Opern-Kritik: Birigt Nilsson Museum – Festkonzert

Senta auf der Kuhweide

(Svenstad, 13.8.2022) Die legendäre Hochdramatische Birgit Nilsson war tief verwurzelt in ihrer südschwedischen Heimat der Halbinsel Bjäre. Die ihr gewidmeten Festtage auf der Farm ihrer Vorfahren machen ihren Geist lebendig.

© Ulf Stjernbo

Stipendiatin der Birgit Nilsson-Tage: die schwedische Sopranistin Cornelia Beskow

Stipendiatin der Birgit Nilsson-Tage: die schwedische Sopranistin Cornelia Beskow

An diesem sehr besonderen Abend in der südschwedischen Heimat von Birgit Nilsson wird viel gelacht, obwohl doch nur Operntragisches aus der Feder von Verdi, Wagner und von Weber auf dem Programm des Festkonzerts steht. Natürlich wissen die Einheimischen, von denen fast 2000 Menschen auf den großen Parkplatz gleich neben den Ländereien von Birgits Großvater und Vater gekommen sind, wie man sich in Operndingen zu benehmen hat. Doch Conferencier Mark Levengood steuert vor den vier Programmblöcken derart viele Anekdoten aus dem Leben der legendären Hochdramatischen bei, dass La Nilsson in ihrem einzigartigen wie entwaffnenden (und sehr gern auch mal selbstironischen) Humor wunderbar gegenwärtig wirkte.

© Ulf Stjernbo

Führte mit einer Fülle an Anekdoten durch den Abend: Conferencier Mark Levengood

Führte mit einer Fülle an Anekdoten durch den Abend: Conferencier Mark Levengood

Brünnhildes Bodenhaftung

Hier auf der Heile-Welt-Halbinsel Bjäre wurde die spätere Wagner-Heroine geboren, hier wuchs sie auf, hier war sie verwurzelt. Von hier aus startete sie eine der größten und längsten Karrieren im schweren Wagner- und Straussfach, und hierher kehrte sie allzu gern zurück, fühlte sich den einfachen Menschen auf dem Lande verbunden, blieb ja auch eine von ihnen, wurde vom Glamour der Metropolitan Opera und der hymnischen Verehrung bei den Bayreuther Festspielen nie deformiert. In Opernkreisen schwärmt man ehrfürchtig von La Nilsson, hier zu Hause ist und bleibt sie einfach die Birgit, die als Bauernmädchen zur Brünnhilde wurde und die Welt der Oper eroberte. So geht Bodenhaftung.

Birgits Backbuch

Diesen in ihrer Persönlichkeit so ideal aufgelösten Widerspruch aus Weltkarriere und Erdung atmet auch das ihr zugeeignete Museum, das ihr im Originalzustand erhaltenes Elternhaus ebenso enthält wie zwei umgewidmete Stallungen, die als Ausstellungsraum und Kaffeehaus dienen – in letzterem ist die wahlweise mit Diva- oder aber „Aida“-Torte bezeichnete, tiefschokoladige wie koloriensatte Spezialität aus Birgits Backbuch zu genießen. Einmal jährlich aber stemmt das Birgit Nilsson-Museum die Birgit Nilsson-Tage, die immer Mitte August, somit stets zum Ende der schwedischen Sommerferien in diesem Urlaubsidyll, all die segensreichen Aktivitäten bündelt, mit denen nach dem letzten Willen der 2005 verstorbenen Künstlerin die Zukunft des Gesangs, der Oper, der klassischen Musik mitgebaut werden soll. Da stellen sich in einem Abschlusskonzert die Teilnehmer einer Masterclass dem Publikum vor, die eine Woche mit einer großen Sängerpersönlichkeit – in diesem Jahr mit der Sopranistin Hillevi Martinpelto – gearbeitet haben. Da gibt der mit einem Jahresstipendium ausgezeichnete Nachwuchsstar ein Lied- und Opernrezital – diesmal die jugendlich-dramatische Wagner-Wunschmaid Cornelia Beskow. Und im Festkonzert auf einer eigens eingerichteten gigantischen Open-Air-Bühne geben zum Abschluss noch weiter gereifte ehemalige Stipendiaten und prominente Gäste eine Gala. In diesem Jahr nun mit einem Programm von Querschnitten aus vier Opern, mit denen Birgit Nilsson einst selbst als junge Sängerin in Stockholm debütierte. Das waren allerdings keineswegs normale Einsteigerrollen, sondern sogleich Schwergewichte des 19. Jahrhunderts. Nilsson sang zunächst im Oktober 1946 die Agathe in „Der Freischütz“, in den Folgejahren die Lady Macbeth in „Macbeth“, die Amelia in „Un Ballo in Maschera“ sowie die Senta in „Der fliegende Holländer“.

