Die Zeichen stehen im Moment gar nicht so schlecht für die Werke von Erich Wolfgang Korngold. Gerade gab es an der Rheinoper in Straßburg die Übernahme von Jakob Peters Messers „Das Wunder der Heliane“ (1927), die vor drei Jahren in der Niederländischen Reiseoper herauskam. Nun folgte an der Deutschen Oper Berlin sein Einakter „Violanta“, dessen Libretto, wie im Falle von „Heliane“, auch schon von Hans Müller-Einigen stammt. In Weimar wird es demnächst eine Neuinszenierung von „Die tote Stadt“ geben.
Eine Wunderkindoper
Das Besondere des jetzt in Berlin von David Hermann inszenierten Einakters ist das Alter, mit dem ihn Korngold komponiert hat. Bei einem Uraufführungsjahr 1916 ist bei dem 1897 geborenen Komponisten das Wunderkindlabel wirklich nicht von der Hand zu weisen. Hinzu kommt, dass am 28. März 1916 im Hoftheater München unter Leitung von Bruno Walter zur „Violanta“ in einem Doppelpremieren-Abend auch noch sein Stück „Der Ring des Polykrates“ uraufgeführt wurde. Mit dem schüttelte er gleichsam mit einigem Witz den Konversationston eines Richard Strauss aus dem Ärmel. Mit „Violanta“ aber führte er bei allen Anleihen bei Strauss oder auch Wagner seinen eigenen, opulent eskalierenden Stil ein. Mit einer Prachtentfaltung und einem Instinkt für Melodisches, bei denen man die suggestive Perfektion seiner „Toten Stadt“, mit der er sich dann 1920 als Star unter den Opernkomponisten etablierte, schon erkennt. Ob nun hinter, neben oder gar vor Richard Strauss bleibt dem Auge bzw. Ohr des Betrachters vorbehalten. Dass Strauss ab Mitte der Dreißigerjahre und dann auch nach dem Krieg dominierte, lag nicht an der Qualität oder Publikumswirksamkeit von Korngolds Musik, sondern an den Zeitumständen. Der Rassenwahn der Nazis zwang Korngold ins US-Exil – mit den bekannten und nicht nur ihn betreffenden Folgen für die Präsenz seiner Werke.

Instrumentale Pracht
Vor allem die orchestrale Suggestionskraft, die der bald scheidende GMD der Deutschen Oper Sir Donald Runnicles mit dem Orchester des Hauses zauberte, bei dem Werke aus dieser Epoche mittlerweile ins Repertoire gehören, macht den Reiz des Abends aus. In dieser instrumentalen Pracht, die natürlich von den Protagonisten vollen Krafteinsatz fordert, liegt die Stärke dieser Entdeckung, die vor allem mit ihrer Entschlossenheit zu einer eigenen Tonsprache beeindruckt. Wobei es per se nicht so einfach ist, die Szene ins Verhältnis zum zelebrierten Klangrausch zu setzen. Hier den Zeit- und Ortsvorgaben des Librettos zu folgen, das venezianische Renaissance als Kulisse vorgibt, würde möglicherweise in einer Kitschorgie münden. David Hermann (Regie), Jo Schramm (Bühne und Video) und Sybille Wallum (Kostüme) gehen einen anderen Weg.
Trauma-Therapie
Sie erzählen die Geschichte als eine Art Trauma-Therapie. Bevor die Handlung einsetzt, war Violanta in eine Art Schockstarre des Schweigens und der Verweigerung ihrem Mann Simone gegenüber verfallen, weil sie den Selbstmord ihrer Schwester nicht verkraftet hat. Die Schuld daran gibt sie jenem Prinzen Alfonso, der ihre Schwester verführt hatte. Im einsetzenden Karnevalstreiben hat Violanta diesen Prinzen entdeckt und in ihr Haus gelockt. Ihren Mann überzeugt sie mit einigem emotionalen Aufwand, Alfonso zu ermorden, um den Tod ihrer Schwester zu rächen. Da der Wiener Zeitgeist der Entstehungsepoche unübersehbar beim Libretto und unüberhörbar in der Musik mitschwingt, wird die Begegnung von Violanta und Alfonso zu einer Art Therapiesitzung, bei der Violanta in die Tiefe ihres eigenen Begehrens eintaucht. In der Inszenierung wird so aus dem Verführerprinzen ein Therapeut, der sich seine Notizen macht. Hermann lässt die Geschichte zwar nicht, wie vorgesehen, tödlich für Violanta enden. Aber die Beziehung zu ihrem Mann ist am Ende, als sie sich eingesteht, dass sie selbst seit je Alfonso begehrt.

