Opern-Kritik: Bayerische Staatsoper München – Agrippina

Maßlose Frauenpower

(München, 23.7.2019) Meisterregisseur Barrie Kosky setzt zu den Opernfestspielen auf Regiehandwerk statt auf Transen-Trash, um Händels krassen Politthriller furios von der Leine zu lassen.

© Wilfried Hösl

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Hinter jedem großen Sohn steht eine große Mutter. Der pubertierende Punk Nero jedenfalls wäre wohl niemals Kaiser des römischen Reichs geworden, hätte seine Mutter Agrippina nicht nach allen ungeschriebenen Regeln der Intrige nachgeholfen. Ihre Kunst der Verstellung und des Verrats ist einzigartig. Diese Strippenzieherin lässt noch das übelste Bad Girl handelsüblicher Soap Operas alt aussehen. Wenn sie den Herren aller sozialer Schichten ihre Liebesgunst verspricht, tut sie das in einem atemberaubenden Tempo des amourösen Wechsels. Die erste halbe Stunde in Händels venezianischem Sensationserfolg, den Barrie Kosky jetzt als Premiere der Münchener Opernfestspiele im Prinzregententheater in Szene gesetzt hat, ist eine einzige Kuss-Orgie. Was für ein Weib! Wie herrlich schamlos! Wie wunderbar berechnend! Wie haushoch aller männlichen Beschränktheit überlegen!

Barrie Kosky gibt sich mätzchenfrei, überlegen, fast schon altmeisterlich

© Wilfried Hösl

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Kosky, der an der Bayerischen Staatsoper sehr gern gesehene Regiegast von der Komischen Oper Berlin, muss gar nicht viel hinzufügen, um diesen krassen, krachenden, ironisch durchtränkten Politthriller von der Leine zu lassen. Ja, er versagt sich sogar (fast) all das, was mittlerweile zum Standard der Händelinterpretation zu gehören scheint. Es gibt also mal gar keinen Transen-Trash, gar keine die ewig dauernden Da-Capo-Arien aufpeppenden, durch Statisten ausgeführte Parallelhandlungen, gar keinen übertriebenen Aktionismus. Barrie Kosky könnte natürlich, wie in seinen Berliner Operetten-Produktionen vielfach erprobt, die Regiesau rauslassen. Doch das hat er diesmal nicht nötig. Es muss gar nicht sein. Denn das Libretto aus der (mutmaßlichen) Feder des Kardinals Vincenzo Grimani ist dazu einfach zu (für Barockverhältnisse ungewöhnlich) gut und zu ausgefeilt, die Musik des genialischen jungen Händel ebenso. Kosky kann also geradewegs demütig auf Libretto und Musik lauschen, den Akzenten und Zwischentönen nachgehen und sein mal wieder sensationelles Regie-Handwerk zum Einsatz bringen. Mätzchenfrei, überlegen, fast schon altmeisterlich.

Psychologie und Poesie, Musikalität und Menschenkenntnis in spektakulärer Mischung

© Wilfried Hösl

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

„Handwerk“ ist für einen der größten Opernregisseure der Gegenwart eben kein Kampfbegriff, wie im Regietheaterdiskurs sonst üblich, es ihm Mittel zum Zweck, um einem Werk wirklich auf den Grund zu gehen. Sein Handwerk, perfekt gemischt mit Psychologie und Poesie, Musikalität und Menschen- (sowie Sänger-)kenntnis reichen ihm vollkommen. Das ist beglückend, das ist auf spektakuläre Weise unspektakulär, was womöglich den einen einsamen Buh-Rufer am Ende der Premiere dazu bewogen haben mag so zu brüllen: Hatte er zu wenig Spektakel für sein Geld erhalten? Kosky hat das Stück jedenfalls genauer gelesen und besser verstanden, als dies seine Kollegen sonst tun. Schließlich sind die Regiezutaten von Brechung, Distanzierung und Ironisierung in der „Agrippina“ bereits werkimmanent, von Grimani und Händel also bereits eingebaut. Hier noch mehr Metaebenen aufzusetzen, würde dem Werk seines idealen Bauplans berauben.