© Ulf Stjernbo

Lied- und Opernrezital mit Sopranistin Cornelia Beskow bei den Birgit Nilsson-Tagen

Lied- und Opernrezital mit Sopranistin Cornelia Beskow bei den Birgit Nilsson-Tagen

Die nordische Schule des Gesangs

Spannend zu verfolgen war nun im Festkonzert, ob die durch La Nilsson und ihre früheren und heutigen Kolleginnen wie Flagstad, Nilssons Jahrgangsgenossin Varnay, Stemme oder Davidsen verkörperte nordische Schule der dunkel und warm schillernden dramatischen Stimmen auch hier eine Fortsetzung erkennen ließ. Immerhin zwei der vier dramatischen Sopranistinnen des Konzerts sind Schwedinnen. Elisabeth Strid, derzeit neben Lise Davidsen wohl die führende Rollenvertreterin der Sieglinde, hat in der Tat Nilssonsche Qualitäten. Ihre gleich neben der Kuhweide gesungene Senta hat jubelnden Aplomb und schwärmerische Aufschwünge, dabei aber auch mädchenhaft anrührende Momente, vor allem aber demonstriert Strid in der Ballade eine Natürlichkeit des Ausdrucks, durch die ihr Gesang direkt zu Herzen geht. Christina Nilsson als Agathe zeigt mit Agathes „Leise, leise, fromme Weise“, dass sie trotz der Nachnamensgleichheit keine Nachfahrin Birgits ist – und dennoch zu Recht eine große Karriere macht. Bei ihr kommt die dramatische Expansion ganz aus dem Lyrischen, sie spielt technisch virtuos versiert mit ihrer perfekt gebauten Stimme, ihr primärer Einsatz der Kopftstimmenresonanzen macht ihren Sopran aber deutlich heller und damit weniger nordisch schattiert als jenen ihrer Kollegin.

© Ulf Stjernbo

Tenor Jonathan Tetelman gemeinsam mit Joyce El-Khoury und dem Helsingborgs Symfoniorkester unter Leitung von Evan Rogister

Tenor Jonathan Tetelman gemeinsam mit Joyce El-Khoury und dem Helsingborgs Symfoniorkester unter Leitung von Evan Rogister

Die nächste Generation

Hochdramatisch im klassischen Sinne ist dafür die Ukrainerin Oksana Kramareva, die als Lady Macbeth in „Vieni! Affretta!“ auf den triumphalen Furor und die wilde Wucht ihres Soprans baut. Die in Beirut geborene Joyce El-Khoury wiederum erobert sich die Amelia gleichsam von oben: mit der Honighöhe ihres schönen Soprans, der noch keine Spinto-Schärfe, dafür feinen cremigen Charme kennt. Bei den Herren der Schöpfung haben an diesem Abend die Nicht-Schweden die Nase vorn. Ein Bass wie aus dem Bilderbuch ist der Ukrainer Taras Shtonda. Als Verdis Banco in „Macbeth“ muss er nicht brüllen, stattdessen gestaltet er differenziert, nimmt seine imposante Stimme zurück. Als Wagners Daland wägt er nicht nur perfekt die Worte und erinnert mit komödiantischem Geschick an die Singspieltradition seiner Figur, er verströmt ganz locker die ganze Macht eines echten (und selten gewordenen) Basso profondo. Und noch eine echte Entdeckung beschert uns diese Gala in Erinnerung an La Nilsson: Jonathan Tetelman. Wie Nilsson einst selbst dem damals jungen Domingo in Puccinis „Turandot“ die Kunst der hohen Trompetentöne nahezubringen suchte, so steht nun hier ein hoffnungsvoller Vertreter des italienischen Fachs als hormongesteuerter Gustav III. auf der Bühne. Der in Chile geborene, in den USA aufgewachsene Latin Lover-Typ hat das schmachtende Schmelzen in der Stimme, die stolze Attacke in der Höhe, die mit genauem Textverständnis aufgeladene Phrasierungsfreude – und jenes Quäntchen Propotenz, die einst zu den Helden Puccinis und Verdis dazugehörte, jetzt aber immer mehr hinterfragt wird. Es wird aufregend sein zu verfolgen, wie diese Hochbegabung – mit einem frischen Vertrag der Deutschen Grammophon in der Tasche – sich entwickeln wird.

© Ulf Stjernbo

Sopran ohne Spinto-Schärfe: Joyce El-Khoury

Sopran ohne Spinto-Schärfe: Joyce El-Khoury

Familientreffen

Doch das Konzert ist eben so viel mehr als ein Gipfeltreffen großer Stimmen. Maestro Evan Rogister sorgt mit dem Helsingborgs Symfoniorkester für süffigen Sog und theatralische Dichte und schließt mit dem Chorkollektiv aus lokalen Sängern einen Kreis, der das Konzert am authentischen Ort gleichsam zu einem Familientreffen macht: Aus der Tradition der hiesigen Kirchenchöre ging Birgit Nilsson einst hervor, ihr erstes Stimmtraining erhielt sie in der Nachbargemeinde von Båstad, hier wurde sie entdeckt. Und hier spürt man bis heute den Geist des Gesangs als natürliche Kommunikationsform. In die Statuten ihrer Stiftungsarbeit hat Nilsson denn auch nicht zufällig die Auflage aufgenommen, dass die von ihr geförderten Stipendiaten sich auch mit Interpretation eines schwedischen Volkslied auszeichnen müssen.

Birgit Nilsson Museum
von Weber / Wagner / Verdi: Festkonzert

Evan Rogister (Leitung), Joyce El-Khoury, Elisabet Strid, Christina Nilsson, Oksana Kramareva, Alexandra Büchel, Jonathan Tetelman, Fredrik Zetterström, Taras Shtonda, Mark Levengood, Helsingborgs Symfoniorkester, Chor lokaler Sänger

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