Auf der Neubayreuther Scheibe
Die Bühne erinnert auf den ersten Blick an die Neubayreuther Ästhetik. Mit einer angekippt erhöhten Scheibe, über der ein Ring schwebt. Um die Vorgeschichte emotional einzubinden, ist der Korngoldschen Klangüberflutung ein Prolog mit einem Stück zur Laute von John Dowland (1563-1626) und Alban Bergs Präludium aus „Drei Orchesterstücke op. 6“ vorangesetzt. Eins verweist auf die (eigentliche) Zeit der Handlung, das andere auf die Entstehungszeit der Oper. Wenn Korngolds Musik einsetzt, beginnt sich Violanta aus ihrer Erstarrung zu lösen. Auf der Scheibe gibt es hier ein paar abstrakt maskierte Karnevalisten, da einen Verehrer. Der eigentliche Kern der Geschichte wird erkennbar, wenn Violanta ihren Mann zum Mord überredet. Olafur Sigurdarson verleiht ihm seine markige Stimmkraft. In der Titelpartie pirscht sich Laura Wilde langsam, aber mit zunehmender Emphase an den Kern ihres Selbsterkenntnistrips heran, wenn sie auf den Prinzen Alfonso trifft. In Gestalt von Mihails Culpajevs sieht der zwar weder wie ein Renaissanceprinz noch wie ein Dionysos oder Sigmund Freud aus. Im grauen Anzug wirkt er höchstens wie ein sehr nüchterner Analytiker mit gezücktem Notizbuch. Aber mit einem schmetternden Tenor und im Zusammenspiel mit Laura Wilde eskaliert der Dialog der beiden. Sie verhindert immer wieder, dass sie jenes Lied anstimmen, das sie mit ihrem Mann als Signal für den Mord verabredet hat.

Eskalierende Ekstase
Wenn sie beide nach und nach eine Schicht nach der andren in Violantas Erinnerung freilegen, durchschreiten sie Räume der Erinnerung, die sich aus der Tiefe in der Mitte der Scheibe wie eine Schraube nach oben drehen. Hier begegnet Violanta der Schwester, sich selbst als alter Frau und einer Marienfigur mit gleich sechs Brüsten unterm blauen Umhang. Auf diesem Weg kommt sie zu der Erkenntnis, dass sie eigentlich Alfonso liebt, oder ihre Vorstellung von ihm, schon immer geliebt hat. Das klingt nach eskalierender Ekstase, mündet in der Aufforderung an ihren Mann, Alfonso nicht umzubringen. In Berlin fängt sie die Kugel aus der Pistole ihres Mannes einfach mit der Hand ab und verschwindet in der Tiefe ihres eigenen Ichs. Was immer das auch bedeutet. Am Ende wird in Berlin eine lohnenswerte Ausgrabung bejubelt.
Deutsche Oper Berlin
Korngold: Violanta
Sir Donald Runnicles (Leitung), David Hermann (Regie), Jo Schramm (Bühne & Video), Sybille Wallum (Kostüme), Ulrich Niepel (Licht), Jörg Königsdorf (Dramaturgie), Jeremy Bines (Chor), Ólafur Sigurdarson, Laura Wilde, Mihails Culpajevs, Kangyoon Shine Lee, Lilit Davtyan, Stephanie Wake-Edwards, Andrei Danilov, Maria Vasilevskaya, Lucy Baker, Michael Dimovski, Paul Minhyung Roh, Pedro Alcàcer, Orchester der Deutschen Oper Berlin, Mitglieder des Opernballett der Deutschen Oper Berlin, Chor der Deutschen Oper Berlin
Do., 29. Januar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Korngold: Violanta
Laura Wilde (Violanta), Ólafur Sigurdarson (Simone Trovai), Mihails Culpajevs (Alfonso), Kangyoon Shine Lee (Giovanni Bracca), Lilit Davtyan (Bice), Stephanie Wake-Edwards (Barbara), Andrei Danilov (Matteo), Donald Runnicles (Leitung), David Hermann (Regie)
Mi., 04. Februar 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Korngold: Violanta
Laura Wilde (Violanta), Ólafur Sigurdarson (Simone Trovai), Mihails Culpajevs (Alfonso), Kangyoon Shine Lee (Giovanni Bracca), Lilit Davtyan (Bice), Stephanie Wake-Edwards (Barbara), Andrei Danilov (Matteo), Donald Runnicles (Leitung), David Hermann (Regie)
Fr., 06. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Korngold: Violanta
Laura Wilde (Violanta), Ólafur Sigurdarson (Simone Trovai), Mihails Culpajevs (Alfonso), Kangyoon Shine Lee (Giovanni Bracca), Lilit Davtyan (Bice), Stephanie Wake-Edwards (Barbara), Andrei Danilov (Matteo), Donald Runnicles (Leitung), David Hermann (Regie)
Fr., 13. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Korngold: Violanta
Laura Wilde (Violanta), Ólafur Sigurdarson (Simone Trovai), Mihails Culpajevs (Alfonso), Kangyoon Shine Lee (Giovanni Bracca), Lilit Davtyan (Bice), Stephanie Wake-Edwards (Barbara), Andrei Danilov (Matteo), Donald Runnicles (Leitung), David Hermann (Regie)




