Interview Emmanuel Pahud

„Dem König hört man anders zu“

Der Flötist Emmanuel Pahud über den Komponisten und Flötisten Friedrich II.

© Josef Fischnaller

Emmanuel Pahud

Emmanuel Pahud

Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag Friedrichs des Großen, der nicht nur preußischer König, sondern auch Flötist und Komponist war. Für Emmanuel Pahud ist dies ein willkommener Anlass zu einer Hommage an den König und seine Musik. Der gebürtige Genfer ist seit 1992 Solo-Flötist der Berliner Philharmoniker – und auch als Solist und Kammermusiker einer der erfolgreichsten Flötisten. Den königlichen Geburtstag begeht Pahud mit der Kammerakademie Potsdam und Trevor Pinnock in der Kölner Philharmonie. Am 19. Januar wird er seine neue CD „FlötenKönig“ auf einem von EMI Classics und concerti gemeinsam präsentierten Abend im Kulturkaufhaus Dussmann vorstellen. Am 22. Januar zeigt arte um 18:30 Uhr die Aufzeichnung seines Konzerts aus Schloss Sanssouci.

Herr Pahud, hört man Friedrichs Musik an, dass ein König sie komponiert hat?

Wenn ich mich mit einem Stück auseinandersetze, versuche ich den Schlüssel für die Sprache des Komponisten zu finden. Ein musikalischer Satz entspricht einem Satz aus Wörtern, das ist nicht nur eine Reihung von Klängen, sondern bedeutet etwas – man kann es allerdings auf verschiedene Arten interpretieren. Aber alle Methoden, um das Geheimnis des Textes zu knacken, um das richtige Tempo, die richtigen Phrasierungen zu finden, haben bei Friedrich nicht funktioniert, da musste man anders rangehen. Wir haben da eine spannende Reise hinter uns, die Kammerakademie Potsdam, Trevor Pinnock und ich. Wir spielen Friedrich heute ganz anders als am Anfang. Man braucht eine gewisse autoritäre Tongebung, der Puls kommt nie zu früh. Friedrichs Musik ist luftig in der Flötenstimme, aber sie steht im Fundament, sie hat „Anstand“. Man muss hinter dem Schlag spielen, was man eher vom Jazz her kennt. Der König ist nie gehetzt, sondern immer überlegen. Seine Schwester Anna Amalie schreibt sehr charmant und viel spontaner. Und bei Benda ist vieles geradezu rasant und furios. Bei Friedrich ist alles majestätisch. Dem König hört man anders zu.

Die Musik zeigt den König und Kriegsherrn Friedrich also nicht von einer ganz anderen Seite?

Er ist dieselbe Person mit derselben Funk­tion. Allerdings war seine ganze Kindheit ja durch ein äußerst schwieriges Verhältnis zu seinem Vater geprägt. Er konnte sich als Mensch nicht frei entwickeln. Ich glaube, die Musik war der Ausweg, darin konnte er sich ausdrücken, gerade in den langsamen Sätzen – in seinen eigenen und in denen, die die Komponisten für ihn geschrieben haben. Die funktionieren alle nach dem gleichen Schema. Er hat wohl imponiert durch sein Ausdrucksvermögen in den langsamen Sätzen. Wenn man sieht, wieviel Zeit er sich lässt, diese schrägen Akkorde aufzulösen – das ist nicht nur Stimmung, da drückt sich jemand wirklich aus, das ist wirklich ich-bezogen, und das ist etwas Neues in der Musik. Friedrich hat ja in einer Zeit gelebt, in der die Welt sich grundlegend verändert hat – auch in der Musik. Zum ersten Mal spielt man mit Affekten, Emotionen, eine Kadenz zum Beispiel ist nicht mehr nur eine Form, sondern sie dient dazu, den menschlichen Geist zum Ausdruck zu bringen. Es gab viele revolutionäre Bewegungen in dieser Zeit, und Friedrich war der Katalysator.

War Friedrich ein virtuoser Flötist?

Diese Musik erfordert eine andere Art der Virtuosität. Man muss den Klang sehr gleichmäßig kontrollieren durch die verschiedenen Oktaven. Nicht, dass ich das sonst nicht könnte – aber wir sind es gewohnt, sehr schnell oder sehr langsam zu spielen, die Komponisten schreiben normalerweise im „Extrembereich“. Friedrich hat die Flöte wahrscheinlich sehr gut beherrscht. Da den richtigen Ton zu treffen, ist das Schwierige. Um diese „Grandeur“, dieses Pompöse und Zeitlose zu erreichen, muss ich anders atmen und die Flöte anders halten. Wenn man auf den alten Bildern sieht, wie Friedrich da steht, mit einem Bein nach hinten, dem anderen nach vorn – so spielt man seine Musik viel leichter, das ist die Haltung, die den König auszeichnet.

Das klingt, als wären sich alle Werke ähnlich.

Nein, man erkennt deutlich die Personalstile von Quantz und von Franz Benda, von Carl Philipp Emanuel Bach, Agricola oder Anna Amalie. Und es ist ja auch unsere Aufgabe, diese Unterschiede herauszuarbeiten.

Kann Friedrich denn als Komponist mit Quantz oder Benda mithalten?

Carl Philipp Emanuel Bach und Benda wollen die Welt aufrütteln, sie wollen Neues schreiben, sie stürmen und drängen, das merkt man sofort. Quantz dagegen ist die Referenz, die Vaterfigur für den jungen Friedrich. Er war auch der einzige, der Friedrich bei seinen Kompositionen beraten durfte. Auch von der Orchestrierung und der Stimmführung her geht Friedrich in die Richtung von Quantz – in den Konzerten. In der Sonate h-Moll gibt es dagegen ganz witzige andere Effekte wie zum Beispiel Tonwiederholungen, eine Spielweise, die von der Artikulation damals sehr schwierig gewesen sein muss und die man nur bei Friedrich und keinem anderen Komponisten findet.

