Immer wieder hat es Versuche gegeben, Chopins drittes Klavierkonzert, dessen erster Satz nur als Klaviersolostück überliefert ist, zu vervollständigen. Martin Stadtfeld ist überzeugt, die Folgesätze des Konzerts in einem weiteren Stück des Komponisten entdeckt zu haben. Im Interview erzählt er auch, warum seine Aufnahme eher die sensible Seite des Romantikers betont.
Herr Stadtfeld, die verbindende Klammer der Werke auf Ihrem aktuellen Chopin-Album ist die Sehnsucht des im Pariser Exil lebenden Komponisten nach seiner polnischen Heimat. Wie schlägt sich dieses Konzept in der Auswahl der Stücke nieder?
Martin Stadtfeld: Dass Chopin in Paris im Exil gelebt hat, ist den meisten Menschen beim Hören seiner Musik durchaus bewusst. Wir knüpfen an diese Tatsache aber mit einer starken Geschichte an. In Tadeusz A. Zielińskis Chopin-Biografie bin ich über ein sehr interessantes Zitat gestolpert. Chopin sagt: „Mit diesem Konzert werde ich nach Warschau zurückkehren.“ Gemeint ist sein drittes Klavierkonzert. Chopin hatte offenbar nicht nur die Sehnsucht, sondern eine konkrete Vorstellung, triumphierend in seine Heimatstadt zurückzukehren. Das Werk, das uns heute nur in einer zum Klaviersolo umgearbeiteten Form als „Allegro de concert“ vorliegt, schlägt auch ganz andere Töne an als die beiden früheren Klavierkonzerte.
Trotzdem ist er nie zurückgekehrt …
Stadtfeld: Weil er bei seiner Einreise nach Polen verhaftet worden wäre. Er hätte sich vom nationalistischen Aufstand gegen die russische Bevormundung distanzieren müssen. Das hat er aber nicht getan, sondern sich als polnischer Patriot und großer Sympathisant dieser Bewegung zu erkennen gegeben. Damit waren die Seile gekappt. Hier begegnet uns ein Chopin, der überhaupt kein Träumer ist, und alles bekommt eine fast schon konkrete und existenzielle Bewandtnis.
Zurück zum Repertoire Ihres Albums „Return to Warsaw“ …
Stadtfeld: Es handelt es sich um eine Ansammlung von Rückblicken. Die Cellosonate mit ihrem sehnsüchtigen Motiv ist vielleicht eine schmerzhafte Rückschau. Auch das Idyll der Nocturne op. 37/2, über die ich zu Beginn des Albums meditiere, geht einem unter diesem Aspekt besonders nah. Außerdem spiele ich die Polonaise in g-Moll des Siebenjährigen, in der – ganz ähnlich wie es sich bei Mozart in dessen Londoner Skizzenbuch verhält – schon alles enthalten ist, was Chopins Musik später charakterisieren wird. Er war ein Wunderkind wie Mozart.
Herzstück des Albums – Sie haben es schon angesprochen – ist Timo Jouko Herrmanns Rekonstruktion des dritten Klavierkonzerts, das Sie mit den Heidelberger Sinfonikern unter Herrmanns Leitung eingespielt haben. Chopin hat von diesem Werk zwar gesprochen, es aber niemals niedergeschrieben. Welche musikalischen Anhaltspunkte gibt es für dieses Stück?
Stadtfeld: Der Kopfsatz liegt im Prinzip in dem Klaviersolostück „Allegro de Concert“ op. 46 vor, ein Stiefkind der Chopinliteratur, weil es so klingt, als würde man ein Klavierkonzert allein spielen. Chopin hat ganz offensichtlich ein Klavierkonzert für seine Rückkehr nach Warschau komponieren wollen. Als dann absehbar war, dass er seine Heimat vielleicht niemals wiedersehen würde, hat er den ersten Satz in ein Klavierstück umgearbeitet.
