Zum 5. Todestag: Interview Roger Willemsen

„Musik ist die wehrloseste der Künste“

Heute vor fünf Jahren starb Roger Willemsen. concerti traf den Publizisten im Jahr 2012 in Hamburg zum Gespräch.

© Anita Affentranger

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Roger Willemsen war ein Vielreisender. In seiner Veranstaltungsreihe „Unterwegs“ entführte er in vier Konzerten seine Zuhörer in musikalisch unbekannte Regionen wie die mongolische Steppe oder nach Afghanistan. Jahrelang entwickelte Willemsen verschiedenste Musikprojekte mit dem Geiger Daniel Hope, der Pianistin Olena Kushpler, der WDR Big Band und vielen anderen. Anlässlich seines fünften Todestages lesen Sie ein Interview mit dem umtriebigen Publizisten aus dem Jahr 2012.

Herr Willemsen, Sie haben weder Musik noch Musikwissenschaft studiert – woher nehmen Sie die Chuzpe, sich einfach vors Mikro zu stellen und den Leuten zu sagen: Es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen Klassik und Jazz, es gibt keinen Graben zwischen E- und U-Musik?

Roger Willemsen: Sie haben so Recht, es ist vermessen. Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen E und U. Aber ich glaube auch, dass der Jazz aus der Defensive, Unterhaltungsmusik zu sein, herausgeholt werden muss, weil er zu komplex, zu ernst ist. Es gibt Kompositionen von Gil Evans, vor denen haben Poulenc und Milhaud den Hut gezogen. Und Furtwängler hat gesagt: Duke Ellington gehört in die ernste Musik. Ich denke, es lohnt sich, zu vergleichen: Wie sieht ein Nocturne bei Oliver Nelson, bei Rameau, bei Debussy, bei McCoy Tyner aus. Rameau schreibt eine Komposition unter Verwendung von Vogelrufen. Ebenso Eric Dolphy. Und nun schaue ich: Was machen diese beiden Komponisten, die zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Zusammenhängen kommen? Aber ich möchte den Jazz nicht nur aufwerten in der Kompositionssubstanz, sondern auch anhand des ihm eingeschlossenen Leidens. Es ist in dieser Sprache so vieles unmittelbar expressiv, dass man oft sagen muss: Da bricht sich Not auf eine verwandte Weise Bahn. Ich habe das Gefühl, dass es durch diesen Ansatz gelingt, Zugänge frei zu machen auch zur Klassik. Dass Leute plötzlich sagen: Ich kann klassische Musik manchmal ein wenig unheiliger hören. Denken wir daran, wie Glenn Gould über Mozart geredet hat. Da hat man das Gefühl, man öffnet ein Fenster, und plötzlich ist Frischluft im Zimmer.

Wie stellen Sie Ihre Programme zusammen?

Willemsen: Das ist eine ewige Trüffelschwein-Arbeit. Es gibt Tage, da mache ich nichts anderes als hören – und zwar zielgerichtet. Und wenn ich was habe, dann recherchiere ich und lese viel. Eine wunderbare Arbeit. Man muss durch viel Quatsch durch. Aber man macht auch Entdeckungen.

Ist es diese Entdeckerlust, deren Ergebnisse Sie präsentieren möchten, oder geht es Ihnen auch um ein missionarisches Ziel?

Willemsen: Diese beiden Aspekte greifen eng ineinander. Mich interessiert vor allem, die Grenzen des Hörbaren zu erweitern um eine innere Plausibilität. Selbst in einem sterilen Konzertsaal – was die Philharmonie glücklicherweise nicht ist – können wir uns in ein Kloster bewegen. Sogar tibetische Mönche machen diesen Raum zu dem ihren und es springt plötzlich ein kontemplativer Funke über, der das Ganze nicht nur zu einem akustischen Erlebnis macht, sondern zu einem Ritual, zu einer Zeremonie. Das Missionarische bezieht sich darauf, eine Durchlässigkeit für das Verstehen akustisch und geographisch fremder Welten und der damit verbundenen Denkformen zu haben. Deshalb werden bei den Programmen im Kammermusiksaal der Philharmonie auch Texte aus dem jeweiligen Land einbezogen. Und es ist gut, dass es einen Gastgeber gibt – ich nenne das selbst nicht so gerne „moderieren“ – der versucht, dies zu vermitteln. Plötzlich ergibt sich dann ein kompletteres Bild von dem, was einen Kulturraum ausmacht. Ich muss diesen nicht primär mögen, sondern vor allem sagen: Ich bin aufnahmefähig. Das ist das Wichtigste.

