Was ist das ideale Abschiedsstück für eine echte Ensemblesäule? Als solche agiert Undine Dreißig am Theater Magdeburg seit 37 Jahren, also seit dem Mauerfall 1989 bis jetzt. Eine der ganz wenigen Sängerinnen, die nach dem Studium und ersten Auszeichnungen am Ort ihres ersten und einzigen Engagements blieb – bis zum Ende einer langen, stabilen und kontinuierlichen Karriere. Chancen zum Aufbruch an die großen Häuser hätte es für Undine Dreißig immer wieder gegeben – zum Beispiel, als sich 2006 alle Augen auf die überregional gefeierte „Königin von Saba“ in der Oper von Karl Goldmark richteten. Aber Undine Dreißig musste in der Domstadt Magdeburg nichts vermissen und erhielt dort die meisten Partien genau dann, wenn der Entwicklungsstand dafür richtig war und ihr das eigene künstlerische Gewissen zuredete: Viel Mozart, fast alle großen Wagner– und Verdi-Partien, französisches von Charlotte bis Dalila und unerwartbare Vorstöße in die Sopranlage wie als Gounods Marguerite. Diesen Enthusiasmus hat sie gemeinsam mit ihrer Sopran-Kollegin Romelia Lichtenstein, die fast zeitgleich das Ende ihrer langjährigen Zugehörigkeit an den Bühnen Halle mit der Titelpartie in Händels „Agrippina“ zelebriert.

Grandiose Herausforderung zum Karriere-Finale
Undine Dreißig hatte sich zum Abschied ausdrücklich etwas ganz Besonderes gewünscht. Mit Christian Poewe, der in Magdeburg vor fast 20 Jahren als Schauspieler in die Musiktheater-Regie wechselte, erarbeitete sie nach langsamen Herantastungen an szenische Liederabende Arnold Schönbergs hybrides Skandal-Melodram „Pierrot lunaire“. Noch 114 Jahre nach seiner Uraufführung 1912 in Berlin hat dieses nichts von seiner heute eher charismatischen als verstörenden Modernität verloren. Allermeistens sind die Lieder über die traurige Figur des unglücklichen, traurigen, enttäuschten und sensiblen Pierrot in Konzerten Frauen- statt Männersache: Ein vieldeutig schillerndes Rätselstück zwischen Identifikation und poetischen Auflösungen des Außen- und Innenblicks. Die Performerin Albertine Zehme, die Schönberg mit der Vertonung aus dem Gedichtzyklus von Albert Giraud in der Übersetzung von Otto Erich Hartleben beauftragte, wünschte sich ein Opus mit annähernden, aber nicht fixierten Tonhöhen, möglichst vielen Rezitationsmöglichkeiten und legitimen künstlerischen Wirkungsmöglichkeiten im vagen Zwischenraum von Gesang und Deklamation, am besten gleichzeitig. Schönberg vertonte 21 der 50 Gedichte aus Girauds „Pierrot lunaire“, weitere sechs sprach Dreißig nun als Protagonistin in Aufnahmen zwischen den Gesängen.

Professionell… Privat…
Was für eine kluge, intelligente und vielleicht auch selbsttherapierende Entscheidung! Denn bei Schönbergs Offenbarungsstück gibt es allenfalls subjektive Vergleichsmöglichkeiten, aber keine objektiven Qualitätsparameter. Eine wunderbare One-Woman-Show ist das in der intimen Kammer 2 des Schauspielhauses, bei der das Instrumentalensemble mit Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Cello), Karine Gilanyan (Klavier) und dem musikalischen Leiter Jovan Mitic-Varutti hinter einem schwarzem Vorhang sitzt.
Alle Vereinbarungen zwischen dem sensibel helfenden Regisseur Christian Poewe und Dreißig folgen drei Maximen. So professionell wie nötig, so privat wie möglich und deshalb mit höchster persönlicher Ehrlichkeit. Das wichtigste an der Ausstattung von Janik Müller ist der taubenblaue Teppichboden. In seiner musikalischen Bestandsaufnahme summierte Schönberg kompositorische Muster der Vergangenheit, presste sie in einer enzyklopädischen Verdichtung zusammen und machte „Pierrot lunaire“ damit zu einem Schlüsselwerk der gerade begonnenen Moderne.
Das nützt Dreißig zur professionell-privaten Dehnung eines der intimsten Momente, den es neben dem Herantasten an sensitive Punkte in den Proben für eine neue Partie gibt: Das allmähliche Hineingleiten vom Gedanken an die nächste Vorstellung bis zur Verwandlung in die Figur zum Auftritt. Mit allen offiziellen und individuellen Ritualen, welche sie in den letzten 40 Jahren mehrere tausend Male ausführte.

Spiegel und Selbstbespiegelung
Einerseits spielt die Sängerin virtuos sich selbst und andererseits mit den Erwartungen des Publikums. Dreißig zeigt sich in diesem performativen Spagat in entwaffnender Authentizität und künstlerischer Ehrlichkeit. Wobei da zwischen einer bescheidenen Dienerin der Kunst und einer virtuosen Aktrice, die sich hinter der glaubwürdigen Herzlichkeit dennoch aller Mittel sicher ist, nicht unterschieden werden soll. Zu Beginn lächelt sie über die Grußkarten am Schminkspiegel. Wenn sie mit dem letzten Lied zum Hinterausgang will, ist in der Tasche gerade ausreichend Platz für die wichtigsten Utensilien: Blumenstrauß, Schminkzeug, der Lieblingsschampus (heute wäre das ein fast frivoles und wie an allen anderen Arbeitsplätzen verbotenes Animationsmittel) als kleiner Kick zur Bestleistung.
In einer ganz großen Szene erlaubt sich Dreißig, aus der Schattenhaftigkeit Schönbergs herauszutreten. Da setzt sie ein Lachweinen wie in der ganz großen Oper ein und da zeigt sie, wie eine starke Sängerin sich in Emotionen suhlen und baden kann und dann eine Blitzsekunde später wieder neben diesem dargestellten Gefühlsexzess steht. Das Podium verlässt sie lächelnd und summend, mit unzweifelhafter Heiterkeit. Das ist der einzige Moment der 70 Minuten, an dem Zweifel angebracht sind. Lässt frau eine Arbeits- und Kunststätte, an der sie so viele Erfolge feierte und deren künstlerisches Gesicht sie entscheidend mitprägte, derart gelassen und fast gleichgültig hinter sich? Dass sich diese Frage am Ende stellt, macht diese Abschiedssoirée erst recht außergewöhnlich. In der Premiere saß – so muss es sein – viel Magdeburger Publikum, für das Dreißig zu einer Identifikationsfigur geworden war. Und Undine Dreißig sagt zum Abschied nicht leise „Servus“, sondern „Schönberg“. Das ist ein starkes künstlerisches Statement.
Theater Magdeburg
Schönberg: Pierrot lunaire
Undine Dreißig (Gesang), Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Violoncello), Karine Gilanyan (Klavier), Jovan Mitic-Varutti (Leitung), Christian Poewe (Regie), Janik Müller (Bühne & Kostüme), Ulrike Schröder (Dramaturgie)
So., 19. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Schönberg: Pierrot lunaire
Undine Dreißig (Gesang), Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Violoncello), Karine Gilanyan (Klavier), Jovan Mitic-Varutti (Leitung), Christian Poewe (Regie)




