativität der Künstler ausgewirkt. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, um über neue Konzepte des Musikmachens und Musikproduzierens nachzudenken.

In welche Richtung führen da Ihre Gedanken?

Girardin: Unser Marketing-Team hat zum Beispiel unseren Newsletter-Empfängern einen kostenfreien Track mitgeliefert mit Ausführungen über verschiedene Thematiken. Und wir haben auch Onlinekonzertreihen entwickelt. Auch die Verknüpfung von Musik und Video ist endlich auch in der Klassik endgültig angekommen. Wir haben uns ja praktisch schon daran gewöhnt, Künstlern dabei zuzusehen, wie sie in ihren Küchen oder auf ihren Balkonen Musik machen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist aber noch nicht abzusehen, was davon wirklich bleiben wird.

© Hervé Hôte

Christian Girardin

Christian Girardin

Sehen auch Sie sich solche Videos an?

Girardin: Klar! Da ist viel Großartiges dabei. Man muss aber aufpassen, dass die Zuschauer sich nicht irgendwann fragen, warum sie überhaupt noch in den Konzertsaal gehen sollen. Dabei ist es ganz klar eine Frage der Qualität: Im Konzertsaal laufen die Musiker zu einer ganz anderen Form auf als sie es zu Hause tun. Den Musikfans müssen wir klarmachen, dass eine Studioaufnahme keine Handyaufnahme und dass ein Livekonzert kein Heimkonzert ist.

Dennoch konnten in den letzten Monaten die Musiker nur auf digitalem Wege an die Öffentlichkeit treten.

Girardin: Klar! Die Frage ist vor allem, wie und in welcher Form sie in Kontakt mit ihren Fans sein können. Deshalb haben wir beispielsweise mit einigen Künstlern Playlists entwickelt, die sie selbst kuratieren. Es ist wichtig, auf solchen Wegen den Konnex zu den Hörern zu behalten. Einige dieser Entwicklungen werden sicherlich auch über die Zeit der Pandemie hinaus bleiben. Was wiederum bedeutet, dass die sozialen Netzwerke und Musikplattformen nochmal einen viel höheren Stellenwert haben werden, wenn es um die Begegnung des Musikers mit seinen Fans geht.

Wie ist es eigentlich mit den Streaming-Raten? Die müssten doch durch die Decke gegangen sein, als man keine Plattenläden besuchen konnte.

Girardin: Da gab es eine positive Entwicklung, ja. Wobei man da erst in ein paar Monaten genaue Zahlen dazu haben wird. Dennoch bleibt das grundsätzliche Problem bestehen, dass sich Streaming nicht oder nur kaum rechnet und sich Studioaufnahmen damit nicht finanzieren lassen.

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