Pianistin Gabriela Montero im Porträt

Das Publikum aus seiner passiven Rolle herausreißen

Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero hat eine alte Kunstform wiederbelebt und zeigt, wie lebendig klassische Musik ist

Gabriela Montero © Shelley Mosman

Gabriela Montero

„Ich bin so geboren. In meinem Fall war’s so, dass ich das nicht gelernt habe, ich habe es nicht studiert.“ Jemand im Saal singt eine Melodie vor. Danach lässt die Frau am Klavier, passend dazu, ihrer Fantasie und ihren Fingern freien Lauf. Bei Gabriela Montero ist vieles anders. Die üblichen Konzertabläufe hat sie verändert. Keine fromme Andacht, keine steife Stille. Das Publikum soll mitmachen. Soll singen, Themen vorschlagen – egal ob Volkslied, Opernarie oder Nationalhymne. Montero übernimmt die Melodie und beginnt darüber zu fantasieren.

Für ihre Spontaneität ist Gabriela Montero berühmt

Die Improvisation wurde zu ihrem Markenzeichen, ihre Spontaneität hat sie berühmt gemacht. „Ich sauge die vorgegebenen Themen in mich auf – und das ist das Einzige, woran ich denke“, gesteht sie. „Dann beginnt das Thema in der Improvisation zu leben. Es passiert viel aus sich selbst. In meinen Gedanken ist nichts als dieses Thema.“ Montero lebt von der permanenten Metamorphose. Mal barockisiert sie ein Thema, mal lässt sie es swingen, mal kleidet sie es in ein romantisches Gewand. Montero hat eine alte Kunstform wiederbelebt. Beethoven galt als glänzender Improvisator am Klavier, Anton Bruckners Improvisationen an der Orgel haben einen legendären Ruf. Doch im heutigen Konzertwesen spielt – abseits des Jazz – diese Form keine Rolle mehr. Dabei kann die Improvisation Brücken schlagen.

Montero weiß um diese Funktion: „Klassische Musik, so wie sie sich darstellt, ist oft sehr intellektuell. Daher glauben manche Menschen, sie sei schwer zu verstehen. Dabei ist es sehr emotionale Musik. Die Improvisation hilft, diese Mauer zum Einstürzen zu bringen, das Publikum näher heranzubringen und die emotionale Seite dieser Musik besser zu verstehen.“ Zu ihren Improvisationen ermutigt wurde Gabriela Montero einst von Martha Argerich. Die Ältere aus Argentinien wurde zur Mentorin für die Jüngere aus Venezuela. Allerdings droht gern vergessen zu werden, dass Gabriela Montero nicht nur improvisiert, sondern auch als „normale“ Interpretin im Kernrepertoire zuhause ist – der Fluch der guten Tat? Zuletzt machte sie sogar als Komponistin auf sich aufmerksam. Ex patria wurde zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Herkunftsland.

Lust am Komponieren:

Termine

Freitag, 12.04.2019 20:00 Uhr Komische Oper

Michael Stodd, Gabriela Montero, Orchester der Komischen Oper Berlin, José Luis Gomez

Schostakowitsch: Das goldene Zeitalter op. 22 a & Konzert für Klavier, Trompete und Orchester c-Moll op. 35, Mozart: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 14 Es-Dur KV 449 & Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550

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