Braucht der Klassikbetrieb die Erneuerung durch solche Programme?

Willemsen: Mir ist schon klar, dass wir die Leute damit überraschen und ihnen viel abfordern. Wenn ich ankündige, dass sie sich einem Abend aussetzen, der sie in Regionen bringt, in denen sie möglicherweise akustisch noch nicht beheimatet sind, dann lächeln einige, weil sie wissen, was da kommt. Nehmen Sie nur die Musik der Tibeter, die keine Ästhetik des Schönen, des Wohlklangs hat, sondern ein Weg zu einem Zustand ist und deshalb auch keine Meisterschaft kennt. Diese Musik kennt nur die Beherrschung der Instrumente, also einen technischen, praktischen Begriff von Gelingen. Das ist etwas grundsätzlich anderes als die hoch entwickelte Ausdruckshaftigkeit der Interpretation bei Murray Perahia, bei welcher der letzte Gourmet dieser Musik sagen kann, das ist das Wahre. Das kann ich bei einem Tuba blasenden tibetischen Mönch nicht. Deswegen muss ich auch andere Wege des Verstehens gehen. Das hilft.

Sie haben mal übers Fernsehen gesagt: „Ein Medium, das versucht, die Massen hinter sich zu bringen, muss die Menschen unterfordern.“ Gilt das für die Kultur generell? Sind Klassik und Jazz dazu verdammt, kein großes Publikum zu erreichen?

Willemsen: Ich fürchte ja. Die avancierteste Platte des Jazz, Coltranes „A Love Supreme“, verkaufte 150.000 Exemplare, heute würde sie weltweit 1.000 Stück verkaufen. Daran sieht man, welche Kommerzialisierung die Musik durchgemacht hat. Was massentauglich sein soll, beruht auf bestimmten harmonischen Verhältnissen. Und die werden bei DSDS zu Tode geritten, das ist Musik der größtmöglichen Vorhersehbarkeit. Die befriedet Menschen, weil sie sie nicht beunruhigt in irgendeiner Form. Die öffentliche Musik ist so weit von einem bestimmten Harmonieverständnis geprägt, dass schon Strawinsky zu den unhörbaren Komponisten zählt. Es ist ein kulturelles Phänomen, dass wir alle Künste bis in die Gegenwart hinein verfolgen können, vielleicht hört es in der Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg auf, doch selbst da sind die großen Ausstellungen voll. Aber die Leute hören sich keinen Akkord der neuen Musik an. Die Musik ist das am stärksten gestrafte Medium in der Hinsicht.

Woran liegt das?

Willemsen: Musik ist die wehrloseste der Künste, weil sie in jeder Bedudelungsform existiert. Sie wird heute weitgehend als Konsumanreiz eingesetzt, als Geschmacksverstärker, sie ist in unsäglichster Form dem Film unterlegt, es gibt keine Doku-Soap mehr, die nicht in breitester Musiksoße ertrinkt. Ich glaube, dass wir immer konventioneller werden im Hören. Die Rundfunkstationen haben festgestellt, dass die langsamen Sätze besser ankommen als die schnellen, also wird der Hörfunk immer langsamer. Das Repertoire wird immer kleiner, weil die Leute das hören wollen, was sie kennen. Aber man kann gegenhalten: Ich habe in einer Radiosendung mal ein Wiegenlied von Brahms mit einer Klavierimprovisation einer äthiopischen Nonne gekoppelt, die Verwandtschaft zwischen beiden Stücken war evident. Am nächsten Tag ruft mich der Redakteur an und sagt: Wir haben in fünf Jahren nicht so viele Nachfragen gehabt wie nach diesem Stück. Aber wenn ich dem vorher gesagt hätte, morgen spiele ich das Lied einer äthiopischen Nonne, hätte ich anderswo einen Anruf vom Programmdirektor bekommen: Sie können sich einen neuen Sender suchen.

Welche musikalische Vorbildung haben Sie?

