Opern-Kritik: Salzburger Festspiele – Così fan tutte

Comédie humaine ohne Corona

(Salzburg, 12.8.2020) Dirigentin Joana Mallwitz und Regisseur Christof Loy vollbringen eine musikalische wie szenische Spitzenleistung mit zeitlos gültiger und berührender Lebensnähe.

© SF / Monika Rittershaus

Bogdan Volkov (Ferrando), Marianne Crebassa (Dorabella), Andrè Schuen (Guglielmo)

Die Sommersonne meint es gut mit Salzburg zum Jubiläum „100 Jahre Festspiele“. In der Altstadt und an der Salzach pulsiert der Gästestrom fast so reißend wie gewohnt. Im Furtwänglerpark wird champagnisiert und die durch Hygienekonzept ausgedünnte Platzausnutzung schlägt, betrachtet aus einer Parkettloge des Großen Festspielhauses, bei weitem nicht so stark auf’s Gemüt wie vor Anreise befürchtet. Im Gegenteil: Auf der künstlerischen Seite bedeutet der erzwungene Verzicht auf vollständige Füllung einen beträchtlichen atmosphärischen Ressourcengewinn. Eine „reguläre“ Salzburger „Così fan tutte“, die in der ursprünglichen Planung trotz der großen Bedeutung gerade dieser Mozart-Oper für die Festspielgeschichte seit 1922 nicht vorgesehen war, hätte im kleineren Haus für Mozart stattgefunden. Aber so zeigt Christof Loy mit der Senkrechtstarterin Joana Mallwitz im Riesenraum des großen Festspielhauses, was der medialisierten Corona-Gesellschaft seit fünf Monaten fehlt: Explosive körperliche Berührungen (fast) ohne biologische Risiken. Der sezierende Blick auf diese intensive Produktion ist gut, doch mit dem Herzen sieht man besser. Das gilt erst recht in der von Corona diktierten Kultur-Sparzeit – auch darum geht es in dieser unsentimentalen Sternstunde. Der in Wien 1790 uraufgeführten Oper bekommt diese Erweiterung im Raum überraschend gut.

Emotionale Berührungen

© SF / Monika Rittershaus

Elsa Dreisig (Fiordiligi), Bogdan Volkov (Ferrando), Andrè Schuen (Guglielmo), Marianne Crebassa (Dorabella)

Nur zwei Paar Pumps stehen zu Beginn im hellen Bühnenraum Johannes Leiackers mit Stufen in den Orchestergraben und der hohen Wand mit zwei Flügeltüren. Das erweist sich nach dem Hygienegebot „Fächern verboten“ an das Publikum schnell als Finte. Auf der Bühne trägt als einzige die Angestellte Despina bei ihrer kurzen Verkleidung als Ärztin eine Atemmaske. Hier ist „Così fan tutte“ also keine Geschichte für Weiberfeinde, keine böse Partnertauschposse und kein Drama für Misanthropen. Dafür agieren sympathische Menschen ohne geschlechtliche Hierarchien: Das Destillat von 135 pausenlosen Minuten aus Mozarts dreistündiger Partitur wird zur Comédie humaine in einer Gesellschaft ohne Corona. Berührungen sind oft erlaubt und meistens erwünscht. In den schlichten Zeitkostümen von Barbara Drosihns, die nur an den als Verführer über Kreuz auftretenden Liebhabern fröhlichere Farben ins Spiel bringt, gibt es zwischen den sechs Figuren also außergewöhnlich viel Körperkontakt. Dieser meint neben der Suche nach emotionaler und erotischer Geborgenheit immer auch die physische Selbstversicherung: Wer und wo Ist das Gegenüber, wo und was bin ich? Brennende Fragen fürwahr.

Ballungsräume körperlicher Nähe

© SF / Monika Rittershaus

Lea Desandre (Despina), Marianne Crebassa (Dorabella), Elsa Dreisig (Fiordiligi)

Wie zur himmlischen Länge von Fiordiligis Rondo, während dessen Dorabella fragend unentschieden zwischen Ferrando und Guglielmo steht, erzeugt Loy immer wieder Ballungsgebiete von Leibern in sanfter Nähe zueinander. Eine derart verdichtende Intensität und dabei so viel Gelassenheit kann nur entwickeln, wer von den pikanten Aufgeregtheiten im Libretto Lorenzo da Pontes zu Mozarts seraphischen Dimensionen vorgedrungen ist. Diese Musik lügt nicht: Eigentlich sind es zwei angenehme Kerle, die in diesem heiteren Drama versuchen, die Partnerin des anderen in 24 Stunden herumzukriegen. Christof Loy, dessen „Così“ in Frankfurt vor zwölf Jahren zur Inszenierung des Jahres gekürt wurde, und Joana Mallwitz, die sich auf ihre Erfurter „Così“-Erfahrung stützte, stellten sich den Herausforderungen mit zugegebenen Vorkenntnissen.

