Ob Mannheim, Karlsruhe oder nun Baden-Baden – im Ländle hat man es verstanden. Bald wird sich auch Mainz mit einem neuen „Lohengrin“ diesem Erkenntnisgewinn anschließen: dass Richard Wagners pseudohistorisch-märchenhafte Oper für das Hier und Jetzt wohl seine relevanteste ist. Nicht unbedingt musikalisch – obgleich sie es mit ihrer erstmals genuin durchkomponierten Struktur und dem Aufkommen zumindest von Erinnerungsmotiven zweifellos auch ist –, sondern weil ihr Sujet, das Ringen eines Volkes um einen erlösenden Heerführer und die beinahe zwangsläufige Katastrophe ohne diesen, so viel über die Gegenwart erzählt: Wohin soll es gehen? Wer traut sich zu, diese Richtung zu bestimmen?

Wagner fettreduziert
In Baden-Baden begründet Dirigierikone Joana Mallwitz gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra eine neue Ära der Osterfestspiele, nachdem Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern nach Salzburg zurückgekehrt ist. Der erste Coup ist dabei das Werk selbst. Kann ein „Lohengrin“ in der Deutung eines der aktuell besten Kammerorchester gelingen? Nun: Er kann – aber nur bedingt. Selbstverständlich hat Mallwitz im Graben bläserreiche Unterstützung positioniert, der Streicherapparat präsentiert sich jedoch um einige Musiker reduziert, was ein überaus scharf konturiertes Klangprofil ermöglicht.
Mallwitz entscheidet sich für Klarheit und eine gewisse Entzauberung. Die Ouvertüre klingt dennoch federleicht und feenhaft – bei dieser Ensemblegröße kaum überraschend –, während die üppigen Chortableaus mit dynamischer Vielfalt und sonorer Tiefe aufwarten. Das beeindruckt nachhaltig. Der Verlust an epischer Breite erweist sich als durchaus reizvolles Experiment; gleichwohl ist der „Lohengrin“ ein Süppchen, das man hier und da gern mit einem Klecks Schlagsahne serviert bekäme. Nicht überall bedarf es des Originalklang-Anspruchs.

Wenn Schwäne und Festspielhäuser Federn lassen
Regie führte Johannes Erath, der ein in seiner Grundidee klug gebautes Szenario entwirft. Er verlegt das Geschehen in die Welt nächtlicher Träumerei – zunächst kaum erkennbar, dann aber sukzessive in subtilen Symbolen wie ein Puzzle zusammengesetzt: Federn regnen bei der Ankunft des Schwanenritters von der Decke, das Volk von Brabant erscheint in eleganten nocturnalen Blau- und Schwarztönen, während Vollmondprojektion und Halbmond im Bühnenrahmen auf eine Reise ins Unbewusste verweisen.
Die Auflösung erfolgt schließlich deutlich, wenn in Ortruds Schlafgemach als Traummetapher nicht die heidnischen Götter, sondern die Nachtgestalten aus Johann Heinrich Füsslis Gemälde „Der Nachtmahr“ über Elsa einfallen. Schließlich liegt Elsas Bruder Gottfried nach dem notwendigen Verschwinden Lohengrins auf dem Bett. Das Schauermärchen ist nicht erlebt, sondern erträumt – er ist schlicht vor dem Fernseher eingeschlafen. So erklärt sich auch, warum der Heeresführer als Einziger einen nüchternen Anzug trägt: Als Nachrichtensprecher fungiert er als Verbindung zur Realität in einer Welt aus Mythos und Folklore.

Ein kleiner Hauch von Kitsch
So schlüssig die Auflösung, so mühsam führt Erath sein Publikum dorthin. Über weite Strecken bleibt das videotechnisch raffinierte, gestalterisch jedoch eher uninspirierte, teils kitschige Bühnenbild bloße Kulisse für ein weitgehend frontales Singen an der Rampe. Insbesondere der Chor verharrt als unbewegte Masse; wenige Handgreiflichkeiten deuten Zwietracht und Orientierungslosigkeit der Brabanter an, das Bewegungsvokabular ist rasch erschöpft. Bestenfalls werden die Chormassen wie Metallspäne von Lohengrin angezogen oder von Friedrich von Telramund abgestoßen. Die mangelnde Personenführung – auch bei den Solisten, die selten über einige markante Gesten hinauskommen – verleiht dem Abend bisweilen zähe Züge.

Großartige Charakterdarsteller
Gestalterisch überzeugen die Sänger hingegen durchweg. Kwangchul Youn eröffnet als König Heinrich den Reigen wie ein von Gott berufener Prediger: mit gravitätischer Deklamation, mustergültig gerolltem „r“ und profundem Bassnachhall. Bariton Wolfgang Koch beeindruckt als Telramund mit einer theatralisch durchdrungenen Rollenauslegung, vielfältigen Farbnuancen, geifernder Cholerik und exemplarischer Wortdeutlichkeit – womöglich die eindrucksvollste Leistung des Abends. Tanja Ariane Baumgartner knüpft als Ortrud mit kirschlikörveredeltem dramatischem Alt daran an und gestaltet die harmonisch faszinierendste Partie mit großer Spielfreude.

Lohengrin mit Wohlfühlstimme
Rachel Willis-Sørensen wirkt in Ausdruck und Haltung fast zu sehr wie eine geborene Walküre, formt ihre Elsa jedoch differenziert – angesichts der Dimensionen des Festspielhauses keine Selbstverständlichkeit. Schließlich erweist sich Piotr Beczała als Lohengrin als lyrischer Tenor von originärer Kraft, wie man ihn sich hier nur wünschen kann: ohne jede affektierte Überzuckerung, dafür mit kluger, professioneller Feinabstimmung der stimmlichen Mittel. Ein Wermutstropfen bleibt das vereinigte Chorensemble aus dem Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn und dem Philharmonia Chor Wien, das sich insbesondere im komplexen zweiten Akt einige Ungenauigkeiten erlaubt; die rhythmisch einfacheren Rahmensätze gelingen hingegen solide.
Spannend wird es, wenn im kommenden Jahr – anlässlich des 200. Todestags von Ludwig van Beethoven – mit „Fidelio“ ein zurückhaltenderes, ressourcenschonenderes Werk auf dem Programm steht. Vielleicht kann das Mahler Chamber Orchestra dann noch stärker aus dem Eigenen schöpfen. Ein beeindruckendes Experiment ist dieser „Lohengrin“ jedoch allemal.
Osterfestspiele Baden-Baden
Wagner: Lohengrin
Joana Mallwitz (Leitung), Johannes Erath (Regie), Herbert Murauer (Bühnenbild), Gesine Völlm (Kostüme), Joachim Klein (Licht), Bibi Abel (Video), Petr Fiala, Walter Zeh & Thomas Böttcher (Chor), Piotr Beczała, Rachel Willis-Sørensen, Wolfgang Koch, Tanja Ariane Baumgartner, Kwangchul Youn, Samuel Hasselhorn, Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn, Philharmonia Chor Wien, Mahler Chamber Orchester
Termintipp
Di., 31. März 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Lohengrin
Osterfestspiele Baden-Baden
Termintipp
So., 05. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Lohengrin
Osterfestspiele Baden-Baden