Es gab schon früher Versuche, Chopins drittes Klavierkonzert anhand des „Allegro de Concert“ zu rekonstruieren …
Stadtfeld: Wir gehen einen Schritt weiter. Denn für mich klingt Chopins „Boléro“ op. 19 wie die Fortsetzung des Konzerts. Das fast ziellose Vor-sich-hin-Träumen der Einleitung und des „Piu lento“ – was eigentlich untypisch für den Formästhetiker Chopin ist – könnten das Fragment des zweiten Satzes sein. Der geht dann direkt in diesen rätselhaften Boléro über. Auch bei diesem Solostück ist klar erkennbar, dass es sich eigentlich um ein Konzertstück handelt, in dem die Wechselwirkungen zwischen Klavier und Orchester deutlich angelegt sind. Man könnte einwenden, dass die Tonart a-Moll für einen Finalsatz untypisch ist, wenn der erste Satz in Dur steht. Aber vielleicht hatte Chopin es in diesem Fall gerade darauf angelegt. Es sollte eben kein normales „Glückskonzert“ werden, sondern ein Musikstück, das die Heimkehr des Sohns der Stadt und der Nation triumphal feiert und so endet es ja auch triumphierend in A-Dur! Ich bin mir sicher, dass es sich bei dem Boléro um den Finalsatz des dritten Klavierkonzerts handelt, zumal der Boléro ja eine Art schnelle Polonaise ist, und deswegen in den Pariser Immigrantenkreisen eine Chiffre für nationalistische polnische Musik war.

Es fällt auf, dass Sie auf „Return to Warsaw“ nicht den technisch brillanten virtuosen Romantiker Chopin in den Vordergrund stellen, sondern den sensiblen Melodienerfinder. Warum dieser Rückzug auf die poetische Empfindung?
Stadtfeld: Diese Seite von Chopin liebe ich sehr. Er kann ja unheimlich komplex aufgefächert und fast verkünstelt komponieren, wobei seine Basis immer sehr klar und einfach ist. Darin besteht Chopins Genialität. In manchen Stücken betont er diese Einfachheit, die besonders schwer zu realisieren ist und viel Mut erfordert, weil man sich mit ihr angreifbar macht und leicht zur Zielscheibe für Spott werden kann. Wir können sehr dankbar sein, dass es diese Momente gibt, in denen ein Komponist fast nichts zwischen sich und die Kunst stellt und wir das Gefühl haben, direkt in seine Seele zu schauen. Das klingt vielleicht etwas pathetisch, aber so fühle ich es beim Spielen.
Aus der insgesamt eher meditativen Stimmung des Albums wird man dann durch den rasanten „Minutenwalzer“ herausgerissen …
Stadtfeld: Diesen Aspekt von Chopin wollte ich nicht ganz außer Acht lassen. Hier wird die Einfachheit ein bisschen überdreht, was das Programm etwas auflockert. Wobei mir die Idee, den Walzer einzuspielen, ganz spontan während der Aufnahmesitzung in den Sinn kam. Ich habe ihn als Kind immer für meinen Großvater gespielt.
Bei den meisten Werken des Albums handelt es sich um Bearbeitungen. Schon auf Ihrem 2016 veröffentlichen ersten Chopin-Album setzten Sie eigene Improvisationen zwischen die Etüden. Welcher Aspekt von Chopin Musik fordert Ihre Kreativität als Improvisator und Arrangeur am meisten heraus?
Stadtfeld: Darauf habe ich zwei Antworten. Erstens kann man Chopins Musik oft anhören, dass sie nicht im Kopf, sondern aus dem Probieren am Klavier entstanden ist. Dieses Probierelement – einfach mal anfangen und gucken, wo es einen hinträgt – spürt man als Pianist sofort. Wir dürfen quasi dabei sein, während dieser Prozess geschieht, obwohl das natürlich paradox ist, weil die Musik irgendwann ja trotzdem aufgeschrieben wurde. Zweitens bin ich von bestimmten Momenten in seiner Musik fasziniert. Die Melodie aus der Cellosonate ist so magisch, dass ich einfach darüber improvisieren und meditieren möchte. Und auch das herrliche Frühlings-Lied „Wiosna“, das sich immer im Kreis dreht, ruft fast danach: Dreh mich noch ein paar Runden weiter, und nimm dir alle Freiheiten! Nicht zuletzt ist der Frühling immer auch eine Chiffre für den politischen Wandel gewesen. Im Hoffen auf diesen Wandel in seiner polnischen Heimat schenkt Chopin uns mit dieser sehr einfachen Melodie einen seiner schönsten, berührendsten Momente.
Aktuelles Album:
Return to Warsaw
Werke von Chopin
Martin Stadtfeld (Klavier), Andreas Cicalese (Violine), Heidelberger Sinfoniker, Tim Jouko Herrmann (Leitung). Sony Classical