Die Musik hat immer recht!

© SF / Monika Rittershaus

Elsa Dreisig (Fiordiligi), Bogdan Volkov (Ferrando), Marianne Crebassa (Dorabella)

Zwei Grundvereinbarungen trafen Dirigentin und Regisseur. Keine Fragen nach Trug oder Tiefgang der Emotionen – was erklingt, ist immer wahr. Und immer geht es, hinausgreifend über das Partnerschaftsgeplänkel, um alle Dimensionen des Menschseins. So sensationell wie angekündigt ist dieses Verfahren allerdings nicht: Ungewöhnliche Striche gibt es in dieser Produktion kaum. Den Rotstift benutzten Mallwitz und Loy – das kommt bei „Così“ öfter vor – in erster Linie bei den Arien des zweiten Aktes. Bemerkenswert sind dagegen mehrere Sprünge in dem trotzdem fast zwei Drittel der Gesamtdauer ausmachenden ersten Aufzug. Diese„Così“ erweist sich als Meisterstück der dramaturgischen Disposition. Denn Mallwitz und Loy ermöglichen im schnellen Spieltempo immer wieder Raum für intensive Zeitstopper. Mit dieser musikalischen Makellosigkeit hätte man gern auch den großen vorenthaltenen Rest gehört. Joana Mallwitz akzentuiert Mozarts musikalische Rhetorik und lässt alle Gruppen der Wiener Philharmoniker mit stratosphärischer Milde aufblühen.

Vollendet schöne Gesamtleistung

© SF / Marco Borrelli

Schlussapplaus für „Così fan tutte“ bei den Salzburger Festspielen 2020

Vielleicht liegt es an der französischen Herkunft der drei Sängerinnen, dass Elsa Dreisig, Marianne Crebassa und Léa Desandre Mozarts Diskurse über Seelen und Körper so direkt, so pointiert, so plausibel und lebensnah artikulieren. Beim gesamten Ensemble befinden sich Diktion, Ausdruck und das innere Verstehen dieser komplexen Komödie in idealer Übereinstimmung. Die Figuren wissen alle, wie Despina sagt, wo der Teufel seinen Schwanz hat. Aber egal ob beim Entschluss der Frauen zur Flirt-Offensive oder der Männerwette: Loy zeigt auf jeder erotischen Zielgerade das Nachdenken der Figuren darüber, ob und wann sie ihren Trieben trauen und nachgeben dürfen. Demzufolge gibt es keine Repräsentanten toxischer Männlichkeit, selbst wenn Andrè Schuen seine Vorzüge forscher ausstellt als Bogdan Volkov, dessen tenorales Leichtgewicht direkt aus dem Paradies herabschwebt. Und Don Alfonso? Johannes Martin Kränzle modelliert eine fast zu edle Seele, die indem angezettelten Qui-pro-quo lieber affektiver Mitspieler als Provokateur und Psychotherapeut wäre. Eine wunderbare Perfektion verkleistert also keine einzige jener Fragen, die sich erst recht aus einer vollendet schönen Aufführung ergeben. Vielleicht liegt es doch an der knappen Kernzeit zwischen Planung und Premiere, dass diese „Così“ den Anspruch der Salzburger Festspiele mustergültig verwirklicht: Eine Spitzenleistung mit zeitlos gültiger und berührender Lebensnähe.

Salzburger Festspiele
Mozart: Così fan tutte

Joana Mallwitz (Leitung), Christof Loy (Regie), Johannes Leiacker (Bühne), Barbara Drosihn (Kostüme), Olaf Winter (Licht), Huw Rhys James (Chor), Nels Nuijten (Dramaturgie), Elsa Dreisig (Fiordiligi), Marianne Crebassa (Dorabella), Andrè Schuen (Guglielmo), Bogdan Volkov (Ferrando), Lea Desandre (Despina), Johannes Martin Kränzle (Don Alfonso), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker

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