Händels herrlich durchgeknallte erotische Gesellschaft

© Wilfried Hösl

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Somit stiftet Barrie Kosky musiktheatralischen Sinn, indem er den Figuren vertraut, diesen so total moralabstinenten, ihre Begierenden und Instinkten folgenden „Agrippina“-Protagonisten, die als Ganzes zu Händels herrlich durchgeknallter erotischer Gesellschaft werden. Zwei maßlos überlegene Frauen beherrschen den Clan. Die Agrippina der stimmlich etwas reifen Britin Alice Coote ist in den wechselnden Roben von Klaus Bruns ein Vollweib, das sich nimmt, was und wen sie will und wäre es der eigene Sohn Nerone. Die angeschärften, dramatischen Höhen der Sängerin passen gut zum Charakter der Kaiserin, in Mittellage und Tiefe gehen ihrem Mezzo die Substanzwerte verloren. Gleichwohl wird ihre vokalexpressiv gestaltete Arie „Pensieri“ im zweiten Akt zum heimlichen Höhepunkt des Abends. Da kommt das Machtmonster ins Grübeln. Zum offiziell glücklichen Finale der Oper merken, wie Recht sie hatte. Denn Macht macht einsam. Zwar setzt sie sich durch, Nerone wird neuer Kaiser, doch die Erreichung ihres größten Ziels markiert auch ihr eigenes Ende, für das Barrie Kosky und Dirigent Ivor Bolton ein nachdenkliches orchestrales Nachspiel aus Händels Feder ans Lieto fine anhängen. Eine kluge Entscheidung, hier auf Musik aus dem Oratorium „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ zu setzen.

Das staunende Hörvergnügen der Qual der Wahl zwischen zwei Countertenören

© Wilfried Hösl

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Szene aus Händels „Agrippina“ an der Bayerischen Staatsoper

Es spricht für den Rang der Bayerischen Staatsoper, dass die Seconda Donna mit Elsa Benoit aus dem Ensemble besetzt ist. Ihre Poppea hat szenischen wie stimmlichen Sex-Appeal, sie spielt mit den Noten so geläufig wie mit den Männern. Ihr Sopranleuchten bezirzt restlos. Bei zwei ihrer diversen Liebhaber hat man das staunende Hörvergnügen der Qual der Wahl zwischen gleich zwei Countertenören. Franco Fagioli als ungezogenes Kind Nerone singt sich in die Koloraturstratosphären einstiger Soprankastraten fantastisch und dennoch ohne Angeberei empor. Iestyn Davies darf als Ottone die langen Lamentolinien der einstigen Alt-Kastraten ausspinnen. Es ist Geschmackssache, wer von den beiden Ausnahmesängern seine Sache besser macht. Ebenso nur vokal Erfreuliches gibt es von den der Damenwelt so unterlegenen weiteren Herren zu hören. Dem eher rustikalen Claudio-Bass des Gianluca Buratto erweist sich der mit satter Sarastro-Tiefe aufwartende Basso profondo Andrea Mastroni als Pallante freilich überlegen.

Als Mann am Pult der in München einst unter Sir Peter Jonas gestarteten Händel-Renaissance setzt Ivor Bolton auf fast schon opulente Orchestertöne, die indes mitunter apart mit Würzungen von Kastagnietten versehen werden. Die getragenen, zu Herzen gehenden Arien gestaltet Bolton gefühlsdicht aus, der barockknackige Händel würde eine Spur mehr Esprit vertragen. Ein Wiedersehen mit der letzten und fraglos bedeutendsten Inszenierung der Münchener Saison 2018/19 wird es in den kommenden Spielzeiten auch an der Royal Opera Covent Garden (dann mit Joyce DiDonato in der Titelpartie), an der Dutch National Opera und der Staatsoper Hamburg geben.

Bayerische Staatsoper
Händel: Agrippina

Ivor Bolton (Leitung), Barrie Kosky (Regie), Rebecca Ringst (Bühne), Klaus Bruns (Kostüme), Gianluca Buratto (Claudio), Alice Coote (Agrippina), Franco Fagioli (Nerone), Elsa Benoit (Poppea), Iestyn Davies (Ottone), Andrea Mastroni (Pallante), Eric Jurenas (Narciso), Markus Suihkonen (Lesbo), Bayerisches Staatsorchester

Bayerische Staatsoper/Nationaltheater

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