War Friedrich also innovativer als Quantz?

Das kann man so nicht sagen. Friedrich hat sich sicherlich kompositorisch und flötistisch von Quantz beeinflussen lassen. Aber er benutzt einfach Dinge, die kein anderer in dem Maße benutzt hat. Man darf auch nicht vergessen, dass Quantz einer anderen Generation angehörte, er kam aus einer anderen Welt. Joachim Quantz war ja der große Virtuose seiner Zeit, der dadurch, dass er von Friedrich als Lehrer ausgesucht wurde, die Wende zum großen Pädagogen geschafft hat. Sein Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen ist noch heute die Bibel für uns Musiker, nicht nur für Flötisten: Man lernt viel über die Verzierungsarten und die Artikulation jener Zeit, so etwas hatte es zuvor nicht gegeben.

Trauen Sie Friedrich zu, dass der das Thema zum Musikalischen Opfer selbst entwickelt hat, mit dem er Johann Sebastian Bach gefoppt hat?

Ich glaube, das war eine Konspiration Friedrichs mitsamt seinen Hofkomponisten, eine Vorlage zu liefern, die nicht fugenfähig ist, um den alten Bach in seiner Rhetorik und seiner „alten“ Weltordnung reinzulegen. Das war einfach ein Spaß, man hat sich mit solchen Dingen amüsiert.

Wäre eine Gesamteinspielung der 121 Flötensonaten und vier Flötenkonzerte Friedrichs sinnvoll?

Das wäre lobenswert. Aber man müsste sich viel Zeit nehmen, ich bin da zu aktiv als Spieler und kein Forscher. Man müsste in die Bibliotheken gehen, Friedrichs Werke sind längst nicht alle ediert und zugänglich, einiges ist erst vor ein paar Jahren aus Kiew zurückgekommen.

Kann man Friedrichs Musik überhaupt adäquat auf einer modernen Flöte spielen?

Mit der Weiterentwicklung der Flöte hat man viel gewonnen, man kann die Intonation viel besser kontrollieren, in der Tiefe kraftvoller spielen, auch in der Höhe… aber die originale Farbpalette einer Traversflöte ist immer noch verfügbar. Spezialisten wie Konrad Hünteler oder Barthold Kuijken haben mir mal gesagt, sie hören in meinen Telemann-, Bach- und Vivaldi-Einspielungen, dass ich die moderne Stimmung benutze, aber nicht, ob ich ein Metall- oder ein Holzinstrument spiele. Die Farbpalette der alten Flöte ist in der modernen enthalten. Aber sie reagiert anders, und deshalb muss man sich intensiv mit der alten Artikulation beschäftigen. Ich spiele ja mit Fachleuten wie Trevor Pinnock und Andreas Staier zusammen, und von denen habe ich viel gelernt. Aber ich habe seit 1989 nie mein Instrument gewechselt – egal, welche Musik ich spiele.

Kann ein guter Laie die Werke von Friedrich spielen?

Einige Sätze ja, andere sind sehr schwer. Es wirkt nicht so virtuos und schnell und effektvoll. Aber es gibt Sprünge, die Friedrich wohl sehr gut beherrscht hat und die nicht einfach sind. Wenn man das gut machen will und an diesen Stellen nicht zu viel Tempo verlieren will, muss man sein Instrument schon sehr gut beherrschen.

Er war also nicht der König, der nebenbei Musik gemacht hat?

Nein, das wäre ein falsches Bild. Er war einer, der sich ziemlich gut ausgekannt hat – in vielen Bereichen. Überall hatte er große Geister zu sich geholt, in der Architektur, in der Literatur, in der bildenden Kunst, auch Ingenieure, die ihm neue Maschinen vorgestellt haben – ich glaube, er konnte mithalten im fachlichen Gespräch mit diesen Leuten. Friedrich war einer, der sich mit allem beschäftigt hat, der alles selber können und „beherrschen“ wollte. Friedrich ist nie an etwas dilettantisch herangegangen, das passt nicht zu seiner Persönlichkeit.

Auf dem CD-Cover sind Sie als Friedrich kostü­miert. Würden Sie gern mal einen Tag mit ihm tauschen?

Ich würde lieber in die Zukunft reisen. Friedrich der Große und all die großen Komponisten waren Visionäre, die ihrer Zeit voraus waren. Ich bediene mich der Vergangenheit, um daran zu wachsen. Aber ich fände es faszinierender, mal einen Tag in die Zukunft zu reisen, um Dinge zu sehen, die für uns noch unvorstellbar sind.

CD-Tipp

FlötenKönig. Friedrich der Große

Werke von Friedrich II., J. S. Bach u.a. Emmanuel Pahud (Flöte), Kammerakademie Potsdam, Trevor Pinnock (Leitung). EMI Classics

Termine

Montag, 01.02.2021 19:30 Uhr Theater Lindau

Emmanuel Pahud, Solisten der Berliner Philharmoniker, Christine Schornsheim

J. S. Bach: Triosonate aus dem musikalischen Opfer BWV 1079 & Englische Suite Nr. 2 a-Moll BWV 807, Boulez: Mémoriale, Haydn: Flötentrio Nr. 1 C-Dur, Beethoven: Streichtrio G-Dur op. 9/1, Widmann: Petite Suite, Mozart: Flötenquartett D-Dur KV 285

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