Willemsen: Ich hatte einen Musiklehrer, der auch Philosophie unterrichtete und der mit mir, einigen Freunden und Berufsmusikern ein Ensemble für Gegenwartsmusik gegründet hat. Da haben wir nach graphischen Partituren gearbeitet, Ligeti, Cage, Zender gehört und durchgearbeitet. Das fing an mit der größten Erschütterung, die ich mit moderner Musik je erlebt habe: Bergs „Wozzeck“. Das hat mir den Kopf weggeblasen, ich konnte nicht genug kriegen von dieser Musik. Wir durften sogar einmal mit Friedrich Gulda auftreten. Weil ich im Alter von 18, 19 Jahren eine Komposition schrieb nach Joyces „Finnegan‘s Wake“, für zwei Frauenstimmen, Cembalo, Naturgeräusche, Klavier und Vibraphon, das ich selber spielte. Hochentwickelter Dilettantismus – aber ich kriegte dafür einen Preis, unter anderem eine öffentliche Aufführung in Bonn und einen Abend mit Gulda. Meine Eltern spielten Klavier, meine Schwester ist Berufsmusikerin geworden, ich bin mit Musikerziehung aufgewachsen – und habe mich immer lesend dagegen durchsetzen müssen. Ich habe nie ein Instrument gespielt, ich bin Dilettant. Was ich aber glaube und hoffe zu haben ist ein Sensorium dafür, was bestimmte Musik macht, und ich kann sie ganz gut vermitteln, glaube ich.

Was macht Musik mit Ihnen?

Willemsen: Sie verwandelt mich in jede Richtung. Musik kann eine Objektivierung von inneren Situationen sein, es gibt Stücke, von denen man sagt: Genau das ist es! Bill Evans‘ „Peace Piece“ – das ist Religion, das höre ich nur drei Mal im Jahr, weil es nie plattgehört werden darf. Es gibt Stücke, die hört man und ist erleichtert, dass es das gibt.

Läuft bei Ihnen Musik im Hintergrund?

Willemsen: Ich höre eher zu. Aber wenn ich so halbbewusste Arbeit mache, da kann ich Musik gut hören. Und dann ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich plötzlich aufmerksam werde. Lévi-Strauss hat immer Musik gehört beim Schreiben, das ist für mich undenkbar.

Sind Sie trotz allem ein optimistischer Mensch, was die Entwicklung der Kultur angeht?

Willemsen: Nein. Es ist immer so unangenehm, Kulturpessimist zu sein, aber ich bin es natürlich. Im Vergleich zu den kulturellen Ansprüchen sagen wir der 20er Jahre sind wir der Barbarei schon sehr nahe. Es wäre so schön, wenn man nicht Kulturpessimist sein müsste. Ich hielt vor Jahren einen Vortrag bei Bertelsmann, da war auch ein Programmmacher aus Amerika da und es gab einen Empfang bei Middelhoff im Garten. Middelhoff sagte zu dem Amerikaner in meiner Gegenwart: Did you listen to his speech? Dieser Mr. Jones oder wie er hieß sagte: No, what was it about? Middelhoff summarisch: Content. Da wandte sich Mr. Jones an mich und fragte: And? Are you for or against? Ich sagte: I’m for. Und er sagte: Oh, shame on you. Alles lachte. Das war wahrhaftig. Machst du uns immer noch Probleme mit Inhalten?! Dann hast du nicht begriffen, dass es in einem Massenmedium ausschließlich um Erfolg geht. Ausschließlich. Bei Antisemitismus und Kinderpornographie machen wir Ausnahmen, alles andere ist Quote. Wenn ich Kultur so betrachte, muss ich zu Gottfried Benn zurück und sagen: „Penthesilea“ wäre nie geschrieben worden, wenn vorher darüber abgestimmt worden wäre. Und da unsere Kultur eine Kultur der Abstimmung ist, sitzen wir hier für Medien, über die sich der Daumen senkt. Sie haben Ihre Leser, ich habe mein Publikum, wir haben unsere – ich werde das hässliche N-Wort nicht sagen, aber darauf redet man sich heraus, die gibt es ja noch. Mein Herz schlägt für Minderheiten, also schlägt es im Zweifelsfalle auch für Minderheitenmusik.

Würden Sie sich selbst als Kulturbotschafter beschreiben?

Willemsen: (lacht) Wenn andere es täten, würde ich nicht schimpfen. Aber ich würde mich selber nicht so beschreiben…

Wie würden Sie sich denn selbst beschreiben?

Willemsen: Schwadroneur. Ansager. (lacht). Enthusiast viel eher. Ich kann Leute am ehesten noch durch Enthusiasmus anstecken. Das Magma in allem ist Begeisterung! Das nehme ich nicht als Privileg von mir in Anspruch, ich habe auch kein Verdienst daran, dass ich begeistert bin von dem, was ich Gott sei Dank machen kann. Aber ich möchte nicht ohne Begeisterung auf die Bühne gehen!

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