Nicht schlecht für ein Konzert, das bei seiner Uraufführung von der Kritikerlegende Eduard Hanslick mit der berüchtigten Frage bedacht wurde, ob es nicht Werke gebe, die man „stinken hört“. Eine Frechheit, möchte man meinen – eine, die Hanslick gewiss zurückgenommen hätte, hätte er am vergangenen Samstag die großartige, kraftvolle und zugleich feinsinnig gestaltende Lisa Batiashvili in der Elbphilharmonie erlebt.
Mit Tschaikowskys Violinkonzert eröffnete Batiashvili ein anregendes Konzertwochenende der Oslo Philharmonic unter ihrem Chefdirigenten Klaus Mäkelä – und triumphierte damit vollends. Den ersten Satz verzierte sie mit innovativem Zugriff: Das pompöse Hauptthema, bei dem selbst Mäkelä nicht auf gewitzten Pathos verzichtete, umspielte sie virtuos mit komplexen Phrasierungen und markant gesetzten Akzenten. Mäkelä, der eine spürbar enge Bindung zu seinem Orchester aufgebaut hat, suchte fortwährend nach neuen Wegen dynamischer Ausgestaltung, sodass dieser vielfach gehörte Konzertklassiker nie routiniert oder vorhersehbar klang.
Im ständigen Augenkontakt mit der Solistin beinahe synergetisch verbunden, geriet der langsame Mittelsatz, die Canzonetta, zu einem eisigen Innehalten, zu einem Moment des konzentrierten Durchatmens, bevor das exzellent eingespielte Ensemble attacca ins Finale stürmte und Batiashvili dort nochmals markante, verblüffende Akzente setzte. Die Darbietung des Violinkonzerts war derart gelungen, dass sich Batiashvili das Werk auch für den Sonntag wünschte – sehr zum Leidwesen aller Sibelius-Enthusiasten, die sich auf dessen Violinkonzert gefreut hatten, freilich aber zum Vorteil Tschaikowskys, der hier noch feinsinniger, schlanker und weniger opulent pathetisch erklang.
Happy Birthday, Klaus Mäkelä
Ein besonderes Geschenk machte Batiashvili während ihrer Zugabe: Unter den Augen Mäkeläs, der an diesem Samstag seinen 30. Geburtstag feierte, spielte sie gemeinsam mit den Streichern ein atmosphärisches Arrangement, aus dessen impressionistischer Klanglandschaft sich allmählich die Melodie von „Happy Birthday“ herausschälte. Nach einem Moment der Verwunderung war der Anlass allen klar – herzliche Glückwünsche an den jungen Chefdirigenten.

Das eigentliche Geschenk jedoch machte Mäkelä anschließend dem Publikum mit seiner eindrucksvollen Deutung von Dmitri Schostakowitschs kompromissloser Achter Sinfonie. Ein Werk, das hämmert, sägt, entgleist und sich unerbittlich ins Bewusstsein schraubt: Musik des stetigen Kontrollverlusts, der maßvollen Maßlosigkeit. Mäkelä wählt für diese knapp einstündige Klangfabrik einen nüchternen, unpathetischen Zugang, frei von effekthascherischen Zuspitzungen oder künstlich aufgeladenen Reibungen.
Beeindruckend ist dabei die enorme Bandbreite an Charakteren, die diese Sinfonie entfaltet – von der grotesk verfremdeten Militärbanda im dritten Satz bis zur entleerten, beinahe metaphysischen Stille des vierten. Vor allem aber offenbart sich hier die zentrale Qualität des Osloer Orchesters: seine Schönheit liegt in der Summe herausragender Einzelstimmen. Von der feinsinnigen Flöte – bereits bei Tschaikowsky auffällig präsent – über die grell zugespitzte Piccoloflöte bis hin zum maschinenhaft präzisen Fagott agieren die Musikerinnen und Musiker solistisch, ohne den orchestralen Zusammenhang je zu verlieren. Das Publikum dankte mit minutenlangen Standing Ovations für Dirigent und Orchester gleichermaßen.
Der Triumph mit Heimatklängen
Den eigentlichen Höhepunkt des Wochenendes jedoch markierte Jean Sibelius’ „Lemminkäinen-Suite“, in der sich der finnische Nationalkomponist mit dem Kalevala, dem Nationalepos seines Landes, auseinandersetzt. Mehr noch als bei Schostakowitsch schöpft Mäkelä hier aus dem Vollen – getragen von einer tiefen Kenntnis dieser Musik und ihrer inneren Landschaften: Man hört, wie kühle Wellen an die Insel Saari schlagen, wie dichte Nebel das Totenreich Tuonela unheimlich umhüllen und wie der Schwan von Tuonela, begleitet vom berühmten Englischhornsolo, seine einsamen Kreise zieht.
Für Mäkelä, der sich hier in konzentrierter Versenkung verlor, ist dieses impressionistisch vielschichtige Werk kein folkloristischer Selbstzweck, sondern klingende Vorsehung. Mag Schostakowitschs Achte das technisch anspruchsvollere Werk gewesen sein – das bleibende Zeichen setzte der nun dreißigjährige Finne mit Sibelius’ „Lemminkäinen-Suite“.




